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Hass und Antisemitismus werden in Deutschland salonfähig

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ARMIN LANGER
Cornelis Voogdt
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Vor Kurzem habe ich einen jungen Mann auf einer Party getroffen. Ich erzählte ihm, dass ich Jude bin - und sofort fragte er: Kommst du aus einer reichen Familie?

Und erst vor Kurzem versuchte mir ein Herr den Antisemitismus zu erklären: "Der ist so verbreitet, weil die Juden so intelligent und fleißig sind." Er erklärte mir also den Antisemitismus mit Antisemitismus.

Ich bin Jude und ich lebe in Berlin. Ich liebe es hier, aber ich muss leider sagen, dass ich regelmäßig antisemitische Bemerkungen erhalte. Antisemitismus in Deutschland äußert sich ganz anders, als viele Menschen meinen.

Denn meist schaffen es nur die spektakulären Fälle von Antisemitismus in die Zeitung.

Absurd, dass nur über Muslime als Antisemiten gesprochen wird

Wie der an einer Berliner Schule. Dort haben Mitschüler einen Juden so lange gemobbt, bis er die Schule verlassen musste. Der Fall machte am Wochenende bundesweit Schlagzeilen.

Leider ist das kein Einzelfall. Es ist nicht das erste Mal, dass wir von heftigem Mobbing gehört haben.

Mehr zum Thema: Zentralrat der Juden schlägt nach antisemitischen Vorfällen in Berlin Alarm

Wir müssen immer im Einzelnen schauen, wo der Antisemitismus herkommt. In diesem Fall geht es um einen muslimischen Schüler, der wahrscheinlich das wiedergegeben hat, was er Zuhause hört.

Aber es ist absurd, dass nur über Muslime als Antisemiten gesprochen wird. Die mag es geben. Aber 95 Prozent der antisemitischen Straftaten in Deutschland werden von Neonazis begangen. Von No-Go-Areas in Brandenburg oder Sachsen spricht aber keiner.

Ein Jude in Neukölln

Stattdessen wird immer wieder über Neukölln gesprochen, das ja oft als No-Go-Area für Juden bezeichnet wird. Ich habe vor Kurzem ein Buch unter dem Namen "Ein Jude in Neukölln" veröffentlicht. Auch, um ein wenig zu provozieren.

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Man kann in Neukölln viele Antisemiten finden - aber auch Hunderte von Israelis, viele Juden, sogar einige mit Kippot. Es gibt weniger antisemitische Angriffe in Neukölln als in den gutbürgerlichen Nachbarschaften.

Ich wohne zwischen einer Moschee und einer Schwulen-Kneipe. Das alles gehört zu Neukölln. Antisemitismus gibt es überall. No-Go-Areas aber nirgendwo.

Antisemitismus ist keine Randerscheinung mehr

Insgesamt wird die Lage für Juden in Deutschland nicht besser, sie wird aber auch nicht schlimmer. Der Antisemitismus ist ein konstanter Bodensatz, der seit Jahrhunderten in der Gesellschaft verankert ist und der derzeit durch die Rechtspopulisten nur sichtbarer wird.

Er ist nicht mehr nur eine Randerscheinung. Höckes Rede in Dresden, die Bezeichnung des Holocaust-Mahnmals als Denkmal der Schande, das wäre früher nicht möglich gewesen. Nicht vom Vertreter einer Partei, die in den Bundestag zieht.

Hass wird salonfähig, auch der Antisemitismus.

Juden dürften nicht für Israels Politik verantwortlich gemacht werden

Eines der größten Probleme ist dabei, dass nicht zwischen Israel und dem Judentum differenziert wird. Diese Vermischung, diese Homogenisierung von Juden, erlebe ich leider regelmäßig.

Ich werde zum Beispiel bei Vorträgen und Lesungen oft konfrontiert: "Ihr Ministerpräsident, der Netanjahu, der hat doch wieder das und jenes gesagt!" Ich muss dann immer sagen: Tut mir leid, ich habe keinen Ministerpräsidenten, nur eine Kanzlerin.

Mir geht es nicht darum, dass Juden sich von Israel distanzieren. Aber Juden dürfen nicht für die Siedlungspolitik Israels verantwortlich gemacht werden. Ich habe als Jude in Deutschland keinen Einfluss auf Israel.

Juden und Muslime gehören zu einer Gemeinschaft

Worauf ich Einfluss habe, ist mein Umfeld, das lokale Miteinander. Das ist, was wir mit dem Projekt Salaam-Schalom stärken wollen, das Muslime und Juden zusammenbringt.

Das wichtigste für Juden und Muslime ist es zu verstehen: Wir gehören beide zu Gemeinschaften, die Opfer von Gewalt und Hass sind. Wir haben gemeinsame Interessen.

Die AfD wird im Herbst in den Bundestag einziehen. Wir brauchen eine Koalition, denn gemeinsam sind wir stärker.

Mehr zum Thema: "Ihr Programm richtet sich gegen das jüdische Leben"- Der Zentralrat der Juden sieht den Aufstieg der AfD mit Sorge

Und gemeinsam haben wir es schon geschafft, viele Vorurteile abzubauen.

Wir können den Antisemitismus nicht vollkommen überwinden


Ich wünschte mir, dass es reichen würde, was wir bei Salaam-Schalom machen.

Jährlich kommt es laut Polizeistatistik zu 1000 bis 1500 antisemitischen Straf- und Gewalttaten in Deutschland. Die Zahlen sind eigentlich Jahr für Jahr gleich.

Ich denke nicht, dass wir den Antisemitismus vollkommen überwinden können. Es gibt Menschen, die hoffnungslos verbohrt sind. Aber ich sehe auch eine Art graue Zone von Vorurteilen bei manchen Menschen - und bei denen können wir etwas bewirken.

Ob Jude, Muslim oder nicht: Wir sind alle Schulfreunde, Nachbarn, Arbeitskollegen und Kommilitonen. Wir sind Berliner und Deutsche, wir gehören zu diesem Land.

Begegnungen sind wichtig

Wir brauchen einfach mehr Begegnung. Nicht nur zwischen Juden und Muslimen - sondern zwischen allen Menschengruppen.

Begegnungen sind wichtig. Die Familie des gemobbten Jungen an der Schule in Berlin wollte unsere Organisation, Salaam-Schalom, in seine Klasse einladen. Aber die Schulleitung ist nicht auf das Angebot zurückgekommen.

Ich kann natürlich nicht garantieren, dass es nicht zu der Tat gekommen wäre. Aber es hätte hoffentlich einiges bewegt, wenn uns die Schüler getroffen hätten.

Denn wir schicken immer ein muslimisches und ein jüdisches Mitglied unserer Organisation gemeinsam in die Klassen.

Es ist wichtig zuzuhören; es ist wichtig, dass die Kinder lernen, zu reflektieren.

Mehr zum Thema: Nach Feuer in Moschee: Jüdische Gemeinde öffnet Türen für Muslime

Dieser Text wurde von Josh Groeneveld aufgezeichnet.

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