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Offenbarungen über Grönland

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PASTOR LARRY TOMCZAK GAY
Image Source via Getty Images
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Wie treue Leser meiner Blogs wissen, sitze ich viel im Flieger. Meine Berufung bringt das mit sich, denn keine Videokonferenz dieser Welt kann das persönliche Zusammentreffen zwischen Menschen ersetzen.

Mit einer Vertretung in inzwischen über siebzig Ländern und einer emsigen Missionsarbeit können Sie sich vorstellen, dass meine Meilenkarte im Vielfliegerclub glüht - auch wenn ich normalerweise nur Holzklasse fliege. Aber darum soll es heute gar nicht gehen. Sondern um eine Begegnung, wie man sie eben nur in der Holzklasse haben kann.

Besonders gut klappt die Herstellung einer erzwungenen menschlichen Nähe vor allem auf Air Transat Flügen. Diese findigen Schlauberger haben nämliche das Meisterwerk vollbracht, einen Sitz mehr pro Reihe in ihre Flieger zu quetschen. Nichts für Klaustrophobiker, auch nichts für Menschen die nicht unter Kleinwuchs leiden, aber günstig. Egal, man kommt also in der Intimität dieser schrecklichen Flugzeugsitze sehr schnell ins Gespräch. Meine Sitznachbarin wollte irgendwo über Grönland wissen, was ich so tue und als ich ihr erklärte, dass ich eine Kirche leite wurde sie merkwürdig steif und etwas sonderbar.

Es stellte sich also heraus, dass die gute Frau mehrfach geschieden war und das eine oder andere Stück Lebenserfahrung mitbringt, das eine katholische Beichte zu einer sehr langen Veranstaltung bei ihr machen würde. Als Sie merkte, dass ich ein „entspannter Theologe" bin und überhaupt kein Problem mit ihren „Sünden" habe, sagte Sie etwas, das mich nachdenklich machte: „Sie sind ja gar nicht konservativ wie die Pastoren, die ich kenne. Sie sind so liberal..."

Moment mal!

Bin ich das?

Ich denke gerne auch selbst von Zeit zu Zeit, ich sei liberal - aber bin ich das wirklich? Und was bedeutet es, liberal zu sein? Bedeutet es Beliebigkeit und moralische Flexibilität? Wenn es das ist, dann bin ich weiß Gott nicht liberal! Beliebigkeit geht gar nicht. Aber ist es nicht ein Nachweis meiner Liberalität, dass ich so gar keine Probleme mit Schwulen, Lesben, Geschiedenen usw. habe? Ja, dann wäre ich liberal. Oder doch nicht? Denn für die Ehegleichheit von Schwulen und Lesben trete ich ein, nicht obwohl ich ein christlicher Theologe bin, sondern gerade weil ich zu Gottes Bodenpersonal gehöre. Die christliche Nächstenliebe endet für mich nämlich nicht an irgendwelchen missverständlichen Passagen des Alten Testaments. Daher kann ich im Geiste der Liebe Jesu nur für eine Gleichheit aller Arten der Liebe sein.

Mein Glaube macht mich also zum Akzeptierenden alternativer Lebensformen, nicht ein moralisches Larifari. Oder dass ich für die völlige Gleichberechtigung von Frauen bin, auch im Klerus der Kirche. Ist das liberal oder auch nur eine Folge meiner theologischen Erziehung, weil ich einen sehr speziellen Dozenten im Bereich der Bibelexegese hatte?

Ich weiß es nicht.

So bin ich gerade in einem Prozess des Nachdenkens. Denn könnte es nicht sein, dass ich gar nicht liberal bin, aber „offen" und „nächstenliebend" im Geiste des Herrn? In dieser Hinsicht aber konservativ? Denn mit mir kann man über Grundachsen des Glaubens nicht diskutieren, hier bin ich ein kompromissloser Dogmatiker.

Wie dem auch sei: So hat mich eine etwas zu enge Sitzreihe eines kanadischen Billigfliegers zum Nachdenken über mein Selbst gebracht. Und natürlich meine Sitznachbarin. Danke Cathryn.

Ihnen allen empfehle ich auch, ab und an mal darüber nachzudenken, wer man eigentlich ist und warum man manche Dinge richtig findet und andere nicht. Wir nehmen alle viel zu viel als gegeben hin.

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