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Religionen: Wir mĂŒssen den Sprung zueinander wagen!

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Don Stevenson via Getty Images
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Gastbeitrag von Sister Agnetha, Leiterin "Congregation for the Doctrine of the Faith" der Christian Universal Life Church.

Ist es möglich die Welt zu sehen wie sie ist?

Um diese Frage nĂ€her zu beleuchten, mĂŒssen wir erst einmal schauen, wo wir aufgewachsen sind. Wir werden nicht nur durch unsere Erziehung geprĂ€gt, sondern auch von der gesamten Umwelt beeinflusst, in deren „Dunstkreis" wir aufgewachsen sind. Die Frage die wir uns also stellen mĂŒssen, lautet: können wir diesen, ich will es mal drastisch "Religionskrieg" nennen, in dem wir uns momentan befinden, tatsĂ€chlich richtig zu beurteilen? Sie wissen ja alle, dass momentan die Muslime und die Christen heftig miteinander um die richtige Lebenseinstellung streiten. Wenn wir nun einmal annehmen, beide Gruppen hĂ€tten Recht. Was dann? Denn Glaube heißt ja Glaube, weil er nicht Wissen ist, nicht messbar, prĂŒfbar, wiegbar.

Ich wĂŒrde einmal behaupten, den einen einzigen Islam als SolitĂ€r gibt es nicht, und damit meine ich nicht nur die Tatsache, dass es Sunniten und Schiiten gibt. Je nach geografischer Lage, wo der Islam gelebt wird, wird er auch anders ausgelegt. Genauso verhĂ€lt es sich mit dem Christentum.

Die arabischen LĂ€nder stellen nur 1/6 der Muslime dieser Welt. Der Rest lebt in SĂŒdostasien, in Pakistan, den ehemaligen Sowjetrepubliken, in Russland, in der TĂŒrkei, usw. Und diese Muslime sind bei Weitem nicht alle in der Lage das Hocharabisch zu sprechen. Infolge dessen können Sie den Koran auch nicht in allen Teilen verstehen, so wie die allermeisten Christen die Bibel auf Latein auch nicht lesen können. Er wird zwar immer rezitiert, doch muss man diese spezielle Sprache auch verstehen. Das gleiche gilt fĂŒr die Bibel. Versuchen wir doch einmal sĂ€mtliche Geschichten zu verstehen, die im Alten und im Neuen Testament beschrieben werden.

Ich bediene mich einer Geschichte ĂŒber eine Frau, die verheiratet werden soll an einem Mann der bei ihrem Vater um ihre Hand angehalten hat. Dann musste dieser Mann sieben Jahre fĂŒr ihren Vater arbeiten; das war dann das Brautgeld, danach durfte er die Frau mit zu seiner Familie nehmen. Als letzte Handlung stiehlt die Braut aus dem Hause ihres Vaters den "Hausgott". Als die Familie wieder einmal beten wollte, stellten sie fest dass der Hausgott fehlt, und die zurĂŒckgelassene Familie rast der Karawane hinterher um den Hausgott wieder zu beschaffen. Und kĂ€mpft mit dem neuen BrĂ€utigam um diesen Hausgott. Was sagt uns diese Geschichte denn heute noch? Eigentlich gar nichts.

Und die Bibel sowie der Koran sind voll von solchen Geschichten. Denn sowohl die Bibel als auch der Koran sind in Zeiten geschrieben, bei denen die gesellschaftlichen GebrÀuche noch völlig anders waren als heute. Das Problem ist allerdings dieses: Von der Bibel behauptet kein ernsthafter Theologe, sie sei von Gott diktiert. Im Islam wird der Koran jedoch als Diktat Gottes gesehen. Eine kleiner, aber unheimlich weitreichender Unterschied mit immensen Konsequenzen.

Denn um zu bewerten warum diese Geschichte mit der Braut eine Bedeutung hat, muss man wissen, dass derjenige der den Hausgott hatte, der Erbe der Familie war. HĂ€tte es der Braut in ihrem neuen Heim nicht gefallen, wĂ€re sie zurĂŒckgegangen, hĂ€tte den Hausgott gezeigt und hĂ€tte geerbt. Sehr hinterhĂ€ltig wie ich finde, um es mit einem Augenzwinkern zu sagen.

