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Das sollten Eltern tun, wenn sich ihr Kind langweilt

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KINDER LANGEWEILE
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Der Müßiggang galt bei den Griechen als höchste Lebenskunst. Den Luxus, nicht arbeiten zu müssen, kann sich jedoch nur eine kleine Minderheit bzw. können sich viele Rentner leisten. Die Qual, nicht arbeiten zu dürfen, betrifft hingegen Millionen Menschen.

Kompensiert wird dies durch rund 130 Milliarden Euro, die bei uns in die Freizeitindustrie gesteckt werden, wobei die freie Zeit oft zur Hektik gerät.

Durch die Waschmaschine, das Internet, den ICE: Wir sparen ständig Zeit, doch was damit tun? Denn Langeweile ist ein gefürchteter Zustand. Deswegen nehmen sich die meisten keine Zeit, zu nichts.

Der Psychologe Erich Fromm sagte bereits vor Jahrzehnten, wir würden überflutet durch "einfache Reize", nämlich die der Medien, die aber nur passive Reaktionen hervorrufen, weswegen sie (ein Suchtmerkmal!) ständig erneuert werden müssen.

Das Bedürfnis nach kitzelnden Aktivitäten ist enorm groß

Zudem fördern sie Bilder von aufregenderen Lebensentwürfen, weswegen unser eigenes Leben uns immer uninteressanter vorkommen muss.

Das Allerwichtigste: Diese Informationen werden nur gesehen, weniger gefühlt: Sie berühren nur oberflächlich auf einer hysterischen, künstlichen Ebene, entleeren sogar von tiefen Gefühlen. Abzulesen an der schlechten Laune von Kindern und Erwachsenen nach langem Medien-Konsum.

Mehr zum Thema: Ein Hirnforscher erklärt, was Kinder mehr als alles andere von ihren Eltern brauchen

Im Psychiatrielehrbuch finden wir die "Histrionische Persönlichkeit", den Prototypen des Langeweileflüchtlings: ein Mensch, der zu Dramatisierungen neigt, zu oberflächlichen Gefühlen, zu lockeren (sexuellen) Beziehungen und dem andauernden Verlangen nach Anerkennung und Bewunderung bei gleichzeitiger großer Kränkbarkeit.

Das Bedürfnis nach kitzelnden Aktivitäten ist enorm groß. Sein Lebensthema ist die Flucht vor der inneren Leere.

Kinder dürfen keine innere Leere verspüren

Kinder kommen keineswegs mit dieser Ich-Schwäche auf die Welt. Innere Leere wird erzeugt, wenn die Bindung unzureichend, wenn kein Lebenssinn vermittelt, wenn die Leere mit leerem Konsum und Abhängigkeiten (von der Arbeit, vom Fernsehen und allen Medien, von der Hektik, von Ex-und Hopp-Kontakten, von Suchtmitteln) gefüllt wird.

Deutlich wird die innere Leere an Wochenenden und im Urlaub, wenn das Ich den nach innen gehenden Zorn spürt, mit sich selbst nichts anfangen zu können, in sich selbst phantasielos herumlungert. Doch sich der Muße, als positive Definition von Langeweile, hinzugeben, macht die Bahn frei für Neues, für den schöpferischen Akt.

Konkret: sich Zeit nehmen heißt intensiv zu leben ohne Ablenkung. Deutlich wird es in unseren besten Situationen: im Liebesakt, beim Spazierengehen am Strand, beim Musikhören, beim Schmusen mit einem Kind.

Kinder dürfen sich nicht langweilen, denn das macht Mütter ganz hektisch und nervös. Sie fühlen sich als Animateure, verwalten das Repertoire an "Frei"-Zeitangeboten mit großen logistischen, emotionalen und finanziellen Anstrengungen.

Viele Eltern fürchten Langeweile bei ihren Kindern

Dabei wollen viele Kinder oft nur "frei" haben, wirklich frei, wollen gammeln, nichts tun, dösen, nicht produktiv, nicht kreativ und nicht verplant sein, um bessere Leistungsmenschen zu werden. Sie wollen nur Mensch sein, daseinsberechtigt ohne Taten, Ruhe haben jenseits von Plänen und Vergleichen mit anderen.

Mehr zum Thema: Das passiert mit Kindern, die früh in die Kita kommen

Der Grad der Langeweile hängt davon ab, ob der Mensch Interessen und Fähigkeiten ausgebildet hat. Kann das Kind wirklich selbstvergessen spielen, kann es sich an Dinge, Situationen, Phantasien verlieren oder vergißt es nur noch vor den Medien die Zeit?

