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Ich wollte mir das Leben nehmen - eine SMS hat mich davor gerettet

11/08/2017 15:32 CEST | Aktualisiert 11/08/2017 15:34 CEST
W1zzard via Getty Images

An einem Donnerstag nahm ich das Auto meiner Mutter und fuhr zu einem nahegelegenen Aussichtspunkt. Ich parkte am Rand des Berges und lief die letzten Meter zu Fuß hoch.

Ich wusste, dass mein Leben gleich vorbei sein wird. Denn ich hatte einen festen Plan: Ich wollte von der knapp 100 Meter hohen Klippe in die Tiefe springen. Es mag heute komisch klingen, aber: Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass es gleich enden wird. Und da stand ich nun. Bereit zum Sprung.

Wenige Monate zuvor war ich noch ein ganz normaler junger Mann, kurz vor seinem Abitur. Obwohl ich davor nie einen Hang zum Depressiven hatte, änderte sich mein Gefühlsstatus innerhalb kürzester Zeit bis zu einem Tiefpunkt, an dem es nicht mehr ging.

Ich fühlte mich wie unter einem schweren, dunklen Vorhang gefangen und wusste keinen Ausweg mehr.

An Suizid sterben immer noch mehr Menschen als an Verkehrsunfällen, Mord oder Drogen.Alleine im Jahr 2015 haben sich über 10.000 Menschen das Leben genommen.

Wie es dazu kam, dass auch ich kurz davor war, mir das Leben zu nehmen, konnte ich mir erst viele Jahre später erklären. Wegen des Abiturs stand ich unter großem Stress. Außerdem war ich in meine beste Freundin verliebt. Sie aber nicht in mich.

Und auch zu meiner damaligen Clique hatte ich den Kontakt etwas verloren, denn ich habe mich zunehmend isoliert. Mein Musikgeschmack hatte sich zusammen mit meinem Gefühlszustand verändert. Gerade junge Leute verbindet Musik, was dazu führte, dass ich mich fast nur noch mit Menschen abgab, die sich so fühlten wie ich.

Dann waren da noch meine Eltern. Doch über seelische Probleme zu sprechen, war eine Hürde. Und wenn, dann sprachen wir nur oberflächlich darüber.

Ich bekam eine Depression

Nachts konnte ich immer schlechter schlafen. In der Schule war ich meist müde. Plötzlich war ich viel sensibler. Mit Stress konnte ich kaum noch umgehen. Ich fühlte mich wie überschrieben. Wie ganz weit weg. Ich war nicht mehr ich.

Zwei, drei Wochen nachdem diese Phase angefangen hatte, lief ich von der Schule nach Hause. Und von jetzt auf gleich überkam mich ein ziemlich mieses Gefühl. Es war, als wenn mich ein Ziegel von oben getroffen hätte. Ich wusste nicht, woher das kam. Alles um mich wurde dunkel und grau.

Mein Umfeld hat davon so gut wie nichts mitbekommen. Ich habe alles mit mir selbst ausgemacht und war stets der gut gelaunte, lustige Arne, den alle kannten. Ich habe das Gefühl verpackt und es keinem gezeigt. Außer einer Person: Meiner besten Freundin.

Mehr zum Thema: Meine Freundin hat sich umgebracht und ich frage mich jeden Tag, ob ich sie hätte abhalten können

Sie war die Einzige, die es gemerkt hatte. "Arne, das ist nicht normal", sagte sie zu mir während eines Gesprächs. Sie wollte mir helfen, aber auch sie wusste nicht mehr weiter.

"Du Arne, ich schaffe das grad nicht mehr, dich immer wieder aufzubauen, vielleicht kann dir ein Psychotherapeut besser helfen als ich", legte sie mir ans Herz.

Ich ging zu einer Psychiaterin, die mir schlaffördernde Tabletten verschrieb. Der Schlaf wurde besser, aber die Tage waren noch anstrengender. Meine Laune wurde durch die Behandlung nicht wirklich besser. Ich kam immer zu spät in die Schule und schlief auf der Schulbank ständig ein. Ich dachte: Selbst die Psychiaterin kann mir nicht helfen. Es ist aussichtslos.

