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Ein neuer Beweis für die Dummheit der US-Außenpolitik

Veröffentlicht: Aktualisiert:
US AIRFORCE SYRIA
US AIR FORCE / Reuters
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Jetzt bombardieren die US-Truppen also auch Verbündete Baschar al-Assads, nicht nur den Islamischen Staat. Das zumindest haben US-Offizielle in der Nacht verlauten lassen.

Die Meldung ist ein neuer Beweis für die Dummheit, mit der die US-Außenpolitik seit vielen Jahren agiert.

Was nach Assad kommt, ist schlimmer

Was nach Diktator Assad kommt, ist garantiert schlimmer als das, was wir jetzt erleben.

US-Experten haben das Drama kommen sehen ...


Experten aus US-Armee und Nachrichtendiensten wussten das von Anfang an. Sie haben in einem gemeinsamen Bericht 2013 vor den "drastischen Konsequenzen" eines Sturzes Assads gewarnt. Ebenso der US-Botschafter in Damaskus, der schon etwa zehn Jahre zuvor das Gleiche gesagt hatte.

... aber der Politik war das alles egal


Die US-Politik aber fährt seit vielen Jahren einen anderen Kurs. Sie interveniert nicht, weil Assad Menschenrechte verletzt hat. Menschenrechte sind nur ein Vehikel, dessen sich die Politik bedient, um ihre Grabenkämpfe um Macht und Öl auszufechten.

Menschenrechte sind nur ein Vehikel der Machtpolitik


Das syrische Regime unter Baschar und früher seinem Vater Hafis unterhält gute Beziehungen zum Iran, auch zu Russland. Und beides sind Gegenspieler der USA.

Deswegen haben die USA die Opposition in Syrien über Jahre aufgebaut. Natürlich nicht offen. In den 70er-Jahren hat das "Church Committee" unter Frank Church beschlossen, dass die CIA nicht gar so offen im Ausland Gegner ermorden und intrigieren soll.

Also wurde das National Endowment for Democracy gegründet. Formal eine Nichtregierungsorganisation, die den Aufbau von Demokratie fördert. Tatsächlich aber eine staatliche Organisation, die jene Gruppen im Ausland finanziert, von denen sich die USA Vorteile versprechen.

Die USA kämpfen gegen Islamisten, die sie selbst bewaffnet haben


Militärisch haben die USA die vermeintlich moderaten Gegner Assads, die Freie Syrische Armee (FSA) unterstützt. Die bestand aber nur aus ein paar Generälen und Kämpfern. Und schon bald gerieten die Moderaten so unter Druck, dass sie sich den radikalen Islamisten anschlossen. Jetzt kämpfen die USA also gegen Islamisten, die sie zuvor bewaffnet haben, und gegen das Regime.

Versteht mich nicht falsch: Assad ist ein Diktator, kein Demokrat. Und sein Syrien war alles andere als ein Rechtsstaat. Ich habe das selbst erlebt.

2013 saß ich in Syrien im Knast - für fünf Monate


2013 bin ich von der Türkei aus mit dem Auto nach Syrien gefahren, um über die Regierungsseite zu berichten. Die Dschihadisten interessierten mich nicht, ich halte und hielt sie für Dummköpfe.

Ich bin damals ohne Visum eingereist, wie fast alle Journalisten, es gab schließlich schon keinen geregelten Botschaftsbetrieb mehr.

Ich habe unter anderem mit Christen dort gesprochen, die sich unter Assad sicher fühlten, aber Angst vor den Islamisten hatten. Ebenso ergeht es anderen Minderheiten in Syrien wie den Tscherkessen, den Drusen oder den Armeniern.

Die freundlichen Herren vom Innenministerium


Nach zwei Tagen Recherche sprachen mich im Hotel sehr freundliche Mitarbeiter des Innenministeriums an und erklärten mir, dass ich unter Hausarrest stünde.

Mit meinen Bewachern habe ich mich ganz gut verstanden. Ich berichtete in den 80ern, in der Zeit der Bürgerkriege, aus Mittelamerika und erklärte ihnen die eingeschränkte Souveränität der lateinamerikanischen Staaten, weil sie ja der Hinterhof der USA sind. Das fanden sie spannend.

