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Geldanlage im Negativzinsumfeld: Warum an der Geldanlage mit Wertpapieren kein Weg vorbei führt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
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Junos via Getty Images
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Es war ein historischer Moment an den Finanzmärkten - wieder einmal: Der Zins für zehnjährige Bundesanleihen sank kürzlich auf unter null Prozent. Wer der Bundesrepublik Deutschland für stolze zehn Jahre Geld leiht, muss dafür also auch noch Geld bezahlen. Auch bei anderen klassischen Anlageformen sieht es nicht viel besser aus, wie Berechnungen der Finanzberatung FMH zeigen: Wer sein Erspartes für fünf Jahre in einen Sparbrief steckt, erhält dafür durchschnittlich 0,63 Prozent Zinsen.

Wer nicht so lange auf sein Geld verzichten will oder kann, greift häufig zum Tagesgeld. Doch auch hier gibt es im Durschnitt nur magere 0,28 Prozent. Das reicht nicht einmal mehr aus, um die Inflation auszugleichen.

Deutsche machen trotz Negativzinsen einen Bogen um Wertpapiere

Das eigentlich Schlimme daran ist: Selbst solche Zinsen sind aktuell ein Geschenk für den Kunden. Schließlich ist der Einlagenzins der Europäischen Zentralbank (EZB) für Banken schon länger unter null Prozent.

Diese Entwicklungen zeigen: Wir sind endgültig in der Zeit der Negativzinsen angekommen. Das hat dramatische Folgen für alle privaten Geldanleger. Warfen früher klassische Anlageformen wie Sparbücher sowie Tages- und Festgelder noch attraktive Renditen ab, sind deren Zinssätze mittlerweile auf um die null Prozent gesunken.

Trotzdem setzen die meisten Deutschen bei ihrer Geldanlage immer noch auf niedrig oder sogar nicht verzinste Anlageformen statt auf Wertpapiere. Das zeigt unser Spar- und Anlageindex:
Top Ten Geldanlage:

So legen die Deutschen ihre Ersparnisse an (Stand: Juni 2016):
1. Girokonto (56%)
2. Sparbuch (52%)
3. Tagesgeld (37%)
4. Bausparvertrag (34%)
5. Bargeld (33%)
6. Lebensversicherung (30%)
6. Altersvorsorge (30%)
8. Fonds (20%)
9. Festgeld (19%)
10. Aktien (16%)

Die Folge: Obwohl die Deutschen zu den eifrigsten Sparern in Europa gehören, ist ihr Realvermögen zwischen 2003 und 2013 um 15 Prozent gesunken. Zum Vergleich: Der deutsche Leitindex DAX ist im gleichen Zeitraum um fast zehn Prozent gestiegen.

Lieber zum Zahnarzt als zur Bank

Doch warum setzen die Deutschen so vehement auf Produkte, die real zu einem Wertverlust führen, statt auf Wertpapiere, deren Entwicklung bislang auf lange Sicht immer positiv war? Es sind zwei Aussagen, die das aktuelle Dilemma der Deutschen und ihrer Geldanlage gut widerspiegeln. Der erste stammt von einer damals 17-jährigen Schülerin, die in den sozialen Medien viel Beachtung fand: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen." Die zweite Aussage lautet: „Ich gehe lieber zum Zahnarzt als zur Bank." 71 Prozent der 10.000 befragten US-Amerikaner zwischen 15 und 30 Jahren haben dies in einer Studie angegeben. Die Studie stammt zwar aus den USA, ließe sich aber auch auf Deutschland übertragen.

Diese Aussagen treffen zwei entscheidende Punkte: Viele Deutschen haben nur wenig Ahnung von Finanzen, weil sie in der Schule wenig dazu erfahren und im Familien- und Bekanntenkreis nicht darüber reden. Und sie haben keine Lust, sich das Wissen selber beizubringen, sich eigenständig damit zu beschäftigen.

Das Thema Finanzen sollte zum Schulfach werden

Früher wäre dies nicht weiter problematisch gewesen. Denn die Deutschen brachten ihr Geld einfach zum Bankberater und konnten sicher sein, dass sie mit vergleichsweise sicheren Anlageprodukten eine attraktive und vor allem positive Rendite auf ihr Erspartes erhielten. Was macht es da schon, wenn die meisten nicht genau wissen, was sich im Detail hinter Bundesschatzbriefen, Bausparverträgen oder Lebensversicherungen verbirgt?

Doch die Zeiten sind vorbei. Die Deutschen müssen sich endlich selber um ihre Finanzen kümmern. Das betrifft insbesondere die eigene Altersvorsorge. Viele Deutsche fühlen sich damit aber offenbar überfordert. Zwei Drittel der Bundesbürger geben an, dass sie die Finanzwelt immer weniger verstehen, wie der Branchenverband Bitkom herausgefunden hat. Der Umgang mit den eigenen Finanzen sollte daher bereits in der Schule vermittelt werden. Wie es gehen kann, zeigen die USA: Hier ist das Thema Finanzen fester Bestandteil des Schulunterrichts. In 17 US-Bundesstaaten ist „Personal Finance", also der Umgang mit den eigenen Finanzen, sogar Pflichtfach an High Schools.

Geldanlage mit Wertpapieren ist kein Hexenwerk

Der Satz der oben zitierten Schülerin zeigt, dass bei uns in Deutschland hingegen noch erheblicher Nachholbedarf besteht. Dabei ist Geldanlage mit Wertpapieren kein Hexenwerk. Es gibt heute durchaus smarte Tools, die einen einfachen, intuitiven Zugang ermöglichen.

Aber klar ist auch: Um auch in Zukunft erfolgreich zu sein, müssen Banken Angebote entwickeln, die einen noch einfacheren Zugang zur Wertpapieranlage ermöglichen und sich nahtlos in den Alltag der Menschen einfügen. Banking darf sich nicht nach lästiger Pflicht anfühlen, sondern muss zum positiven Erlebnis werden.

Klar ist aber auch: Smarte Angebote allein helfen nicht. Es muss ein gesellschaftliches Umdenken her. Der Sparer, die Finanzwirtschaft, das Bildungssystem - jeder muss seinen Beitrag dazu leisten, dass dem Sparen und Anlegen mit Wertpapieren eine größere Bedeutung zuteilwird. Denn angesichts der anhaltenden Null- beziehungsweise Negativzinsphase führt an Wertpapieren zum langfristigen Vermögensaufbau kein Weg vorbei. Wenn wir jetzt nicht damit anfangen, bekommen wir in einigen Jahren ein echtes Problem. Denn die gesetzliche Rente allein wird in Zukunft für ein sorgloses Leben im Alter nicht ausreichen.

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