Die Idee, mir das Leben zu nehmen, beflügelte mich total

Als ich mal wieder mit dem Kopf auf der Schulbank lag und halb am einschlafen war, kam mir plötzliche eine Idee. Diese Idee beflügelte mich so sehr, dass ich schon fast euphorisch wurde. Ich dachte mir: „Mensch Arne, wenn du dich einfach umbringst, dann ist der Schmerz für immer vorbei." Bei der Vorstellung ging es mir gleich viel besser. Und nicht nur das: Es ging mir so gut, wie lange nicht mehr.

Gleich an diesem Abend noch, wollte ich die Idee umsetzen. Ich hatte noch einen ganz normalen Tag: Schule, Freunde treffen und Bandprobe. Danach noch kurz nach Hause und dann war es soweit.

Ich nahm das Auto meiner Mutter und fuhr auf einen kleinen Berg mit Aussichtspunkt an einer Klippe in der Nähe meiner Heimatstadt. Dort stürzen sich jedes Jahr viele Menschen runter und begehen Suizid.

Bis zum letzten Moment hatte ich keinen Zweifel, ob ich das tun würde. Ich war aufgeregt, aber mein depressives Gehirn dachte: Es gibt keine Alternative.

Da stand ich nun. An der Klippe. Die letzten Sonnenstrahlen waren gerade weg. Eigentlich habe ich schreckliche Höhenangst. Doch in dem Moment habe ich nichts gefühlt, wirklich nichts.

Plötzlich vibrierte es in der Hosentasche. Das war mein Handy. Und was macht man als Teenager, wenn das Handy vibriert? Man schaut drauf. Es war eine SMS meiner beste Freundin. Sie schrieb nur etwas Belangloses. So etwas wie: Wir sehen uns dann morgen. Ja, okay? Am Ende war noch ein Smiley.

Die SMS meiner besten Freundin rettete mir das Leben

Genau in diesem Moment war das so komisch - diese Nachricht. Ich legte das Handy weg und wollte weiter machen. Aber meine Gedanken waren woanders. Was ist denn mit deiner besten Freundin? Was ist denn jetzt mit deiner Familie? Wie wird das für die sein? Ganz ehrlich: Der Gedanke kam mir da in dem Moment das allererste Mal.

Eine Depression ist offen gesagt ein sehr Ichbezogener Zustand. Die eigenen Probleme werden vor dem inneren Auge so groß, dass man keine Kapazitäten mehr für andere Personen hat. Deswegen hatte ich davor nie Gedanken wie „mein armen Eltern".

Mehr zum Thema: Wie einfach es ist, ein Leben zu retten, lernte ich, als ich meines beenden wollte

Bis zu dem Augenblick, als ich mit dem Handy in der Hand an der Klippe stand, ist es mir nicht in den Sinn gekommen, dass ich mit meiner Entscheidung anderen Schaden zufügen könnte. Doch durch die SMS wurde die Hemmschwelle zu springen immer größer.

Erst bin ich ein bisschen von der Klippe zurückgewichen. Dann stand ich mindestens noch eine Stunde dort oben. Ich zählte immer wieder 3, 2, 1. Aber mein Körper gehorchte mir nicht mehr.

Am Ende gab ich auf. Ich drehte mich um und wusste: Es bringt nichts. Ich schaffe es nicht.

Arne, du elender Feigling

Dann fühlte ich mich noch schlechter. Innerlich beschimpfte ich mich selbst: "Arne, du elender Feigling. Du kriegst nicht mal das auf die Reihe. Du feiges Arschloch."

Ich habe viele Jahre nicht darüber gesprochen - auch nicht mit meinen Eltern. Irgendwann hatte meine Mutter einen Zeitungsausschnitt in der Hand, dort ging es darum, dass sich in dem Jahr bereits fünf Menschen dort oben das Leben genommen hatten. Das war für mich der Moment, es ihr zu erzählen. Sie war sprachlos.

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Auch Freunde oder ehemalige Klassenkameraden waren erstaunt, als sie einige Zeit später davon erfuhren. „Das hätte ich bei dir nie gedacht", kam dann immer als Reaktion.

Ich habe mich mit vielen anderen Betroffenen ausgetauscht. Bei manchen ging es genauso schnell bergab wie bei mir. Bei anderen dauerte es Jahre bis die Entscheidung zum Suizid feststand.