Heimliche SMS mit der zweiten Sim-Karte


Dann wurde ich für zwei Wochen in ein Polizeigefängnis in Aleppo gebracht. Sie nahmen mir mein Laptop weg und ich gab ihnen die türkische Sim-Karte meines Handys. Meine deutsche Karte hatte ich noch und konnte so einem Kollegen heimlich noch zwei SMS schicken. Denn die Angst ist ja, dass keiner sich kümmert und man vergessen wird.

Ich will nicht sagen, dass es angenehm war dort, aber ich hatte noch eine Schaumstoffmatratze, und einen lustigen kurdischen Zigaretten-Schmuggler als Gesellschaft.

Später, traf ich einen alten Mann im Gefängnis, der dort einsaß, weil seine zwei Neffen bei den Rebellen waren. Er meinte, das sei keine demokratische Revolution, sondern einfach ein Aufstand, weil sich jetzt mal andere als die herrschenden Alawiten an den großen Töpfen bedienen wollten.

Monate auf dem Steinboden


Nach zwei Wochen kam ich dann in ein unterirdisch untergebrachtes Hochsicherheitsgefängnis. Da gab es kein Tageslicht, zum Schlafen war der Steinboden da, es war heiß, feucht. Und ich hatte immer Hunger. Ich glaube nicht, dass sie uns quälen wollten, die Versorgungslage war einfach schlecht im Land. Es stank auch, aber das fällt einem schnell nicht mehr auf.

Ich bin nicht der Typ, der so schnell hysterisch wird

Die Langeweile kann da unerträglich werden. Ich habe viel gesungen, uralte Schlager und Operetten von Lehár und so.

Ich weiß nicht warum, aber ich dachte immer, spätestens nach drei Jahren komme ich raus. Ich bin nicht der Typ, der so schnell hysterisch wird. Ich war einfach sauer, dass man mir meine Zeit stiehlt.

Die Schreie der anderen


Mich hat niemand angefasst. Aber ich hörte die Schreie anderer Häftlinge.

Ich habe später auch gesehen, dass man sie festgeschnallt hat, die Fußflächen nach oben. Dann setzte es Prügel. Danach hat man die Leute durch die Gänge gejagt, angeblich schwellen die malträtierten Fußsohlen dann nicht so an.

In so einer Lage schottet man sich innerlich automatisch ab. Ich kenne das vom Anblick zerstückelter Leichen in El Salvador. Es war grauenhaft. Aber man gewöhnt sich an alles.

Nach fünf Monaten kam ich frei, wohl auf Intervention der Bundesregierung, zehn, zwölf Kilo leichter war ich da.

Assad ist ein Diktator - aber die Islamisten sind schlimmer


Um das zusammenzufassen: Das Assad-Regime ist ein Unrechtsregime. Aber ich bin überzeugt, dass es mir wesentlich schlechter ergangen wäre, wenn ich Islamisten in die Hände gefallen wäre.

Und wenn Assad gestürzt wird, dann werden sie die Macht übernehmen.

Dann werden wir in Syrien die gleiche Katastrophe erleben wie in Libyen. Muammar al-Gaddafi war ein übler Typ. Aber seit die internationale Allianz ihn 2011 gestürzt hat, sind mehr Leute umgebracht worden als während seiner gut 40-jährigen Regentschaft.

Der Konfrontationskurs bringt nichts


Der Konfrontationskurs bringt nichts. Wie viele Beispiele des katastrophalen Scheiterns braucht der Westen noch?

1996, während des nahezu totalen Handels- und Wirtschaftsembargos gegen Irak, behauptete Madeleine Albright, die damalige US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, in der CBS-Nachrichtensendung "60 Minutes", die Sanktionen hätten sich bewährt. Saddam Hussein habe ja immerhin die Unabhängigkeit Kuwaits anerkannt - was er allerdings schon 1991 getan hatte.

Auf die Frage, ob dies den Tod von mindestens einer halben Million Kindern wert sei, die infolge mangelnder Medikamente und sauberen Wassers an Cholera und anderen Magen-Darm-Infektionen gestorben waren, antwortete Frau Albright damals: "Wir glauben, das ist es wert."

Es helfen nur Gespräche - ohne Arroganz


Das Einzige, was helfen kann, sind Gespräche. Und zwar ohne die Arroganz zu sagen, wir, der Westen, zeigen euch, welche Regierungsform ihr zu wählen habt. Und die Arroganz, mit Russland oder dem Iran gar nicht oder nur unter Vorbedingungen sprechen zu wollen.

Wir haben zu oft gesehen, dass das nicht klappt. Warum probieren wir es nicht endlich einmal anders?

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

(jg)