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Warum wir uns einen Bettler immer zwei Mal anschauen sollten, bevor wir uns wegdrehen

28/04/2017 11:05 CEST | Aktualisiert 28/04/2017 11:05 CEST
bodnarchuk via Getty Images

In einer Zeitung las ich vor kurzem, dass es bereits mehr als dreihundert „Tafeln" der Armenspeisung in Deutschland gibt. Und es werden immer mehr.

Diese Nachricht stimmte mich traurig und ich fasste den Entschluss, mit etwas offeneren Augen durchs Leben zu gehen. Und siehe da, es dauerte nicht lange, bis ich jemanden begegnete, der meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte und mein Herz berührte.

Das war eine Erfahrung, so schön, dass ich beschloss diese Geschichte zu schreiben. Sie ist denen gewidmet, die vielleicht einmal einem Menschen in Not begegnen, jemandem, der ihnen signalisiert, dass er Hunger hat.

Ich wünsche mir, dass Sie sich dann an diese Geschichte erinnern. Denn nur, wenn wir Empathie und Verständnis zeigen - und auch danach handeln - leisten wir einen Beitrag, die Not anderer zu lindern.

Was uns nicht berührt, verwandelt uns nicht - Carl Gustav Jung

Wussten Sie eigentlich, dass freiwillige Helfer täglich unzählige Kisten mit Obst und Gemüse aus den Verteilerzentralen deutscher Städte sammeln, bevor diese in den Mülltonnen landen?

Wussten Sie, dass diese ehrenamtlichen Helfer die noch genießbaren Lebensmittel in soziale Einrichtungen bringen, um dort ein sättigendes Essen zu kochen? Ein Essen, das an viele Bedürftige ausgeteilt wird?

Auch in meiner Heimatstadt ist man aktiv geworden. Dennoch ist es nicht ausreichend. Manch einer ist auch hier am falschen Platz und muss sehen, wie er satt wird.

Solch einem Menschen begegnete ich. Er hatte Hunger und er schämte sich, es zu sagen. Die Person, die er um Essen bat, war nicht besonders feinfühlig und verweigerte ihm die Hilfe. Dabei hätte ein Handgriff genügt. Aber nein...

Als ich das beobachtete, war ich sehr berührt

Während auf der einen Seite die Anzahl der Übergewichtigen in unserem Land im wahrsten Sinne des Wortes „ständig zunimmt", nimmt die Anzahl jener, die sich zwei warme Mahlzeiten am Tag leisten können, immer mehr ab.

Er hatte sich den ganzen Tag ziellos in Würzburg herumgetrieben. Obwohl er müde war und sich am liebsten wieder hingelegt hätte, hielt ihn der Hunger immer noch auf Trab. Gegen Mittag hatte er sich in der Stube in der Ludwigstraße seine durchgefrorenen Knochen aufgewärmt und heißen Tee geschlürft.

Was Vernünftiges zu essen gab's dort aber nicht. Also war er wieder rausgegangen - in die Novemberkälte.

Mit den neunundachtzig Cent, die er bei sich trug, waren seine Möglichkeiten, sich satt zu essen, außerordentlich beschränkt. Er zog seine Baseballkappe tiefer ins Gesicht und trottete die Ludwigstraße hinunter.

Es begann zu regnen und er drückte sich nah an die Hauswand, um dem Regen zu entgehen, der jetzt immer heftiger wurde. Der linke Ärmel seines Parkas war trotzdem schnell durchnässt und färbte sich dunkel.

Auf seinem Weg passierte er zwangsläufig eine Menge Geschäfte. Eine Dönerbude, ein Bratwurststüble, ein Café - ein Imbiss nach dem anderen. Hier biss jemand in ein Sandwich, da drüben schlürften sie Kaffee aus großen Pötten und plaudern in diese schicken Telefone, die er nur vom Hörensagen kannte. McDonald's, Burgerking, Nordsee, Manufactur der Genießer, Süßigkeiten von Most ..

