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Wie Eltern ihren Kindern mit falschem Lob schaden, obwohl sie es gut meinen

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KIND LOBEN
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Ein junger Vater und sein Dreijähriger im Copyshop: Moritz darf für jedes Blatt den Startknopf betätigen. Die Reaktion des Vaters: "Wunderbar...fabelhaft...toll...usw." bei jedem Mal!

Die Reaktion des Sohnes: Er wird nach dem dritten Mal missmutig; man merkt ihm an, dass er sich innerlich windet und die Stimme des Vaters nicht mehr hören kann. Der Vater lobt noch heftiger, bis Moritz sich von ihm abwendet.

Lob kann schaden. Selbst der kleine Knirps spürt, dass sein Vater übertreibt, denn er hatte nur den grünen Knopf gedrückt und das war für ihn beim dritten Mal schon Babykram! Ihm wurde es regelrecht unangenehm, weil er sich wahrscheinlich "tot-gelobt" fühlte. Damit meine ich, dass man die eigenen Gefühle abschaltet, wenn das Lob zu dick, zu übertrieben und zu penetrant erfolgt.

Kinder verlieren ihr Gespür für realistische Wahrnehmung

Fragen Sie sich selbst: Würden Sie sich wohl fühlen, wenn jemand ihnen für eine Tasse Kaffee sechsmal eine Lob für ihre phantastischen Kochkünste ausspräche? - Das gleiche gilt beim Bedanken: Kinder werden "zu-geschüttet" mit Dank, wenn sie etwas ganz normales tun, z.B. ein Bonbon weiterreichen.

Es wäre so, als wenn sich ihre Nachbarin, der sie eine Tüte Milch geliehen haben, bei ihnen mit einem Luxusblumenstrauß bedankt. Auch sie würden sich innerlich winden, unangenehm berührt sein!

So geht es vielen Kindern täglich mehrfach, wenn sie totgelobt oder mit Dank zugeschüttet werden, so dass sie ihr eigenes Gespür für die realistische Wahrnehmung dessen, was sie da getan haben (Knöpfchen drücken) verlieren.

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Das beinhaltet, dass sie sich immer weniger auf ihre eigenen Gefühle, ihre emotionale Intelligenz verlassen können, weil ihr Wahrnehmungskanal (Spüren, Abwägen, realistisches Einschätzen) buchstäblich durch Lob oder Dank verstopft. Als würde ihnen der "freie" Zugang zur Welt, zu dieser alltäglichen Situation durch Lob verstellt.

Lob kann auch herabsetzen, entwürdigen, beleidigen

Ein 12-Jähriger geht die Strecke vom Ferienhaus zum Meer auf einem schmalen Waldpfad den Erwachsenen voraus. Die Strecke ist weder neu, sie wird täglich seit Jahren benutzt, noch gefährlich noch irgendwie besonders, aber der hinter ihm gehende Vater lobt ihn in ca. 30 Minuten 18 Mal (mitgezählt!).

Es entsteht eine fast irrationale Atmosphäre, weil alle Maßstäbe (was welche Wichtigkeit hat, was gut oder schlecht ist, was ein 12jähriger kann oder nicht kann) auf den Kopf gestellt sind.

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Auch wird deutlich, dass dieses Loben eigentlich eine tiefe Verletzung, auch Missachtung (passive Aggression!) seiner Person und seines Könnens darstellt, weil es so völlig daneben liegt. Lob kann nämlich auch herabsetzen, entwürdigen, beleidigen. Der Sohn bleibt bis in seine Studentenzeit schmerzhaft schweigsam und kontaktscheu.

Das andere Extrem ist Kritik, die herabwürdigt ("Du bist ein Idiot..."), generalisiert ("Nie ....immer..."), die vergleicht ("Deine Schwester konnte das schon mit vier!"), die verletzt ("Warum habe ich bloß so ein dummes Kind?"), zynisch oder sexuell anspielend ist und welche ausschließlich mit dem eigenen Lebensfrust, der eigenen sexuellen Enttäuschung, der eigenen Beziehungsunfähigkeit zu tun hat und rein gar nichts mit dem Kind. Denn jede unangemessene Kritik sagt in erster Linie etwas über den Kritiker aus.

