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Warum wir uns einen Bettler immer zwei Mal anschauen sollten, bevor wir uns wegdrehen

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
HOMELESS PEOPLE
bodnarchuk via Getty Images
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In einer Zeitung las ich vor kurzem, dass es bereits mehr als dreihundert ÔÇ×Tafeln" der Armenspeisung in Deutschland gibt. Und es werden immer mehr.

Diese Nachricht stimmte mich traurig und ich fasste den Entschluss, mit etwas offeneren Augen durchs Leben zu gehen. Und siehe da, es dauerte nicht lange, bis ich jemanden begegnete, der meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte und mein Herz ber├╝hrte.

Das war eine Erfahrung, so sch├Ân, dass ich beschloss diese Geschichte zu schreiben. Sie ist denen gewidmet, die vielleicht einmal einem Menschen in Not begegnen, jemandem, der ihnen signalisiert, dass er Hunger hat.

Ich w├╝nsche mir, dass Sie sich dann an diese Geschichte erinnern. Denn nur, wenn wir Empathie und Verst├Ąndnis zeigen - und auch danach handeln - leisten wir einen Beitrag, die Not anderer zu lindern.

Was uns nicht ber├╝hrt, verwandelt uns nicht - Carl Gustav Jung

Wussten Sie eigentlich, dass freiwillige Helfer t├Ąglich unz├Ąhlige Kisten mit Obst und Gem├╝se aus den Verteilerzentralen deutscher St├Ądte sammeln, bevor diese in den M├╝lltonnen landen?

Wussten Sie, dass diese ehrenamtlichen Helfer die noch genie├čbaren Lebensmittel in soziale Einrichtungen bringen, um dort ein s├Ąttigendes Essen zu kochen? Ein Essen, das an viele Bed├╝rftige ausgeteilt wird?

Auch in meiner Heimatstadt ist man aktiv geworden. Dennoch ist es nicht ausreichend. Manch einer ist auch hier am falschen Platz und muss sehen, wie er satt wird.

Solch einem Menschen begegnete ich. Er hatte Hunger und er sch├Ąmte sich, es zu sagen. Die Person, die er um Essen bat, war nicht besonders feinf├╝hlig und verweigerte ihm die Hilfe. Dabei h├Ątte ein Handgriff gen├╝gt. Aber nein...

Als ich das beobachtete, war ich sehr ber├╝hrt

W├Ąhrend auf der einen Seite die Anzahl der ├ťbergewichtigen in unserem Land im wahrsten Sinne des Wortes ÔÇ×st├Ąndig zunimmt", nimmt die Anzahl jener, die sich zwei warme Mahlzeiten am Tag leisten k├Ânnen, immer mehr ab.

Er hatte sich den ganzen Tag ziellos in W├╝rzburg herumgetrieben. Obwohl er m├╝de war und sich am liebsten wieder hingelegt h├Ątte, hielt ihn der Hunger immer noch auf Trab. Gegen Mittag hatte er sich in der Stube in der Ludwigstra├če seine durchgefrorenen Knochen aufgew├Ąrmt und hei├čen Tee geschl├╝rft.

Was Vern├╝nftiges zu essen gab's dort aber nicht. Also war er wieder rausgegangen - in die Novemberk├Ąlte.

Mit den neunundachtzig Cent, die er bei sich trug, waren seine M├Âglichkeiten, sich satt zu essen, au├čerordentlich beschr├Ąnkt. Er zog seine Baseballkappe tiefer ins Gesicht und trottete die Ludwigstra├če hinunter.

Es begann zu regnen und er dr├╝ckte sich nah an die Hauswand, um dem Regen zu entgehen, der jetzt immer heftiger wurde. Der linke ├ärmel seines Parkas war trotzdem schnell durchn├Ąsst und f├Ąrbte sich dunkel.

Auf seinem Weg passierte er zwangsl├Ąufig eine Menge Gesch├Ąfte. Eine D├Ânerbude, ein Bratwurstst├╝ble, ein Caf├ę - ein Imbiss nach dem anderen. Hier biss jemand in ein Sandwich, da dr├╝ben schl├╝rften sie Kaffee aus gro├čen P├Âtten und plaudern in diese schicken Telefone, die er nur vom H├Ârensagen kannte. McDonald's, Burgerking, Nordsee, Manufactur der Genie├čer, S├╝├čigkeiten von Most ..