Er konnte schon nicht mehr hinsehen: all die sorglosen Würzburger, die sich um einen knurrenden Magen keine Gedanken machen mussten. Wenn er ihnen zusah - wenn er sah, wie sie aßen, mochte er es nicht glauben. „Warum sie und nicht ich?" Wenn die Menschen dann merkten, wie er sie anstarrte, musterten sie ihn unfreundlich; manche fingen sogar an zu lachen.

Nirgends blieb er lange. Im Vorbeigehen studierte er die Speisekarten der Restaurants, so, als befasse er sich tatsächlich ernsthaft mit der Auswahl eines Menüs - eben so, als hätte er die Taschen voller Geld und nicht voller Löcher.

Dann malte er sich aus, wie es wäre, wenn er einfach mal hineinginge. „Kartoffelsuppe mit Brotkrusteln bitte", würde er dann sagen, und - „Medaillons vom Schwein mit Bratkartoffeln und frischen Rahmchampignons". Ja, und zum Schluss noch „Rote Grütze mit Vanillesoße".

Obwohl sein Hunger schmerzte, musste er grinsen. Die würden ein Gesicht machen! Mein Gott, wie lange war das her, dass er zum letzten Mal so was gegessen hatte? Er konnte sich nicht erinnern. Sein tägliches Brot bestand aus Dosen mit Thunfisch oder Bohnen in Tomatensoße - dazu Brötchen vom Billigbäcker.

Manche Supermärkte überließen Leuten wie ihm auch abgelaufene Ware - vier, fünf, sechs oder sieben Tage über dem Verfallsdatum: Echter Parmaschinken, Putenbrust und Käseportionen, auch verwelktes Obst lag manchmal im Abfall.

Eingeweihte wie er wussten, wie man da rankommt: Am Lieferanteneingang der Supermärkte, an der Rückseite der Glitzerfronten, da, wo sonst niemand hinschaut. Dort lag das, was die Wohlstandsgesellschaft täglich ausspuckte. Manchmal traf er bei Lidl, Aldi oder Edeka ein paar seiner Kumpel.

Hatte er die Kraft weiterzumachen?

Eine kurze Unterhaltung, während sie weiter in den Waren wühlten - mehr an Gemeinsamkeiten war nicht drin. Schließlich gönnte niemand dem Konkurrenten einen Vorteil. Als er auf die Theaterstraße stieß, zögerte er einen Moment.

Dann bog er nach rechts ab und stellte sich schutzsuchend unter die riesige knallrote Markise eines Buchladens.

Jetzt war wieder einer dieser Augenblicke gekommen, die er kannte und so fürchtete. Hunderte von Malen schon hatten sie ihm die Seele verfinstert: Sollte er einfach davonschleichen und sich irgendwo von seinen neunundachtzig Cent zwei trockene Brötchen kaufen? Oder hatte er noch die Kraft, weiterzumachen?

Er hasste diese Augenblicke der Entscheidung. An guten Tagen, besonders im Sommer, wenn alles hell und heiter war, wenn die Leute gute Laune hatten, war es leichter ... aber jetzt, bei diesem Wetter! Im Sommer konnte man in der Fußgängerzone sitzen und betteln.

Anfangs hatte er schlicht seine Baseballkappe aufs Trottoir gelegt, ein paar Cent hineingeworfen, damit es nicht allzu trostlos aussah und gehofft, die anderen würden was für ihn übrig haben.

Wenn er dann abends mit Knieschmerzen aufstand und zählte, was er eingesammelt hatte, war er meist enttäuscht: Achtzig, Neunzig Cent ... - manchmal, wenn er Glück hatte, waren es zwei oder drei Euro: Die Ausbeute eines ganzen Tages.

Einen Sommer später hatte er es dann mit kleinen Vorführungen versucht. Der Pudelmischling, mit dem er damals noch unterwegs war, konnte auf zwei Beinen laufen, über ein Seil springen und schließlich mit der Mütze im Maul bei den Passanten das Geld einkassieren.

Hin und wieder schaffte er - in Frankfurt am Mainufer oder in München am Marienplatz - zwanzig, fünfundzwanzig, sogar dreißig Euro! Glücklichere Tage.

