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Liebe AfD, ich komme aus Syrien und habe euer Wahlprogramm gelesen - das habe ich euch jetzt zu sagen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
AFD
Reinhard Krause / Reuters
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Liebe AfD,

da eure Partei mittlerweile mehr Aufmerksamkeit geschenkt bekommt als Bibis Beautyplace, wollte ich mir ein eigenes Bild machen und habe mir euer Wahlprogramm genauestens durchgelesen.

Um eins vorab zu sagen: Es gibt tatsächlich einige Punkte, bei denen ich euch zustimme. Doch diese Punkte werden im Gegensatz zu eurem Hauptthema sehr in den Hintergrund gedrängt, da der Fokus scheinbar nur auf dem Islam, Muslimen und der Bekämpfung der Integration liegt.

Was mir gefallen hat

Als ich mir die ersten Seiten durchgelesen habe, musste ich mich ständig fragen, warum ihr diese wichtigen und sehr positiven Punkte, kaum zur Sprache bringt, wie:

  • Steuerverschwendungen,
  • Die überhöhte Mitarbeiterpauschale bei Bundestagsabgeordneten,
  • Die Gleichstellung von Mann und Frau,
  • Die Cyberkriminalität,
  • Die erschwerten Bedingungen aufgrund unserer deutschen Bürokratie und
  • Gewisse Vorschläge für unsere Steuerrechte

Meine Meinung änderte sich jedoch sehr schnell, als ich mir die restlichen Punkte durchgelesen habe.

Menschen mit Migrationshintergrund sind genauso überfordert mit der Situation

Dass wir in Deutschland tatsächlich Probleme durch die hohe Zuwanderung haben, möchte ich gar nicht bestreiten. Es ist selbstverständlich auch naiv zu glauben, dass sich, wenn man zum Beispiel alle Syrer oder Afghanen aufnimmt, die Kriege in deren Ländern auflösen. Die Probleme müssen vor Ort gelöst werden, um die Zuwanderung zu stoppen und ein normales Leben in deren Heimat zu ermöglichen.

Mehr zum Thema: Wir müssen die Fluchtursachen in Syrien bekämpfen, nicht Flüchtlinge!

Glaubt ihr ernsthaft, dass jeder Flüchtling hier leben möchte und gerne die Strapazen auf sich nimmt, um hier ein neues Leben unter erschwerten Bedingungen aufzubauen, wo er hingegen in seiner Heimat Wertschätzung hatte?

Durch die Flüchtlingswelle sind einige Menschen hierher gekommen, die nichts in Deutschland zu suchen haben. Meint ihr eigentlich, dass andere Menschen mit Migrationshintergrund nicht genauso überfordert sind von dieser neuen Situation?

Menschen, vor denen einige Flüchtlinge sogar geflohen sind, haben hier in Deutschland Asyl bekommen, nur weil man hier nicht kontrollieren konnte, wer alles ins Land gekommen ist. Wir "ehemaligen Flüchtlinge" sind es, die in ihrer Freizeit ehrenamtlich dolmetschen, mit den neuen Flüchtlingen zum Arzt gehen und versuchen, sie hier zu integrieren, ohne jegliche Gegenleistung.

Vor einigen Jahren war es für viele Flüchtlinge selbst nach Jahren unmöglich, eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, obwohl die zweite oder dritte Generation hier schon integriert war oder ist. Denkt darüber mal nach, bevor ihr direkt alle Ausländer, die hier leben, pauschalisiert.

Ihr fordert "Assimilation und Loyalität zur neuen Heimat"

Ihr fordert von Neuankömmlingen, dass es ihre Aufgabe ist, sich hier zu integrieren. Wie soll das klappen, wenn ihr so tut, als würden Menschen mit Migrationshintergrund nicht zu dieser Gesellschaft gehören?

Mehr zum Thema: Eine neue Studie sagt: Muslime sind in Deutschland gut integriert - es will nur keiner glauben

Ihr fordert "Assimilation und Loyalität zur neuen Heimat". An dieser Stelle möchte ich gerne wissen, ob ihr Dasselbe auch von einem Deutschen fordern würdet, wenn der nach Spanien oder Frankreich auswandert?

Muss ich also meine Wurzeln verleugnen, um für euch als richtige Deutsche angesehen zu werden? Sind alle Beiträge, die ich zu dieser Gesellschaft geleistet habe, nichts wert, nur weil ich meine andere Kultur nicht verleugne?

Apropos Assimilierung: Glaubt ihr, dass all eure alteingesessenen Deutschen ihre eigene deutsche Kultur kennen? Geht doch mal auf die Straße und fragt einige "Rein-Deutsche", ob sie wissen, wie viele Bundesländer Deutschland hat, wer ihre Minister sind und was zur deutschen Kultur gehört. Seid froh, dass Stefan Raab nicht mehr im Fernsehen zu sehen ist - ihr wärt aufgeschmissen!

Fehlende "Souveränität"

Diese "Souveränität", die ihr auch erwähnt, fehlt tatsächlich in diesem Land, doch das ist nicht die Schuld der Einwanderer, sondern der Deutschen. Bereits in einem vergangenen Artikel von mir habe ich darüber berichtet, dass es scheinbar nicht mehr "cool" ist, in Deutschland deutsch zu sein.

