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Altersarmut: Ich sorge dafür, dass ihr einen tollen Urlaub habt, ich selbst bin 70 und werde mir nie einen leisten können

03/08/2017 10:20 CEST | Aktualisiert 03/08/2017 13:26 CEST
dpa

Die Sonne flimmert rot-orange über dem Horizont, Möwen ziehen ihre einsamen Runden über den Köpfen der Badenden. Es ist Abend an einem Strand in Kolumbien, ich habe keine Termine und schlürfe ein kaltes Bier.

So stelle ich mir meinen Urlaub vor. Doch die Realität sieht leider anders aus.

Gerade sitze ich vor einem Hotel in Würzburg und betreue eine Reisegruppe von rund 30 Leuten. Ich sorge dafür, dass andere Menschen einen Urlaub haben, den sie nie wieder vergessen. Ich selbst bin 70 Jahre alt und werde mir eine Reise, wie meine Gäste sie erleben, niemals leisten können.

Ich habe meine Ausbildung als Kellner in einem Schweizer Luxushotel gemacht und danach in vielen Ländern gearbeitet. Seit über 20 Jahren mache ich jetzt den Job als Reiseleiter, früher in Südamerika, heute wohne ich in München und arbeite vor allem in Deutschland. Aber eine vernünftige Rente habe ich nicht.

Ich möchte niemandem auf der Tasche liegen

Wenn ich nicht noch immer arbeiten würde, müsste ich mit 240 Euro im Monat auskommen. Das ist die Summe der Zahlungen, die ich aus drei Staaten bekomme. Immerhin: Dieses Jahr wurde meine Rente um 2,50 Euro aufgestockt.

Natürlich könnte ich die Grundsicherung beantragen. Freunde sagen mir, das sei mein gutes Recht als deutscher Staatsbürger. Doch das lehne ich strikt ab. Ich möchte niemandem auf der Tasche liegen, sondern frei und unabhängig bleiben - auch im hohen Alter. Deswegen arbeite ich zwölf Monate im Jahr.

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Wenn ein, zwei Touren ausfallen, komme ich schon in eine finanziell brenzlige Situation.

Vor zwei Jahren stand ich im Winter einen Monat lang ohne Arbeit da. Einige Reisen waren spontan abgesagt worden. Ich musste einen Kredit über mehrere tausend Euro mit 15 Prozent Zinsen aufnehmen. 600 Euro habe ich heute noch abzubezahlen.

Dennoch will ich nächstes Jahr auf sechs bis acht Monate Arbeit reduzieren. Dafür muss ich meine Ausgaben minimieren.

Am meisten Sorgen macht mir die Krankenkasse. Dafür zahle ich 7500 Euro im Jahr. Wenn es hart auf hart kommt, muss ich sie kündigen.

Ich bin auf einem Auge blind und habe Probleme mit dem Zwerchfell, keine guten Voraussetzungen für ein Leben ohne Versicherung. Immerhin haben mir einige befreundete Ärzte schon angeboten, mich dann umsonst zu behandeln. Doch wenn mich etwas Ernstes erwischt, muss ich in die Notaufnahme und hoffen, dass ich drankomme.

Ich habe mich dafür entschieden

Meine Wohnung werde ich dann gegen ein Zimmer eintauschen. Die 750 Euro für das Apartment sind dann absolut nicht mehr drin.

Dennoch: Ich will nicht jammern. Ich habe mich dafür entschieden.

Mein Beruf ist oft hart und erlebe regelmäßig Zwölf-Stunden-Tage - aber er gibt mit Kraft. Die die Arbeit erdet mich. Und hält mich fit.

Mehr zum Thema: Als Busfahrer habe ich einen Traumberuf - und zwei Wünsche

Andere Rentner haben kaum noch Kontakt zu fremden Menschen und ziehen sich immer mehr ins Private zurück. Ich lerne jeden Tag neue Menschen kennen und spreche in verschiedenen Sprachen über die verschiedensten Themen.

Vor allem aber hat mich mein Beruf gelehrt, geduldig zu sein. Wer schon mal nachts um drei in einer Notaufnahme in Bogota saß und zwischen Reisegast und Arzt vermittelt hat, lässt sich durch nichts aus der Bahn werfen. Schon gar nicht durch einen Rentenbescheid.

Und wer weiß: Eines Tages sitze ich vielleicht wirklich an einem Strand in Kolumbien, schlürfe kaltes Bier und seufze zufrieden: "Da ist er endlich, mein wohlverdienter Urlaub."

Von Arthur Pahl, Rentner und Reiseleiter

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