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Ich wollte mir das Leben nehmen - eine SMS hat mich davor gerettet

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SUICIDE
W1zzard via Getty Images
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An einem Donnerstag nahm ich das Auto meiner Mutter und fuhr zu einem nahegelegenen Aussichtspunkt. Ich parkte am Rand des Berges und lief die letzten Meter zu Fu├č hoch.

Ich wusste, dass mein Leben gleich vorbei sein wird. Denn ich hatte einen festen Plan: Ich wollte von der knapp 100 Meter hohen Klippe in die Tiefe springen. Es mag heute komisch klingen, aber: Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass es gleich enden wird. Und da stand ich nun. Bereit zum Sprung.

Wenige Monate zuvor war ich noch ein ganz normaler junger Mann, kurz vor seinem Abitur. Obwohl ich davor nie einen Hang zum Depressiven hatte, ├Ąnderte sich mein Gef├╝hlsstatus innerhalb k├╝rzester Zeit bis zu einem Tiefpunkt, an dem es nicht mehr ging.

Ich f├╝hlte mich wie unter einem schweren, dunklen Vorhang gefangen und wusste keinen Ausweg mehr.

An Suizid sterben immer noch mehr Menschen als an Verkehrsunf├Ąllen, Mord oder Drogen. Alleine im Jahr 2015 haben sich ├╝ber 10.000 Menschen das Leben genommen.

Wie es dazu kam, dass auch ich kurz davor war, mir das Leben zu nehmen, konnte ich mir erst viele Jahre sp├Ąter erkl├Ąren. Wegen des Abiturs stand ich unter gro├čem Stress. Au├čerdem war ich in meine beste Freundin verliebt. Sie aber nicht in mich.

Und auch zu meiner damaligen Clique hatte ich den Kontakt etwas verloren, denn ich habe mich zunehmend isoliert. Mein Musikgeschmack hatte sich zusammen mit meinem Gef├╝hlszustand ver├Ąndert. Gerade junge Leute verbindet Musik, was dazu f├╝hrte, dass ich mich fast nur noch mit Menschen abgab, die sich so f├╝hlten wie ich.

Dann waren da noch meine Eltern. Doch ├╝ber seelische Probleme zu sprechen, war eine H├╝rde. Und wenn, dann sprachen wir nur oberfl├Ąchlich dar├╝ber.

Ich bekam eine Depression

Nachts konnte ich immer schlechter schlafen. In der Schule war ich meist m├╝de. Pl├Âtzlich war ich viel sensibler. Mit Stress konnte ich kaum noch umgehen. Ich f├╝hlte mich wie ├╝berschrieben. Wie ganz weit weg. Ich war nicht mehr ich.

Zwei, drei Wochen nachdem diese Phase angefangen hatte, lief ich von der Schule nach Hause. Und von jetzt auf gleich ├╝berkam mich ein ziemlich mieses Gef├╝hl. Es war, als wenn mich ein Ziegel von oben getroffen h├Ątte. Ich wusste nicht, woher das kam. Alles um mich wurde dunkel und grau.

Mein Umfeld hat davon so gut wie nichts mitbekommen. Ich habe alles mit mir selbst ausgemacht und war stets der gut gelaunte, lustige Arne, den alle kannten. Ich habe das Gef├╝hl verpackt und es keinem gezeigt. Au├čer einer Person: Meiner besten Freundin.

Ô×Ę Mehr zum Thema: Meine Freundin hat sich umgebracht und ich frage mich jeden Tag, ob ich sie h├Ątte abhalten k├Ânnen

Sie war die Einzige, die es gemerkt hatte. "Arne, das ist nicht normal", sagte sie zu mir w├Ąhrend eines Gespr├Ąchs. Sie wollte mir helfen, aber auch sie wusste nicht mehr weiter.

"Du Arne, ich schaffe das grad nicht mehr, dich immer wieder aufzubauen, vielleicht kann dir ein Psychotherapeut besser helfen als ich", legte sie mir ans Herz.

Ich ging zu einer Psychiaterin, die mir schlaff├Ârdernde Tabletten verschrieb. Der Schlaf wurde besser, aber die Tage waren noch anstrengender. Meine Laune wurde durch die Behandlung nicht wirklich besser. Ich kam immer zu sp├Ąt in die Schule und schlief auf der Schulbank st├Ąndig ein. Ich dachte: Selbst die Psychiaterin kann mir nicht helfen. Es ist aussichtslos.