Er konnte schon nicht mehr hinsehen: all die sorglosen W├╝rzburger, die sich um einen knurrenden Magen keine Gedanken machen mussten. Wenn er ihnen zusah - wenn er sah, wie sie a├čen, mochte er es nicht glauben. ÔÇ×Warum sie und nicht ich?" Wenn die Menschen dann merkten, wie er sie anstarrte, musterten sie ihn unfreundlich; manche fingen sogar an zu lachen.

Nirgends blieb er lange. Im Vorbeigehen studierte er die Speisekarten der Restaurants, so, als befasse er sich tats├Ąchlich ernsthaft mit der Auswahl eines Men├╝s - eben so, als h├Ątte er die Taschen voller Geld und nicht voller L├Âcher.

Dann malte er sich aus, wie es w├Ąre, wenn er einfach mal hineinginge. ÔÇ×Kartoffelsuppe mit Brotkrusteln bitte", w├╝rde er dann sagen, und - ÔÇ×Medaillons vom Schwein mit Bratkartoffeln und frischen Rahmchampignons". Ja, und zum Schluss noch ÔÇ×Rote Gr├╝tze mit Vanilleso├če".

Obwohl sein Hunger schmerzte, musste er grinsen. Die w├╝rden ein Gesicht machen! Mein Gott, wie lange war das her, dass er zum letzten Mal so was gegessen hatte? Er konnte sich nicht erinnern. Sein t├Ągliches Brot bestand aus Dosen mit Thunfisch oder Bohnen in Tomatenso├če - dazu Br├Âtchen vom Billigb├Ącker.

Manche Superm├Ąrkte ├╝berlie├čen Leuten wie ihm auch abgelaufene Ware - vier, f├╝nf, sechs oder sieben Tage ├╝ber dem Verfallsdatum: Echter Parmaschinken, Putenbrust und K├Ąseportionen, auch verwelktes Obst lag manchmal im Abfall.

Eingeweihte wie er wussten, wie man da rankommt: Am Lieferanteneingang der Superm├Ąrkte, an der R├╝ckseite der Glitzerfronten, da, wo sonst niemand hinschaut. Dort lag das, was die Wohlstandsgesellschaft t├Ąglich ausspuckte. Manchmal traf er bei Lidl, Aldi oder Edeka ein paar seiner Kumpel.

Hatte er die Kraft weiterzumachen?

Eine kurze Unterhaltung, w├Ąhrend sie weiter in den Waren w├╝hlten - mehr an Gemeinsamkeiten war nicht drin. Schlie├člich g├Ânnte niemand dem Konkurrenten einen Vorteil. Als er auf die Theaterstra├če stie├č, z├Âgerte er einen Moment.

Dann bog er nach rechts ab und stellte sich schutzsuchend unter die riesige knallrote Markise eines Buchladens.

Jetzt war wieder einer dieser Augenblicke gekommen, die er kannte und so f├╝rchtete. Hunderte von Malen schon hatten sie ihm die Seele verfinstert: Sollte er einfach davonschleichen und sich irgendwo von seinen neunundachtzig Cent zwei trockene Br├Âtchen kaufen? Oder hatte er noch die Kraft, weiterzumachen?

Er hasste diese Augenblicke der Entscheidung. An guten Tagen, besonders im Sommer, wenn alles hell und heiter war, wenn die Leute gute Laune hatten, war es leichter ... aber jetzt, bei diesem Wetter! Im Sommer konnte man in der Fu├čg├Ąngerzone sitzen und betteln.

Anfangs hatte er schlicht seine Baseballkappe aufs Trottoir gelegt, ein paar Cent hineingeworfen, damit es nicht allzu trostlos aussah und gehofft, die anderen w├╝rden was f├╝r ihn ├╝brig haben.

Wenn er dann abends mit Knieschmerzen aufstand und z├Ąhlte, was er eingesammelt hatte, war er meist entt├Ąuscht: Achtzig, Neunzig Cent ... - manchmal, wenn er Gl├╝ck hatte, waren es zwei oder drei Euro: Die Ausbeute eines ganzen Tages.

Einen Sommer sp├Ąter hatte er es dann mit kleinen Vorf├╝hrungen versucht. Der Pudelmischling, mit dem er damals noch unterwegs war, konnte auf zwei Beinen laufen, ├╝ber ein Seil springen und schlie├člich mit der M├╝tze im Maul bei den Passanten das Geld einkassieren.

Hin und wieder schaffte er - in Frankfurt am Mainufer oder in M├╝nchen am Marienplatz - zwanzig, f├╝nfundzwanzig, sogar drei├čig Euro! Gl├╝cklichere Tage.