Deshalb ist es doch heute eigentlich gar nicht so wichtig, wenn jemand sagt; das steht aber im Koran, deshalb gilt das auch heute noch und wir mĂŒssen danach leben. Weder fĂŒr den Koran noch fĂŒr die Bibel, man kann sich aussuchen was man will, das geht sich immer gleich aus. Die Bibel ist mindestens genauso grausam wie der Koran. Und genauso missverstĂ€ndlich, wenn man nicht in der Lage ist die geschichtlichen Begebenheiten richtig einzuordnen. Als diktiertes Wort Gottes sind den Muslimen jedoch ein wenig die HĂ€nde gebunden, wenn es um eine moderne Interpretation ihrer heiligen Schrift geht. Wir Christen haben es da einfacher.

Wagen wir uns an ein anderes heißes Eisen: Die Diskussion ĂŒber das Verschleierungsverbot auf der einen Seite und dem Ansinnen der Muslime, ihre Frauen gerne verschleiert zu sehen. NatĂŒrlich steht das im Koran, aber man muss auch wissen warum. Mohammed hat, nachdem seine erste Frau gestorben war, vier Frauen geheiratet. Und da er ein erfolgreicher „Warlord" wurde, hatte er dementsprechend auch viel zu sagen. Seine vier Frauen waren bei Festen immer dabei. Und wie in jeder Gesellschaft haben natĂŒrlich alle anderen versucht ĂŒber die Frauen, eine persönliche Angelegenheit an den „Mann" zu bringen. Mohammeds Frauen haben sich darĂŒber bei Mohammed beschwert und da hat er ganz einfach gesagt, dann machen wir vor euch einen Schleier bzw. Vorhang, dann könnt ihr auch ungestört feiern ohne von den Menschen belĂ€stigt zu werden, die ein persönliches Ansinnen haben, sei es eine Heirat oder sonstiges. ZusĂ€tzlich war es in diesen Zeiten nur den adligen Frauen erlaubt, hinter einem Schleier durch die Straßen getragen zu werden, abgeschirmt vor den Blicken des gemeinen Volkes. Alle anderen Frauen wurden zum Teil verwechselt mit den Sklavinnen, die man damals wie Freiwild betrachtet hatte.

Also Mohammed erlaubte dann auch allen anderen Frauen, sich zu verschleiern. Daher kommt diese Tradition. Vor diesem Hintergrund ein Akt der Aufwertung der Frau. Aber gilt das heute noch? Ernsthaft?

Also auch hier: ein kleines Beispiel aus der Geschichte zeigt uns, dass natĂŒrlich diese Vorgaben im Koran stehen, aber die Interpretation dessen warum es dort steht, also welche geschichtlichen BeweggrĂŒnde damals dazu fĂŒhrten, gehen heute zu Tage in eine völlig andere Richtung. Daher wĂŒrde ich sagen, im Laufe der Geschichte, wurde aus einem Gefallen fĂŒr die Frauen, eine UnterdrĂŒckung der Frau durch das Auferlegen des Tragens einer Verschleierung. An dieser Stelle sei noch einmal ganz kurz darauf hingewiesen, dass der sogenannte "Ehrenmord" und manch andere vermeintlich religiöse Regel, nirgendwo im Koran zu finden ist. Auch nicht in den sonstigen Schriften. Hier wird Kultur als Religion verkauft, aber auch dies findet sich nicht nur im Islam.

Aufgrund dieser Geschichten sollten wir weniger danach schauen, welchen Glauben belegt dieser oder jener Mensch gerade. Wir sollten uns mehr damit beschĂ€ftigen, wer gerade mit uns spricht. Und wir sollten, fern von jeder Gleichmacherei, Gutmenschenverhalten oder sonstigem uns als aller erstes damit beschĂ€ftigen ob wir denn, wenn es zum Streit kommt - und dieser Streit ist ja Jahrhunderte lang bereits gefĂŒhrt worden - die Frage stellen: reden wir denn von dem Gleichen?