Aber noch häufiger nahm ihm die Polizei das Geld wieder ab. Im letzten Jahr hatten sie zu zweit gearbeitet: er und sein Kumpel aus Bremen.

Sie spielten ganz leidlich Mundharmonika. Sechs bis sieben Euro pro Tag blieben da schon hängen. Doch selbst das reichte nicht für ein anständiges Mittagessen.

Er trottete weiter und erreichte nach ein paar Minuten den kleinen Barbarossaplatz, von dem ihm sein Bettnachbar in der Caritas-Unterkunft erzählt hatte. Da sei was los, hatte der gesagt.

Erwartungsvoll positionierte er sich unter einem Vordach und ließ den Blick schweifen. Dabei dachte er an Wurst und Schinken, an Leberkäse und Sülze - und an Bratkartoffeln! Verdammt, heute war es besonders schlimm.

Irgendwas Herzhaftes musste her. Irgendetwas musste doch zu kriegen sein ...

Unweit von ihm lag das Hotel Barbarossa und einige Meter davor, das feine Hotel Würzburger Hof. Ein paar Meter weiter thronte auf der Ecke das üppige Gebäude der DAS Versicherung, in dessen Erdgeschoss sich ein McDonalds-Restaurant befand. Das fesselte seine Aufmerksamkeit.

Langsam ging er rüber und spähte durch das Fenster. Ein Haufen schwatzender Teenies, die alle mit den Händen aßen und dabei diese riesigen Brötchen vertilgten.

Keine Security, die Luft schien rein. Der erstbeste Abfalleimer stand gleich hinter der Tür und er brauchte nicht lange zu wühlen. Ganz oben lagen zwei angebissene Hamburger und eine Handvoll Pommes. Hastig griff er danach und stopfte sich die kalten Reste in seine Parkataschen.

Als er eine Berührung im Nacken spürte, dreht er sich um. Ein Hüne mit tätowierten Händen hatte ihn am Kragen gepackt. Der Mann trug die Arbeitskluft der McDonald's-Mitarbeiter, jetzt packte er fester zu und zerrte ihn in eine Ecke.

„Zisch ab!", blaffte er ihn an. "Penner wie du haben hier nichts zu suchen." Dann tastete er ihn ab. „Ach, was haben wir denn da? Haste gestohlen, was? Los, her damit!"

Die Hand des Hünen war so breit wie ein Klodeckel und so hart wie ein Stück Holz. Er packte ihn wieder am Nacken und schleifte ihn hinter den Kassenbereich, schob ihn an der Küche vorbei und dann durch den Hinterausgang. Schließlich blieb er abrupt vor einer riesigen Abfalltonne stehen.

"Schmeiß das Zeug da rein!"

Auf der Tonne stand "Schweine" und er tat wie ihm geheißen. Erst dann ließ ihn der McDonald's-Typ wieder los.

"Lass dich hier nie wieder blicken, du Drecksack!" Als er davonschlurfte, verpasste ihm der Mann noch einen Knuff in den Rücken, der ihn fast zu Fall brachte. Schlechter Tag heute.

Aber ans Aufgeben war nicht zu denken. Als er den Hinterhof verlassen hatte, nahm er die andere Seite des Barbarossaplatzes ins Visier: ein Weinlokal, das "Juliusspital" und ein schicker Metzgerladen, wo verdammt viel los war.

Scheu und ängstlich näherte er sich und verharrte eine Weile an der offen stehenden Tür.

Diese herrlichen Gerüche ...

Er schloss die Augen und träumte. Aber als er die Augen wieder aufschlug, stellte er entsetzt fest, dass er mitten im Laden stand - unter all den anderen Kunden direkt vor dem Tresen. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.

"Was wollen Sie denn?", fragte eine Verkäuferin und runzelte die Stirn.

"Ich, äh ... äh, ja, ich möchte ... habt ihr was für meinen Hund?"

Er schämte sich für die Ausrede. Es war allzu deutlich, was er wirklich wollte. Das Ganze wäre auch wohl nicht so passiert (wie ihm jetzt siedendheiß einfiel) hätte er nicht vor ein paar Tagen einen seiner Kumpels dabei ertappt, wie der bei einer anderen Metzgerei dreist dieselbe Frage gestellt hatte.