Falsches Lob nimmt Kindern den Mut und die Kraft

Vernünftige Menschen wissen es zumindest hinterher, wenn ihre Kritik vernichtend und entwertend war. Und entschuldigen sich ernsthaft bei ihrem Kind.

Die, die selbst dies nicht mitbekommen oder sich nicht eingestehen können, haben offensichtlich Defizite im eigenen sozialen Lernen, was nur durch liebevolles Nachlernen in Selbsthilfegruppen oder in einer Therapie zu beheben ist.

Und dann unterminiert noch das Jammern, Nörgeln, Klagen (siehe "Jammern...") die Lebensfreude aller Familienangehörigen. Natürlich wirkt auch dies wie Kritik auf die Kinder und zerrt an ihren Nerven, untergräbt oder zerstört ihr Selbstbewusstsein, nimmt ihnen Mut und Kraft.

Als Drittes noch die Kontrolle (eine Frauenkrankheit?). Alles muss so gehen, wie sie es sich vorgestellt haben: Die Socken müssen zur Windel passen, die Freunde zur Wohnungseinrichtung, es wird so viel geputzt bis alle mit Allergien reagieren, es wird in Gedanken eingedrungen und sogar in Gefühle ("Ich weiß viel besser als Du selbst, was Du fühlst...").

Die Verquickung von Kontrolle und Liebe ist klebrig, langanhaltend und macht unfrei

Selbst die Ehemänner werden in ihren Beziehungen zu den Kindern derart kontrolliert, dass es allen Beteiligten die Lust abwürgt (zumal dieses Kontrollverhalten leider meist an die eigene Mutter erinnert, was die Probleme potenziert!).

Alles im Gutmeinen, Besserwissen, in der Position der weiblichen Gefühlshoheit. Doch die Verquickung von Kontrolle und Liebe ist klebrig, langanhaltend und macht unfrei. (Ein italienischer Liebhaber war schon 56 Jahre, aber die Mamma durfte nichts wissen, also rief er brav nach heißen Nächten allmorgendlich um 6.30 Uhr zu Hause an, um zu vermelden, dass er noch lebte und um der Kontrollsucht seiner Mamma aktiv zu entsprechen...).

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Das Maß des richtigen Lobens ist eine Kunst, zumal es die Selbstkritik und den Realitätssinn des Kindes schulen sollte: Was findest Du (und niemand sonst) an Deinem Drachen gut und was ist verbesserungswürdig? Was fühlst Du bei Deiner Vier in Erdkunde? Was möchtest Du das nächste Mal verändern und wie könntest Du diese Veränderung erzielen?

Natürlich soll Lob bestenfalls aufbauen. Kinder haben schon früh ein sehr feines Gespür (und auch das sollte ihnen unbedingt erhalten bleiben!), was echt ist, wann die Erwachsenen Blödsinn reden, übertreiben bzw. wann sie "falsch" im Sinne von unecht sind.

Klare "Ich-Botschaften" sind wichtig

Und Kritik sollte ebenso aufbauend sein: Das Mögliche und Nahe betonen, damit niemand an den zu weit gesteckten Zielen verzweifeln muss, die eigenen Kräfte hervorlocken.

Klare "Ich-Botschaften" sind wichtig, d.h. seine eigenen Gefühle als solche aussprechen, niemanden anderen vorschicken (...was sagen die Nachbarn...), aber auch die Gefühle des anderen hören und respektieren (Vorbildcharakter): "Ich kann es nicht akzeptieren, wie Du mich heute bei meinem Gespräch unterbrochen und gestört hast!".

Lob das aufbaut, Kritik die aufbaut und Kontrolle die schützt: Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem E-Book "Ein Erziehungsalphabet: Von A bis Z - 80 pädagogische Begriffe".
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