Aber noch h├Ąufiger nahm ihm die Polizei das Geld wieder ab. Im letzten Jahr hatten sie zu zweit gearbeitet: er und sein Kumpel aus Bremen.

Sie spielten ganz leidlich Mundharmonika. Sechs bis sieben Euro pro Tag blieben da schon h├Ąngen. Doch selbst das reichte nicht f├╝r ein anst├Ąndiges Mittagessen.

Er trottete weiter und erreichte nach ein paar Minuten den kleinen Barbarossaplatz, von dem ihm sein Bettnachbar in der Caritas-Unterkunft erz├Ąhlt hatte. Da sei was los, hatte der gesagt.
Erwartungsvoll positionierte er sich unter einem Vordach und lie├č den Blick schweifen. Dabei dachte er an Wurst und Schinken, an Leberk├Ąse und S├╝lze - und an Bratkartoffeln! Verdammt, heute war es besonders schlimm.

Irgendwas Herzhaftes musste her. Irgendetwas musste doch zu kriegen sein ...
Unweit von ihm lag das Hotel Barbarossa und einige Meter davor, das feine Hotel W├╝rzburger Hof. Ein paar Meter weiter thronte auf der Ecke das ├╝ppige Geb├Ąude der DAS Versicherung, in dessen Erdgeschoss sich ein McDonalds-Restaurant befand. Das fesselte seine Aufmerksamkeit.

Langsam ging er r├╝ber und sp├Ąhte durch das Fenster. Ein Haufen schwatzender Teenies, die alle mit den H├Ąnden a├čen und dabei diese riesigen Br├Âtchen vertilgten.

Keine Security, die Luft schien rein. Der erstbeste Abfalleimer stand gleich hinter der T├╝r und er brauchte nicht lange zu w├╝hlen. Ganz oben lagen zwei angebissene Hamburger und eine Handvoll Pommes. Hastig griff er danach und stopfte sich die kalten Reste in seine Parkataschen.

Als er eine Ber├╝hrung im Nacken sp├╝rte, dreht er sich um. Ein H├╝ne mit t├Ątowierten H├Ąnden hatte ihn am Kragen gepackt. Der Mann trug die Arbeitskluft der McDonald's-Mitarbeiter, jetzt packte er fester zu und zerrte ihn in eine Ecke.

ÔÇ×Zisch ab!", blaffte er ihn an. "Penner wie du haben hier nichts zu suchen." Dann tastete er ihn ab. ÔÇ×Ach, was haben wir denn da? Haste gestohlen, was? Los, her damit!"

Die Hand des H├╝nen war so breit wie ein Klodeckel und so hart wie ein St├╝ck Holz. Er packte ihn wieder am Nacken und schleifte ihn hinter den Kassenbereich, schob ihn an der K├╝che vorbei und dann durch den Hinterausgang. Schlie├člich blieb er abrupt vor einer riesigen Abfalltonne stehen.
"Schmei├č das Zeug da rein!"

Auf der Tonne stand "Schweine" und er tat wie ihm gehei├čen. Erst dann lie├č ihn der McDonald's-Typ wieder los.

"Lass dich hier nie wieder blicken, du Drecksack!" Als er davonschlurfte, verpasste ihm der Mann noch einen Knuff in den R├╝cken, der ihn fast zu Fall brachte. Schlechter Tag heute.

Aber ans Aufgeben war nicht zu denken. Als er den Hinterhof verlassen hatte, nahm er die andere Seite des Barbarossaplatzes ins Visier: ein Weinlokal, das "Juliusspital" und ein schicker Metzgerladen, wo verdammt viel los war.

Scheu und ├Ąngstlich n├Ąherte er sich und verharrte eine Weile an der offen stehenden T├╝r.
Diese herrlichen Ger├╝che ...

Er schloss die Augen und tr├Ąumte. Aber als er die Augen wieder aufschlug, stellte er entsetzt fest, dass er mitten im Laden stand - unter all den anderen Kunden direkt vor dem Tresen. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.

"Was wollen Sie denn?", fragte eine Verk├Ąuferin und runzelte die Stirn.
"Ich, ├Ąh ... ├Ąh, ja, ich m├Âchte ... habt ihr was f├╝r meinen Hund?"

Er sch├Ąmte sich f├╝r die Ausrede. Es war allzu deutlich, was er wirklich wollte. Das Ganze w├Ąre auch wohl nicht so passiert (wie ihm jetzt siedendhei├č einfiel) h├Ątte er nicht vor ein paar Tagen einen seiner Kumpels dabei ertappt, wie der bei einer anderen Metzgerei dreist dieselbe Frage gestellt hatte.

