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Cybergefahren für Staaten und Bürger ernst nehmen

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CYBERATTACK
scyther5 via Getty Images
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Vor wenigen Tagen erst sind die Services zahlreicher namhafter Online-Anbieter in die Knie gegangen. Besonders die USA, der Großraum London, aber auch Deutschland waren betroffen. Doch der Mensch vergisst schnell und geht zur Tagesordnung über.

Die ausgeprägte Sorglosigkeit der Deutschen verwundert dann allerdings doch. Während andere G7-Staaten tausende von Spezialisten im Bereich der defensiven und offensiven Cyber-Defence beschäftigen, rafft sich Deutschland gerade aktuell zu einem kleinen Cyber-Abwehrzentrum auf. Zu spät, zu defensiv, zu klein und unterfinanziert. In der internationalen Sicherheitsszene lächelt man nur müde über die deutsche Truppe.

Doch nicht nur Angriffe auf die Infrastruktur nehmen zu, sondern auch Attacken auf Ruf und Ehre von ganz "normalen" Menschen. Die fortschreitende Technik macht es möglich. Praktisch jede Hausfrau, die ein Smartphone anschalten kann, ist in der Lage mit ein paar geschickt platzierten Tastendrücken einen Shitstorm vom Stapel zu lassen.

Der neuste Trend sind allerdings Astroturfing-Shitstorms. Das sind Shitstorms, die so aussehen sollen, als wären sie Graswurzelbewegungen, doch in Wahrheit sind sie komplett künstlich durch gekaufte Trolle inszeniert, oder aber sie werden zumindest von solchen geschickt angeheizt. Wenn Sie jetzt glauben, ich schreibe von Staaten als Hintermänner, dann irren Sie. Diese Masche ist inzwischen bei windigen Unternehmern und in "web based communities" angekommen. Eine ganz üble Sache.

Spätestens seit der Begriff "Shitstorm" den Weg in den Duden gefunden hat, ist ohnehin klar, dass das Phänomen der massenweisen Schmähkritik in der Mitte der Gesellschaft sein Unwesen treibt. Ich habe gerade für ein Unternehmen mit dem "Shitstormsimulator" gearbeitet und Mitarbeiter der Kommunikationsknotenpunkte trainieren lassen.

Für eine solche Shitstormsimulation werden die Social Media-Kanäle der potentiellen Opfer optisch und inhaltlich nachgebaut. In diesem vertrauten Umfeld lässt mein Team dann ein im Vorfeld definiertes Szenario in mehreren Eskalationsstufen durchspielen. Dabei nehmen die Trainer die nachgebauten Social Media-Kanäle unter Beschuss.

Darauf angemessen zu reagieren ist die Lernaufgabe und das ist gar nicht so einfach. So mancher Teamleiter erleidet einen heilsamen Schock, denn viele Kommunikationsverantwortliche erfassen erst durch eine Shitstormsimulation, wie unvorbereitet sie und ihre Teams in Wirklichkeit sind und wie rasant sich eine Krise in den sozialen Netzwerken entwickelt.

Für die Bundesregierung gilt wohl Ähnliches. Es muss wohl erst zu einem größeren Blackout kommen, bevor die deutsche Cyber-Abwehr technisch und personell auf internationales Niveau gehoben wird. Der Faktor zehn ist hierbei sicher realistisch.

Günstiger wäre es übrigens gewesen, einen Teil der Abwehr mit den internationalen Freunden zu teilen. Aber nach all der Hysterie gegen ausländische Geheimdienste, ist deren Antrieb Deutschland mitzubeschützen inzwischen nicht mehr allzu groß. Wenn man seine Freunde, egal aus welcher Himmelsrichtung, wegen lässlicher Sünden vom Hof jagt, muss man sich nicht wundern, wenn man am Ende alleine und verlassen ist in seinem provinziellen Denken.

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