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Hoffen auf Hogwarts in Djalalabad

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KANDAHAR
Getty
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Oh Gott!

Wenn ein Beitrag eines Kirchenmannes mit diesen Worten beginnt, können Sie sich vorstellen, dass auch die Weisheit des Bodenpersonals Gottes irgendwann am Ende ist.

Ich bin in einer sehr protestantischen Familie groß geworden, in der immer galt: "Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott". Die Wege des Herrn sind unergründlich, aber in den seltensten Fällen wird einem ein Wunder per DHL an die Haustüre geliefert. Scheinbar hat sich diese Binsenweisheit in den vergangenen zweitausend Jahren noch nicht allzuweit herumgesprochen, zumindest nicht bis nach Djalalabad.

Das ist kein Vertipper, der Ort heißt wirklich so, und dass man dort nicht leben will, ist verständlich. Mieses Klima, öde Gegend und vor allem seit bald vierzig Jahren Krieg und Terror. Ich kann jeden verstehen, der dort weg möchte. Aber, und das ist nun mal ein gewisses Problem, auch wir Kirchenleute können nicht zaubern. Schön wäre es, aber eine Kirche ist nun einmal ein Haus Gottes und nicht Hogwarts.

Jetzt bekommt das globale Social Media Center unserer Kirche seit Wochen ordentlich Dampf gemacht von einem jungen Mann, der inzwischen derart penetrant wurde, dass die Kollegen sich hilfesuchend an unsere zentrale Verwaltung wandten und es der Vorgang bis auf meinen Schreibtisch schaffte. Außer zu beten kann jedoch in diesem Fall auch ich nichts tun. Deshalb schreibe ich darüber, um wenigstens ein Bewusstsein für diese Problemlage zu schaffen.

Da sitzt also ein junger Mann in Djalalabad, Afghanistan, und war offenbar lange Zeit Dolmetscher für die US-Armee. Wir glauben ihm das, denn er hat uns ungefragt alle seine Papiere in Kopie geschickt. Der arme Kerl wurde bei der US-Army zum Christen und befindet sich jetzt in Angst, weil es in Djalalabad nur so wimmelt von Leuten, die "Kollaboration mit dem "Feind" und den "Abfall vom Glauben" (gemeint ist der Islam) mit dem Tod bestrafen wollen.

Der junge Mann lebt also wirklich gefährlich und will dort weg. Wir, das heißt unser Social Media Center, haben getan, was wir konnten. Emails an Offizielle geschrieben, den ehemaligen Vorgesetzten des jungen Mannes kontaktiert. Mehr als jede normale Kirche tun würde. Ergebnis: es läuft ein amerikanisches Visa-Verfahren, aber auch keiner der dort Verantwortlichen war jemals in Hogwarts. Der junge Mann sollte also besser noch eine Weile in Djalalabad den Mund halten, nicht auffallen und hoffen, dass er bald in die USA ausreisen darf.

Doch, man kann ihm dabei im Grunde nicht böse sein, er will sofort aus Afghanistan weg. Wer will das nicht? Allerdings ist es dann doch weniger erfreulich und vor allem nicht sonderlich klug, dass er glaubt, je lauter er ausgerechnet bei uns trommelt, desto schneller gehe es voran. Dass wir eine Kirche sind und nicht das State Department, das will nicht so recht in seinen Kopf. So setzte er also unsere Mitarbeiter im Social Media Center immer mehr moralisch unter Druck, bis zu dem Punkt an dem jetzt ein älterer Kollege den hausinternen Seelsorger aufsuchen musste, weil er einfach nicht mehr konnte. Der junge Mann hatte ihm, der sich so massiv für ihn eingesetzt hatte, jetzt schon einmal vorausschauend die Schuld gegeben, falls er aus Djalalabad nicht lebend herauskommt.

Meine Executive Order an den Kollegen und das gesamte Social Media Center lautet nun: stoppt den Kontakt. Vertraut darauf, dass Gott dem hilft, der sich helfen lässt, aber versucht nicht das Unmögliche. Betet für den jungen Mann, geht in Euch ob Ihr alles Rationale getan habt - und dann schließt das Kapitel. Niemand, auch nicht unser Herr Jesus Christus hat das Unmögliche verlangt. Liebe Gott, liebe Dich selbst, liebe Deinen Nächsten. So die Anweisung des Herrn. Moralische Überdehnungen sind darin nicht vorgesehen. Disziplin, Eigeninitiative und etwas Mut darf man getrost jedem abverlangen.

So beten wir also für den jungen "Herrn M.", und Sie sind eingeladen dasselbe zu tun. Wer wahrhaft glaubt, vertraut gerade in solche Momenten dem Gebet und nicht der Bettelei.

Amen.

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