Der Lohn für diese Tollkühnheit war ein riesiges Paket mit Wurst- und Fleischresten gewesen.

"Schau, dass de weiterkummst Kerlle! Bei uns gibt's nichts für Hunde." Die Verkäuferin wandte sich ab. Auf ihrem Gesicht stand ein Ausdruck des Triumphes - so als hätte sie gerade eine Heldentat vollbracht. "De Nächste bidde."

Er musste schlucken, sah auf und starrte in herzlose Gesichter. Alle maßen ihn mit der gleichen Abschätzigkeit - alle bis auf eins. Ein großer stattlicher Mann, so um die siebzig, sah ihn erschrocken an, sagte aber nichts.

Er lief hinaus. War wütend und schämte sich. Rasch überquerte er die kleine Straße, hielt noch einmal an der Ecke und starrte zu den Fenstern des Juliusspitals hinüber. Wieder eins von diesen feinen Weinlokalen, wo sich einer wie er auf keinen Fall blicken lassen durfte.

Der Mut hatte ihn verlassen. In Gedanken addierte er bereits die Preise für ein paar Brötchen, während er nach einem Aldi oder Lidl-Schild Ausschau hielt.

Als er sich verstohlen noch einmal zur Metzgerei umwandte, erkannte er den Mann, der ihn eben noch so erschrocken angesehen hatte. Er trug ein großes Paket in den Armen - eines von der Größe, wie er es sich erhofft hätte, hätte man ihm selbst das Wurstpaket „für den Hund" zugeschoben.

Der Mann verließ das Geschäft und steuerte offenbar auf ihn zu. Rasch drehte er sich um und schlurfte davon. Sein Maß an ertragbaren Kränkungen war für heute erschöpft.

"Hallo, ja Sie, bleiben Sie doch stehen!"

Im Weitergehen sah er sich um; der Mann aus der Metzgerei war schnell, er winkte ihm zu.

„So bleiben Sie doch stehen. Ich möchte Ihnen was geben!" Beim Juliusspital trafen sie aufeinander. Der Fremde trug eine runde Nickelbrille, hatte graues volles Haar und einen stattlichen Bauch - außerdem war er ziemlich außer Atem.

"Warum laufen Sie denn weg?"

Komisch, dass ihn jemand siezte. Machte sonst keiner. Und jetzt siezte ihn dieser gutmütig wirkende Mann mit seiner dunkelgrünen Regenjacke. „Ich habe Sie eben in der Metzgerei beobachtet. Sie haben Hunger, stimmt's?"

Er nickte schamhaft und schaute zu Boden.

"Wissen Sie, ich habe auch mal so gelebt wie Sie, hatte Hunger, kein Geld und wurde nur noch herumgeschubst. Hier, nehmen Sie das! Es ist ein wenig gute Wurst, Aufschnitt, Schinken und Putenbrust. Lassen Sie es sich schmecken!"

Eine Weile lang standen sie sich stumm gegenüber und musterten sich.

"Wo kommen Sie her?", fragte ihn der Mann mit der dunkelgrünen Regenjacke.

"Ach, ich bin mal hier, mal da. Wo's mir gerade gefällt." "Und wo übernachten Sie, etwa draußen?"

"Nee, ich schlafe bei der Caritas. Ganz schön da."

"Hier nehmen Sie doch endlich!"

Das in Plastik eingehüllte Paket war schwer. Mindestens ein Kilo. Unschlüssig standen sie sich noch ein paar Sekunden gegenüber.

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"Danke", sagte er schließlich und zog los. Der Fremde sah ihm noch lange nach.

Ein paar Minuten später fand er eine freie Bank in der Nähe des Mainufers, die jetzt im Regen leerstand.

Er setzte sich, riss hastig das Paket auf und verschlang im Nu eine große Scheibe gekochten Schinkens. Dann schloss er die Augen. Tränen liefen ihm über die unrasierten Wangen.

Glück gehabt. Dieser Tag war gerettet.

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