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"Die heilige Angela": In meinem Beruf treffe ich Menschen aus der ganzen Welt, die Merkel für eine Halbgöttin halten

03/08/2017 16:13 CEST | Aktualisiert 03/08/2017 16:29 CEST
Getty / Pinterest /bearbeitet

In meinem Beruf als Reiseleiter habe ich mit Menschen aus der ganzen Welt zu tun - besonders aus lateinamerikanischen Ländern wie Brasilien und Mexiko.

Natürlich komme ich mit einigen von ihnen ins Gespräch - und ein Detail fasziniert mich dabei besonders. Es ist das Bild, das diese Menschen von Deutschland haben.

Deutschland, das Land wo Milch und Honig fließen

Für meine Gäste aus Südamerika ist Deutschland ein Paradies. Ein Land, in dem Milch und Honig fließen.

Angela Merkel wacht ihrer Meinung nach hingebungsvoll über ihre Bürger. Sie nennen sie liebevoll "die heilige Angela". Das einzige, was noch fehlt, ist, dass sie für Frau Merkel eine Kerze anzünden.

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Doch wer sind diese Menschen, die unserer Bundeskanzlerin so viel Begeisterung und Sympathie entgegen bringen?

Viele meiner Reisegäste sind wohlhabende Bürger aus der Oberschicht. Ein Normalverdiener aus Brasilien oder Mexiko könnte sich eine derart aufwendige Reise durch Europa niemals leisten.

Es sind Ärzte, Rechtsanwälte, Ingenieure, Psychologen, Lehrer, Bankangestellte und selbstständige Klein- und Großunternehmer. Auf ihrer Reise wollen sie sich mit ihren eigenen Augen von Deutschlands Reichtum und seiner einzigartigen Kultur überzeugen. Dafür lassen sie sich von mir durch das ganze Land führen.

Für die Politik in ihrem eigenen Land haben sie häufig nur abschätzige Worte übrig. Erst vor wenigen Tagen schimpfte ein brasilianischer Gast lauthals über die korrupte Regierung in Brasilien.

Seit mehreren Monaten tobt in dem Land ein schmutziger Machtkampf um den Präsidenten Michel Temer. Er soll die Justiz behindert und Bestechungsgelder in Millionenhöhe angenommen haben.

In Deutschland gibt es keine Armut und unendlich Arbeit

Der Brasilianer wünschte sich eine so ehrliche und starke Regierungschefin wie unsere Bundeskanzlerin - eine Frau, die für Ordnung sorgt und in ihren Augen ein Land anführt, in dem es keine Armut und unendlich Arbeit gibt. Zwei mexikanische Gäste stimmten ihm lauthals zu.

Natürlich versuchte ich ihnen zu erklären, dass es bei uns alles andere als rosig zugeht. Auch hier gibt es Menschen, die weit davon entfernt sind, den Anschluss an die wohlhabende Gesellschaft zu finden. Auch in Deutschland gibt es Bettler, Arbeitslosigkeit, Korruption und überlastete Sozialsysteme, auch wenn das Verhältnis sicher anders ist.

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Doch das wollen sie mir nicht glauben. Für sie zählt nur ihre Vorstellung. Und in der ist Angela Merkel eine Halbgöttin und Deutschland ein Paradies, in dem alle Bürger glücklich sind.

Ich verkneife mir dann, dass ich mit 70 Jahren immer noch Vollzeit arbeiten muss, um über die Runden zu kommen. Ich erzähle ihnen nicht, dass meine Krankenkasse im Jahr 7500 Euro verschlingt und ich bald darüber nachdenken muss, sie zu kündigen.

Denn das will niemand der Gäste hören. Sie wollen nur die schönen Seiten Deutschlands sehen. Und mein Job als Reiseleiter ist es, ihnen diese zu zeigen.

Von Arthur Pahl, Reiseleiter und Rentner

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