Dieses "selbstvergessene Aufgehen im Tun", diese "Flow-Erlebnisse" (Csikszentmihalyi 1999) erreichen wir, wenn uns der Prozeß fesselt und wir darüber unsere Spannungen, Ängste sowie Sorgen vergessen und innerlich "abheben".

Die höchsten Flow-Erlebnisse erreichen Menschen bei fünf Tätigkeiten:

1. Im Spiel und bei der künstlerischen Betätigung: Ohne Überforderung (Spielunlust), ohne Unterforderung (Langeweile). Bestenfalls entsteht eine Dynamik, bei der wir nicht nach dem (Lebens-)Sinn fragen, sondern leben und genießen, weil unser Ego (auch ziemlich langweilig!) zurücktritt.

2. Wir langweilen uns nicht bei (angemessener und adäquater) körperlicher Bewegung und differenziertem Sinnesgenuss. "Ein untrainierter Körper bewegt sich schwerfällig und unbeholfen, ein untrainiertes Auge sieht nur chaotische und uninteressante Dinge, ein untrainiertes Ohr fühlt sich selbst durch gute Musik belästigt. Die Verkümmerung der Sinne ist eine der wichtigsten Ursachen für Langeweile" (Ernst, 1990).

Ein Museumsbesuch ist für nicht-schauen-könnende Menschen eine Qual, ebenso wie Skilaufen oder Saxophonspielen am Anfang. Doch hat man die mühsame Lernphase diszipliniert überwunden, stellen sich Lust, Freude und tiefe Zufriedenheit ein!

3. Lesen gilt als Abwehr gegen die Langeweile, denn das Gehirn wird durch Beta-Wellen aktiviert, es produziert eigene Bilder und Vorstellungen.

4. Der Erwerb von Sachkompetenz verscheucht Langeweile. Das kann Schlagzeugspielen oder Fotografieren sein, Schachspielen oder die Arbeit in der Schülermitverwaltung.

Es kommt darauf an, in diesem Bereich sein Wissen, seine Fähigkeiten, seine Kenntnisse und damit sein Selbstvertrauen zu steigern, um direkte Befriedigungen zu erzielen und keine Umwege und Ersatz- bzw. Suchtstoffe zu brauchen.

5. Altruistisches Handeln vertreibt ebenfalls Langeweile, weil es intensive Gefühle erzeugt und dem (langweiligen) Ego etwas entgegensetzt. Werden beispielsweise Patenschaften für jüngere Kinder in der Schule übernommen, entstehen Gefühle von Stolz, Verantwortung und Selbstvertrauen (man darf sich schon groß fühlen!).

Mehr zum Thema: Das passiert mit Kindern, die sich häufig langweilen

Engagieren sich Kinder gemeinsam mit den Eltern, zum Beispiel den Stadtwald mit vielen Freunden zu säubern oder bei anderen Umweltaktionen, können lustige und wertvolle Erfahrungen gemacht und viel Spaß produziert werden. Alle dies kann vor einem Bildschirm nicht entstehen.

Eltern von kleinen Kindern fürchten die Frage "Was soll ich bloß machen?" und schalten viel zu schnell das still-, aber auch stummmachende Filmchen ein.

Doch dadurch entsteht ein negativer Kreislauf: Weder die Kinder noch die Eltern können Phasen (Minuten oder auch mal eine Stunde) von langer Weile aushalten, betäuben zu schnell mit dem Suchtmittel der raschen Dopaminausschüttung durch die Bildmaschinen, wodurch das Vermögen, kreativ zu werden im realen Leben abnimmt bzw. bei kleinen Kindern erst gar nicht erst zum Blühen, Wachsen und Gedeihen kommt.

Diese Geduld und das Aushaltevermögen haben viele Eltern nicht mehr, weil sie selbst vielleicht handyabhängig sind oder sich durch die Schnelllebigkeit in ihrem Jobs permanent auf dem Hektikmodus befinden.

Da kann nur man raten: Die "Entdeckung der Langsamkeit" (Nadolny) kann man wunderbar gerade an kleinen Kindern wiederfinden und neu, genussvoll, entschleunigend lernen (und man spart sich zudem Anti-Stress-Seminare).
Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem E-Book "Ein Erziehungsalphabet: Von A bis Z - 80 pädagogische Begriffe".

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Literatur:

Csikszentmihalyi, Mihaly: "Das Flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und
Langeweile. Im Tun aufgehen", Stuttgart 1999

Ernst, Heiko: "Gesund ist, was Spaß macht", in "Psychologie heute", 1/1990

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