Die Idee, mir das Leben zu nehmen, befl├╝gelte mich total

Als ich mal wieder mit dem Kopf auf der Schulbank lag und halb am einschlafen war, kam mir pl├Âtzliche eine Idee. Diese Idee befl├╝gelte mich so sehr, dass ich schon fast euphorisch wurde. Ich dachte mir: ÔÇ×Mensch Arne, wenn du dich einfach umbringst, dann ist der Schmerz f├╝r immer vorbei." Bei der Vorstellung ging es mir gleich viel besser. Und nicht nur das: Es ging mir so gut, wie lange nicht mehr.

Gleich an diesem Abend noch, wollte ich die Idee umsetzen. Ich hatte noch einen ganz normalen Tag: Schule, Freunde treffen und Bandprobe. Danach noch kurz nach Hause und dann war es soweit.

Ich nahm das Auto meiner Mutter und fuhr auf einen kleinen Berg mit Aussichtspunkt an einer Klippe in der N├Ąhe meiner Heimatstadt. Dort st├╝rzen sich jedes Jahr viele Menschen runter und begehen Suizid.

Bis zum letzten Moment hatte ich keinen Zweifel, ob ich das tun w├╝rde. Ich war aufgeregt, aber mein depressives Gehirn dachte: Es gibt keine Alternative.

Da stand ich nun. An der Klippe. Die letzten Sonnenstrahlen waren gerade weg. Eigentlich habe ich schreckliche H├Âhenangst. Doch in dem Moment habe ich nichts gef├╝hlt, wirklich nichts.

Pl├Âtzlich vibrierte es in der Hosentasche. Das war mein Handy. Und was macht man als Teenager, wenn das Handy vibriert? Man schaut drauf. Es war eine SMS meiner beste Freundin. Sie schrieb nur etwas Belangloses. So etwas wie: Wir sehen uns dann morgen. Ja, okay? Am Ende war noch ein Smiley.

Die SMS meiner besten Freundin rettete mir das Leben

Genau in diesem Moment war das so komisch - diese Nachricht. Ich legte das Handy weg und wollte weiter machen. Aber meine Gedanken waren woanders. Was ist denn mit deiner besten Freundin? Was ist denn jetzt mit deiner Familie? Wie wird das f├╝r die sein? Ganz ehrlich: Der Gedanke kam mir da in dem Moment das allererste Mal.

Eine Depression ist offen gesagt ein sehr Ichbezogener Zustand. Die eigenen Probleme werden vor dem inneren Auge so gro├č, dass man keine Kapazit├Ąten mehr f├╝r andere Personen hat. Deswegen hatte ich davor nie Gedanken wie ÔÇ×mein armen Eltern".

Ô×Ę Mehr zum Thema: Wie einfach es ist, ein Leben zu retten, lernte ich, als ich meines beenden wollte

Bis zu dem Augenblick, als ich mit dem Handy in der Hand an der Klippe stand, ist es mir nicht in den Sinn gekommen, dass ich mit meiner Entscheidung anderen Schaden zuf├╝gen k├Ânnte. Doch durch die SMS wurde die Hemmschwelle zu springen immer gr├Â├čer.

Erst bin ich ein bisschen von der Klippe zur├╝ckgewichen. Dann stand ich mindestens noch eine Stunde dort oben. Ich z├Ąhlte immer wieder 3, 2, 1. Aber mein K├Ârper gehorchte mir nicht mehr.

Am Ende gab ich auf. Ich drehte mich um und wusste: Es bringt nichts. Ich schaffe es nicht.

Arne, du elender Feigling

Dann f├╝hlte ich mich noch schlechter. Innerlich beschimpfte ich mich selbst: "Arne, du elender Feigling. Du kriegst nicht mal das auf die Reihe. Du feiges Arschloch."

Ich habe viele Jahre nicht dar├╝ber gesprochen - auch nicht mit meinen Eltern. Irgendwann hatte meine Mutter einen Zeitungsausschnitt in der Hand, dort ging es darum, dass sich in dem Jahr bereits f├╝nf Menschen dort oben das Leben genommen hatten. Das war f├╝r mich der Moment, es ihr zu erz├Ąhlen. Sie war sprachlos.

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Auch Freunde oder ehemalige Klassenkameraden waren erstaunt, als sie einige Zeit sp├Ąter davon erfuhren. ÔÇ×Das h├Ątte ich bei dir nie gedacht", kam dann immer als Reaktion.

Ich habe mich mit vielen anderen Betroffenen ausgetauscht. Bei manchen ging es genauso schnell bergab wie bei mir. Bei anderen dauerte es Jahre bis die Entscheidung zum Suizid feststand.