Suizid ist ein Tabuthema

Obwohl sich in Deutschland alle 53 Minuten jemand das Leben nimmt und ein Suizidversuch sogar alle fünf Minuten stattfindet, ist Selbsttötung immer noch ein Tabuthema. Ich glaube, das liegt an der Hilflosigkeit der Menschen. Wir können so etwas einfach nicht verstehen. Und wir leben in einer Gesellschaft, in der es uns sowieso schwer fällt, über Gefühle zu sprechen.

Wir funktionieren. Und Jammern gehört nicht zum guten Ton. Wir Deutschen sind extrem inkompetent, wenn es um unsere Gefühlswelt geht.

Aber nicht nur das: Gerade dort, wo der Leistungsdruck enorm stark ist, ist auch die Suizidrate hoch. Höher, schneller, weiter - das ist unser Lebensmotto. Wer nicht mithalten kann, bleibt auf der Strecke. Suizide sind also ein Produkt unserer Leistungsgesellschaft.

Ein Depressiver nimmt sich nicht so an, wie er ist. Ein Depressiver glaubt, dass er nicht intelligent, erfolgreich oder schön - ja, einfach gut - genug für diese Welt ist. Für einen Depressiven ist das Leben in einer Leistungsgesellschaft wie in Deutschland unglaublich anstrengend. Denn Depressive machen sich auch so schon genug Druck.

Ich wünsche mir, dass wir in der Schule irgendwann einmal lernen, wie wir für unser seelisches Wohl sorgen, um in dieser Gesellschaft zu überleben. Nicht nur Allgemeinwissen für die Kreuzworträtsel.

Meine Botschaft an alle depressiven Menschen

Wenn ich depressiven Menschen begegne, habe ich immer die gleiche Botschaft für sie: Du musst gar nichts. Du bist nicht schlechter. Du bist genauso ein wertvoller Mensch wie alle anderen, auch wenn dein depressives Gehirn das oft nicht glauben möchte.

Du bist nicht der einzige, dem es so schlecht geht. Die Anderen sind nur genauso gut wie du darin, ihre Gefühle zu verstecken. Nimm dir den Druck. Du darfst auch mal zulassen, dass es dir schlecht geht. Du musst nicht immer funktionieren. Du bist gut so, wie du bist.

Der erste Schritt, den jeder Depressive gehen muss, ist, seine Gefühle anzunehmen. Akzeptieren, dass diese Phase eben gerade da ist. Sich den Druck nehmen, anders zu sein. Vielen hilft, sich das selbst in den Spiegel zu sagen. Oder es aufzuschreiben. Seine Gedanken aus dem Kopf bekommen. Einfach los schreiben, egal wie "anormal" oder "peinlich" man diese Worte im ersten Moment findet.

Der zweite Schritte wäre dann, dass man seine Gefühle nach außen trägt. Offen darüber spricht - natürlich erst mal nur mit den engsten Menschen. Heute schreiben mir Angehörige oft Briefe oder Mails. Sie fühlen sich hilflos. Wissen nicht, wie sie mit depressiven Freunden oder Verwandten umgehen sollen.

Oft schweigen sie dann. Doch das ist der falsche Weg. Auch die Angehörigen sollten depressiven Menschen das Gefühl geben, dass sie sie annehmen, wie sie sind und mit ihnen die schwierige Zeit durchleben. Sie nicht ändern wollen, sondern einfach für sie da sind.

Möglicherweise kann man sich auch Hilfe bei Therapeuten holen. Da darf man auch verschiedene ausprobieren, bis man den oder die Richtige/n findet.

Letztes Jahr hatte ich einmal wieder so eine Phase, in der mir alles zu viel wurde. Doch heute habe ich die Erfahrung und das Handwerkszeug, um nicht wieder in diesen Strudel der Gefühle gerissen zu werden. Ich weiß, das mir so etwas wie damals nicht noch einmal passiert.

Und ich bin sogar dankbar. Diese Erfahrung war ein Geschenk. Ich habe nie soviel über das Leben gelernt wie mit 18 und den darauffolgenden Jahren der Heilung. Außerdem bin ich mir sicher: Ohne die Depression und den versuchten Suizid wäre ich nie so innerlich frei und glücklich geworden, wie ich es heute bin.

Von Arne Tempel, Coach und Autor

Der Beitrag wurde von Katharina Hoch aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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