Der Lohn f├╝r diese Tollk├╝hnheit war ein riesiges Paket mit Wurst- und Fleischresten gewesen.
"Schau, dass de weiterkummst Kerlle! Bei uns gibt's nichts f├╝r Hunde." Die Verk├Ąuferin wandte sich ab. Auf ihrem Gesicht stand ein Ausdruck des Triumphes - so als h├Ątte sie gerade eine Heldentat vollbracht. "De N├Ąchste bidde."

Er musste schlucken, sah auf und starrte in herzlose Gesichter. Alle ma├čen ihn mit der gleichen Absch├Ątzigkeit - alle bis auf eins. Ein gro├čer stattlicher Mann, so um die siebzig, sah ihn erschrocken an, sagte aber nichts.

Er lief hinaus. War w├╝tend und sch├Ąmte sich. Rasch ├╝berquerte er die kleine Stra├če, hielt noch einmal an der Ecke und starrte zu den Fenstern des Juliusspitals hin├╝ber. Wieder eins von diesen feinen Weinlokalen, wo sich einer wie er auf keinen Fall blicken lassen durfte.

Der Mut hatte ihn verlassen. In Gedanken addierte er bereits die Preise f├╝r ein paar Br├Âtchen, w├Ąhrend er nach einem Aldi oder Lidl-Schild Ausschau hielt.

Als er sich verstohlen noch einmal zur Metzgerei umwandte, erkannte er den Mann, der ihn eben noch so erschrocken angesehen hatte. Er trug ein gro├čes Paket in den Armen - eines von der Gr├Â├če, wie er es sich erhofft h├Ątte, h├Ątte man ihm selbst das Wurstpaket ÔÇ×f├╝r den Hund" zugeschoben.

Der Mann verlie├č das Gesch├Ąft und steuerte offenbar auf ihn zu. Rasch drehte er sich um und schlurfte davon. Sein Ma├č an ertragbaren Kr├Ąnkungen war f├╝r heute ersch├Âpft.
"Hallo, ja Sie, bleiben Sie doch stehen!"

Im Weitergehen sah er sich um; der Mann aus der Metzgerei war schnell, er winkte ihm zu.
ÔÇ×So bleiben Sie doch stehen. Ich m├Âchte Ihnen was geben!" Beim Juliusspital trafen sie aufeinander. Der Fremde trug eine runde Nickelbrille, hatte graues volles Haar und einen stattlichen Bauch - au├čerdem war er ziemlich au├čer Atem.

"Warum laufen Sie denn weg?"

Komisch, dass ihn jemand siezte. Machte sonst keiner. Und jetzt siezte ihn dieser gutm├╝tig wirkende Mann mit seiner dunkelgr├╝nen Regenjacke. ÔÇ×Ich habe Sie eben in der Metzgerei beobachtet. Sie haben Hunger, stimmt's?"

Er nickte schamhaft und schaute zu Boden.

"Wissen Sie, ich habe auch mal so gelebt wie Sie, hatte Hunger, kein Geld und wurde nur noch herumgeschubst. Hier, nehmen Sie das! Es ist ein wenig gute Wurst, Aufschnitt, Schinken und Putenbrust. Lassen Sie es sich schmecken!"

Eine Weile lang standen sie sich stumm gegen├╝ber und musterten sich.
"Wo kommen Sie her?", fragte ihn der Mann mit der dunkelgr├╝nen Regenjacke.
"Ach, ich bin mal hier, mal da. Wo's mir gerade gef├Ąllt." "Und wo ├╝bernachten Sie, etwa drau├čen?"
"Nee, ich schlafe bei der Caritas. Ganz sch├Ân da."

"Hier nehmen Sie doch endlich!"

Das in Plastik eingeh├╝llte Paket war schwer. Mindestens ein Kilo. Unschl├╝ssig standen sie sich noch ein paar Sekunden gegen├╝ber.

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"Danke", sagte er schlie├člich und zog los. Der Fremde sah ihm noch lange nach.
Ein paar Minuten sp├Ąter fand er eine freie Bank in der N├Ąhe des Mainufers, die jetzt im Regen leerstand.

Er setzte sich, riss hastig das Paket auf und verschlang im Nu eine gro├če Scheibe gekochten Schinkens. Dann schloss er die Augen. Tr├Ąnen liefen ihm ├╝ber die unrasierten Wangen.
Gl├╝ck gehabt. Dieser Tag war gerettet.

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