Integriert doch erst mal eure deutschen Bürger, bevor ihr das von anderen erwartet. Integration kann nur erfolgen, wenn beide Seiten ihre Kultur ausleben können, ohne der anderen damit zu schaden oder sie zu verletzen. Ein Land, das sich seit 72 Jahren für seine Vergangenheit schämt, sollte sich endlich mal regenerieren und darauf stolz sein, was es alles seitdem geändert und geschafft hat.

Euer Wahlprogramm jedoch katapultiert die Deutschen wieder zurück in die Zeit, die sie am liebsten vergessen wollen. Wir leben im Jahr 2017 und ihr fordert Sachen, die überhaupt nicht mehr zeitgemäß sind. Ihr könnt und werdet die Zeit nicht stoppen oder zurückspulen.

Die Globalisierung ist ein Teil der Zukunft, genauso wie die Einwanderer, die den Willen haben, sich hier zu integrieren und bereits jetzt ein Teil dieses Landes sind!

Wir sind die neuen Deutschen

Ich bin selbst eine Deutsche mit Migrationshintergrund und fühle mich ganz eindeutig als ein Teil dieser Gesellschaft. Gut, dass ich meine Identität nicht von Menschen wie euch abhängig mache.

Wir gehören zu den neuen Deutschen. Die Menschen, die ihr so oft in eurem Wahlprogramm mit anderen Worten als asozial und ungebildet beschimpft, haben viel zu diesem Land beigetragen. Obwohl es vor 40 Jahren noch keine richtige Integrationspolitik gab!

Schaut euch doch die großen Konzerne und Betriebe an. Die meisten Leiharbeiter, Putzfrauen und Fließbandarbeiter sind Menschen mit Migrationshintergrund.

Niedriges Bildungsniveau aufgrund der Migration?

Auf Seite 32 sagt ihr: "Eine Absenkung der schulischen und beruflichen Anforderungen, um Einwanderern die Anpassung an das hiesige Bildungsniveau und den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern, darf es nicht geben."

Mehr zum Thema: Eine Syrerin geht in Hessen zur Schule - am Zeugnistag stellt sich heraus, wie gut sie integriert ist

Das Bildungsniveau sinkt nicht, weil es so viele neue Einwanderer gibt, sondern weil man in den letzten Jahren immer zuerst bei der Bildung gespart hat. Seht euch doch mal die Statistiken des BAMF an: Rund 42,5% der Syrer und 38,9% der Afghanen haben eine Berufsausbildung oder ein Studium abgeschlossen, laufend oder abgebrochen.

Wenn es so wäre, wie ihr sagt, hätten wir keinen Mangel an Facharbeitern. Schließlich ist die Flüchtlingswelle im Jahr 2015 losgebrochen und das Problem mit dem Fachkräftemangel gibt es schon viel länger.

Euer größtes Problem

All diese und weitere gravierende Probleme in Deutschland vernachlässigt ihr in eurem Programm. Euer größtes Problem sind scheinbar nur die Muslime. Vielleicht habt ihr es selbst noch nicht gemerkt, doch in eurem Wahlprogramm wird das Wort "Islam" über 26 Mal erwähnt. (Viel öfter als in anderen Parteiprogrammen).

Mehr zum Thema: Herzlich (un)willkommen: Was die Parteien in ihren Wahlprogrammen über Muslime schreiben

Als wären alle Probleme in diesem Land gelöst, wenn es keine Muslime in Deutschland geben würde. Man könnte glatt meinen, dass ihr so große Angst vor dem Islam habt, da ihr bereits ahnt, dass euer Weltbild mit gewissen muslimischen Ländern übereinstimmt.

Alles läuft auf Rassismus hinaus

Auch bei diesem Thema gibt es Punkte, die im ersten Moment ganz vernünftig klingen. Ich bin auch dagegen, dass Moscheen vom Ausland finanziert werden und dass man sie besser kontrollieren sollte. Früher dachte ich auch immer, dass die Vollverschleierung im Grundgesetz klar geregelt ist und dass man sich an öffentlichen Orten zu erkennen geben muss.

Das sind gewisse Ansätze, die man besprechen muss. Jedoch läuft es bei euch immer alles danach in eine Richtung. Die nennt sich "Rassismus". Ihr möchtet alles, was mit dem Islam zu tun hat, eigentlich eliminieren und es sogar als Unterrichtsstoff streichen.

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

Wisst ihr, an was mich das erinnert? An Saudi-Arabien oder den Iran. Wollt ihr wirklich mit diesen Ländern verglichen werden, was die Religionsfreiheit angeht? Wenn ja, seid ihr auf einem sehr guten Weg dahin.

Ich habe wirklich versucht, unabhängig von den Medien (oder, wie ihr sie liebevoll nennt, der "Lügenpresse") eure Forderungen neutral zu beurteilen und mir eine Meinung zu bilden.

Doch das war bei eurem Wahlprogramm unmöglich. Dennoch würdet ihr sehr viele Stimmen sammeln, wenn ihr euer Wahlprogramm auf arabisch oder türkisch anbieten würdet, denn eure Ansichten decken sich sehr stark mit denen des konservativen oder sogar radikalen Islam.

Wenn ihr wüsstet, wie viel AfD Mentalität in so manch einem AKP- und Baath-Anhänger ist, dann würdet ihr euch wundern - Ich weiß, wovon ich da rede, denn genau vor diesem Extremismus ist meine Familie einst nach Deutschland geflohen.

Ihr wollt eine Alternative für Deutschland sein? Ihr seid ein Abklatsch der Vergangenheit, die den Krieg verloren hat und immer noch nicht damit klarkommt!

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