Wir stellen zu wenige Fragen und lassen uns einlullen von dem was uns durch unsere Medien „gepredigt" wird. Auf der einen wie auf der anderen Seite. Denn sowohl Muslime, als auch die Christen beschĂ€ftigen sich in der breiten Masse zu wenig mit dem Kern, den die jeweilig andere Religion ausmacht. Die eine wie die andere Seite reden ĂŒber eine Religion, die sie entweder beide nur in Teilen oder gar nicht verstehen.

Ich selbst bin fĂŒr mich als Christ immer wieder zu der Einsicht gelangt, dass das was ich bisher glaubte aus den biblischen Geschichten heraushören zu können, vielleicht falsch interpretiert oder von mir, aufgrund von geschichtlichen Defiziten, falsch beurteilt wurde. Dauernde Skepsis ist hier eine gesunde Haltung.

Bei den Muslimen ist das etwas schwieriger, erstens weil deren Glauben als "Diktat Gottes" weniger interpretatorischen Spielraum bietet als unserer. Auch das Rituelle ist dort stĂ€rker ausgeprĂ€gt, etwa das fĂŒnfmalige beten am Tag. Es gibt zudem in vielen LĂ€ndern der "muslimischen Welt" keine richtige Schulpflicht. Also schicken die Leute ihre Kinder in die Koranschule. Sie verstehen dann zwar nicht alles, weil der Koran immer in arabisch gelesen werden muss, aber hinterher können die Kinder lesen und schreiben. Immerhin. Jedoch gibt es keine ĂŒbergeordnete Stelle die das Gesagte auch koordiniert. Somit sind Fehlinterpretationen TĂŒr und Tor geöffnet. Anders als in den christlichen LĂ€ndern. Hier ist alles einigermaßen geordnet und zudem der Glauben eher Privatsache.

Mein Fazit aus dem kleinen Ausflug in die Geschichte und unsere Zeit ist: Wir mĂŒssen in der breiten Masse noch mehr miteinander sprechen. Zwischen Christen, mit Muslimen, aber auch mit Buddhisten, Hinduisten und allen anderen GlĂ€ubigen. Erst im Dialog kann man sich verstehen und in der Unterschiedlichkeit respektieren lernen. Daher ist es so wichtig, als KirchenfĂŒhrung seine GlĂ€ubigen besonnen und mit Augenmaß zu fĂŒhren, wie ich es fĂŒr unsere globale Kirche versuche. Respekt voreinander zu haben, wahren Respekt, bei dem jeder seine Meinung, seine Religion und seine Stimme erheben kann, ist elementar. Damit wir lernen, die Welt ein wenig besser zu machen.

Wir leben erst in der Anfangszeit der Globalisierung, die Welt wird noch weiter zusammenrĂŒcken und wir werden alle mehr. Aber wir Menschen sind nicht alle gleich - gleich viel Wert, aber nicht identisch. Daher ist es auch schlecht, alles gleich machen zu wollen. Unterschiedlichkeit nicht nur auszuhalten, sondern auch als Chance zu begreifen, ist ein Wert an sich. Es muss allerdings nicht unbedingt durch Massenwanderungen passieren. Entwurzelte Menschen sind oft verunsichert und leichte Beute fĂŒr genau jene, die mit einer Begegnung auf Augenhöhe Probleme haben. Daher gilt es, auch in Zeiten der Globalisierung den Menschen nicht zur verschiebbaren Masse zu degradieren, sondern ihm ein Leben in WĂŒrde im Rahmen seines eigenen Umfeldes zu ermöglichen.

Jeder Mensch ist wertvoll, egal in welchem Umfeld er aufgewachsen ist. Das was wir gelernt und gehört haben, nachdem unsere Eltern lebten, kann nicht ganz falsch sein. Wir mĂŒssen voneinander lernen. Ich finde, es gibt so viele gute Sachen in fremden Kulturen und Religionen, die uns bereichern können.Und genauso umgekehrt. Wir sollten keinesfalls unter dem Label falsch verstandener NĂ€chstenliebe alle „AndersglĂ€ubigen" niedertrampeln. Und mit "Wir" meine ich alle GlĂ€ubigen aller Religionen in allen Ecken der Welt.

Alle wissen das und die meisten wĂŒrden das auch so unterschreiben. Doch dann kommt immer das ABER. Aber dieses ABER kann der Anfang kĂŒnftiger GesprĂ€che sein.

Webseite der deutschen Sektion der Christian Universal Life Church.

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