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Wo ist der Respekt vor dem Großen und Ganzen?

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RubberBall Productions via Getty Images
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Beerdigungen sind depremierend, was sonst. Heute war ich allerdings als Gast auf einer der depremierendsten, die ich jemals erlebt habe. Der Verstorbene war Atheist. Ok, kein Problem, kommt vor.

Als Geistlicher kenne ich nun allerdings auch den Unterschied von weltlichen und religiösen Beerdigungen berufsbedingt recht gut. Das Schauspiel vom heutigen Morgen hat mir vor Augen geführt, wohin eine ichbezogene Welt führt - es war grauenhaft.

In einer Zeit, in der immer mehr Menschen glauben, ohne Gott oder auch nur die Idee irgendeiner Transzendenz ganz passabel durch das Leben zu kommen, schlägt bei der Beerdigung die Stunde der Wahrheit, und zwar vor allem für die Hinterbliebenen, die Freunde und Weggefährten.

Transzendenzfreie Trauerfeiern mögen in Mode sein, eine unzivilisatorische Plage sind sie trotzdem, und zwar aus einem einfachen Grund: befreit von jeder Transzendenz wird eine Trauerfeier zu einer peinlichen Nabelschau.

Aber von vorne. Warum existieren eigentlich Trauerfeiern? Seit es Menschen gibt, archäologische Ausgrabungen bestätigen das, hat man die Verstorbenen nicht einfach kompostiert, sondern Riten des Übergangs vorgenommen.

Es gibt viele solcher Rituale, von der Taufe über Kommunion bzw. Konfirmation, Schulabschluss, Hochzeit, Jahrestage bis hin zu Gelöbnissen. Immer dann, wenn ein Übergang im Lebenslauf eines Menschen ansteht, findet sich auch ein passender Ritus. Dabei kommt es weniger darauf an, welcher dies ist, es geht um das Brückenschlagen an sich.

Das ist der Sinn eines Ritus, einen sozial und seelisch geordneten Weg zu bereiten in etwas Neues. Das hilft uns Menschen, neue Realitäten zu akzeptieren und sozial akzeptabel zu machen. Schon die Steinzeitmenschen haben dies gewusst.

Das Problem rein weltlicher Trauerfeiern ist, dass man im Hier und Jetzt hängenbleibt. Es werden keine Brücken geschlagen in eine neue Zukunft ohne den Verstorbenen. Stattdessen bekommt man ellenlange Erzählungen darüber, was derjenige gerne aß, wo er in Urlaub war, wen er wo und wie getroffen hat oder dass er als Buchhalter der Firma XY ein neues Kassenbuchsystem erfunden hat, das ihn überleben wird.

Alles Dinge, die ihre Berechtigung im Leben haben mögen, aber in ihrer Bedeutung zerbröseln, wenn man auf einen Sarg blickt.

Kein Mensch erwartet von einem Ungläubigen, dass sein Leben mit einer religiösen Zeremonie gefeiert wird. Aber einen Ritus des reflektierten Übergangs darf man doch erwarten, sonst kann man sich die ganze Veranstaltung auch sparen. Selbst der beinharteste Atheist sollte in der Lage sein, zumindest philosophisch zu werden, zu reflektieren, das Leben aus einer Vogelperspektive zu betrachten.

Es gibt kaum etwas Erbärmlicheres als Trauerfeiern, bei denen nur der Lebenslauf verlesen wird (manchmal sogar sozialpädagogisierend gedeutet) und man richtiggehend merkt: die wissen nicht weiter, da ist nichts außer hohler Weltlichkeit. Nichts, das trägt oder innerlich leitet.

Da stehen sie dann, die Vortragenden, und prallen mit ihren Geschichten aus dem Leben auf die blanke Entropie, Kompost, würdeloses Vergehen. Wie kann man allen Ernstes neben einem Sarg stehen und sich nur über Banalitäten auslassen, wie etwas dass der Verstorbene Currywurst mochte?

Niemand schadet sich damit, angesichts des Todes mal für fünf Minuten, wenn schon nicht transzendent, dann doch wenigstens philosophisch zu werden. Oder eine Minute des Schweigens einzuhalten, die den Gläubigen Trauergästen die Gelegenheit gibt, im Stillen zu beten. Doch selbst dafür gibt es oft keinen Raum mehr.

Übrigens wird bei einer christlichen Trauerfeier niemand gezwungen mitzubeten. Umgekehrt sollte es bei weltlichen Abschieden für die Gläubigen eine Möglichkeit geben, in ein kurzes Zwiegespräch mit Gott zu gehen.

Der heutige Tag hat mich gelehrt, dass die geistliche Entleerung gerade in Deutschland Maße angenommen hat, die einen gläubigen Menschen schaudern lassen. In Kanada, wo ich mit meiner Frau lebe, ist das noch anders. In den USA erst recht. Was ist nur los mit uns Deutschen? Sind wir wirklich so gnadenlose Materialisten geworden, dass wir selbst angesichts des Todes nur von den Genüssen des Lebens zu berichten wissen?

Kein Wunder ist die deutsche Geburtenrate so niedrig wie sie ist. Bei so viel Respektlosigkeit dem Leben an sich gegenüber und der Fixierung auf weltliche Nebensächlichkeiten, ist kein Raum mehr für alles, was über das eigene Ego hinausgeht.

Wer mit der Endlichkeit nicht angemessen umgehen kann, wer nur das eigene Leben sieht und nicht seinen Lauf als Teil von etwas Größerem, der versteht auch nicht den tieferen Sinn der Elternschaft.

Es ist ein Trauerspiel. Wie sind wir bloß an diesen Punkt gelangt?

Schreiben Sie uns, wenn Sie Gedanken dazu haben.

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