Suizid ist ein Tabuthema

Obwohl sich in Deutschland alle 53 Minuten jemand das Leben nimmt und ein Suizidversuch sogar alle f├╝nf Minuten stattfindet, ist Selbstt├Âtung immer noch ein Tabuthema. Ich glaube, das liegt an der Hilflosigkeit der Menschen. Wir k├Ânnen so etwas einfach nicht verstehen. Und wir leben in einer Gesellschaft, in der es uns sowieso schwer f├Ąllt, ├╝ber Gef├╝hle zu sprechen.

Wir funktionieren. Und Jammern geh├Ârt nicht zum guten Ton. Wir Deutschen sind extrem inkompetent, wenn es um unsere Gef├╝hlswelt geht.

Aber nicht nur das: Gerade dort, wo der Leistungsdruck enorm stark ist, ist auch die Suizidrate hoch. H├Âher, schneller, weiter - das ist unser Lebensmotto. Wer nicht mithalten kann, bleibt auf der Strecke. Suizide sind also ein Produkt unserer Leistungsgesellschaft.

Ein Depressiver nimmt sich nicht so an, wie er ist. Ein Depressiver glaubt, dass er nicht intelligent, erfolgreich oder sch├Ân - ja, einfach gut - genug f├╝r diese Welt ist. F├╝r einen Depressiven ist das Leben in einer Leistungsgesellschaft wie in Deutschland unglaublich anstrengend. Denn Depressive machen sich auch so schon genug Druck.

Ich w├╝nsche mir, dass wir in der Schule irgendwann einmal lernen, wie wir f├╝r unser seelisches Wohl sorgen, um in dieser Gesellschaft zu ├╝berleben. Nicht nur Allgemeinwissen f├╝r die Kreuzwortr├Ątsel.

Meine Botschaft an alle depressiven Menschen

Wenn ich depressiven Menschen begegne, habe ich immer die gleiche Botschaft f├╝r sie: Du musst gar nichts. Du bist nicht schlechter. Du bist genauso ein wertvoller Mensch wie alle anderen, auch wenn dein depressives Gehirn das oft nicht glauben m├Âchte.

Du bist nicht der einzige, dem es so schlecht geht. Die Anderen sind nur genauso gut wie du darin, ihre Gef├╝hle zu verstecken. Nimm dir den Druck. Du darfst auch mal zulassen, dass es dir schlecht geht. Du musst nicht immer funktionieren. Du bist gut so, wie du bist.

Der erste Schritt, den jeder Depressive gehen muss, ist, seine Gef├╝hle anzunehmen. Akzeptieren, dass diese Phase eben gerade da ist. Sich den Druck nehmen, anders zu sein. Vielen hilft, sich das selbst in den Spiegel zu sagen. Oder es aufzuschreiben. Seine Gedanken aus dem Kopf bekommen. Einfach los schreiben, egal wie "anormal" oder "peinlich" man diese Worte im ersten Moment findet.

Der zweite Schritte w├Ąre dann, dass man seine Gef├╝hle nach au├čen tr├Ągt. Offen dar├╝ber spricht - nat├╝rlich erst mal nur mit den engsten Menschen. Heute schreiben mir Angeh├Ârige oft Briefe oder Mails. Sie f├╝hlen sich hilflos. Wissen nicht, wie sie mit depressiven Freunden oder Verwandten umgehen sollen.

Oft schweigen sie dann. Doch das ist der falsche Weg. Auch die Angeh├Ârigen sollten depressiven Menschen das Gef├╝hl geben, dass sie sie annehmen, wie sie sind und mit ihnen die schwierige Zeit durchleben. Sie nicht ├Ąndern wollen, sondern einfach f├╝r sie da sind.

M├Âglicherweise kann man sich auch Hilfe bei Therapeuten holen. Da darf man auch verschiedene ausprobieren, bis man den oder die Richtige/n findet.

Letztes Jahr hatte ich einmal wieder so eine Phase, in der mir alles zu viel wurde. Doch heute habe ich die Erfahrung und das Handwerkszeug, um nicht wieder in diesen Strudel der Gef├╝hle gerissen zu werden. Ich wei├č, das mir so etwas wie damals nicht noch einmal passiert.

Und ich bin sogar dankbar. Diese Erfahrung war ein Geschenk. Ich habe nie soviel ├╝ber das Leben gelernt wie mit 18 und den darauffolgenden Jahren der Heilung. Au├čerdem bin ich mir sicher: Ohne die Depression und den versuchten Suizid w├Ąre ich nie so innerlich frei und gl├╝cklich geworden, wie ich es heute bin.

Von Arne Tempel, Coach und Autor

Der Beitrag wurde von Katharina Hoch aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen ├╝ber Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut l├Ąuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie pr├Ągen, oft wenig zu tun.

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