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"Wir Muslime machen grade mal 5% der deutschen Bevölkerung aus, doch bestimmen zu 50% die Schlagzeilen."

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Das sagte der Schriftsteller Hamed Abdel Samad in einem Interview mit der Huffington Post. Herr Abdel-Samad wurde mit seinen polarisierenden Büchern, in dem er den Islam analysiert, in der Öffentlichkeit bekannt.

Kaum eine andere Debatte wird so oft geführt, wie die über den Islam. Die Meinungen dazu sind oft emotional aufgeladen und werden sehr monoton geführt. Daher wurde es Zeit Fragen zu stellen, die über das Kopftuch hinaus gehen.

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Sie kritisieren den Islam und sprechen über die überfällige Reformierung des Islams: Was haben Sie - abgesehen von ihren Büchern - zur Reformierung beigetragen?

Ich bin in erster Linie ein Schriftsteller. Ich bin weder ein Reformer, noch ein Sozialarbeiter oder ein Politiker, um Lösungen anzubieten. Karl Kraus hat mal gesagt: „Ich kann keine Eier legen aber ich erkenne, wenn ein Ei faul ist."

Ein Schriftsteller ist ein Analytiker. Ich zerlege den Islam in mehreren Teilen. Jedoch erkenne ich an, dass mache Teile dieser Religion angenehm und für die Menschen notwendig sind. Ich habe das an meiner Familie gesehen. Die allgemeinen Prinzipien, die Idee, dass nach dem Tod noch etwas auf uns wartet.

All das ist ok und das kritisiere ich auch gar nicht. Doch die Religion hat auch eine politische und juristische Seite, die gefährlich ist und jeden Tag Opfer kostet. Ich weiß, dass viele Muslime, (die ihre eigene Religion nicht richtig kennen), aus ihrer Emotionalität heraus den Drang haben, den Islam zu verteidigen. Daher dulden bzw. akzeptieren sie keine Kritik.

Ich sehe den Koran als Supermarkt. Man kann sich darin bedienen. Die Waren darin sind nicht sortiert. Genau das mache ich in meinem neuen Buch. Ich spiele die Rolle des Verbraucherschützers.

Ich sortiere die Ware historisch ein. Ich werde dafür angegriffen, weil ich die Passagen aus dem Koran einordne. Allein das macht die Leute sauer. Die Leute bei uns stehen scheinbar nicht auf Verbraucherschutz.

Wenn man in Deutschland über den Islam redet, sind die Meinungen oft sehr extrem. Glauben Sie, dass Sie mit ihren Büchern so gut ankommen, weil sie einen Nerv der Gesellschaft getroffen haben oder weil Sie ein talentierter Schriftsteller sind?

Es gab vor mir ein Buch mit dem Titel, „die Verbrechen des Propheten Mohammed". Kaum jemand hat sich für das Buch interessiert. Das Buch war ein Flop. Die Menschen haben kein Interesse an plumpen Beschimpfungen. Ich kenne mich aus in dieser Szene.

Die meisten Menschen lesen Bücher, wenn die Analyse für sie einen gewissen Sinn macht. Ich glaube, dass ist der Grund, warum sich meine Bücher so gut verkaufen. Solche Bücher gibt es vielleicht in der Wissenschaft, wo nur 500 Leute das Buch lesen. Aber für die breite Leserschaft gibt es das nicht.

Mehr zum Thema: Gehört der Islam zu Deutschland? Das sagen die Deutschen dazu

„Bücher verkaufen sich gut, wenn man den Islam kritisiert?" - Stimmt überhaupt nicht! Also ich bin Analytiker und kein Kritiker. Ich bin Politikwissenschaftler, ich habe die islamische Geschichte an der Uni gelehrt. Das ist mein Fachgebiet und die Leute merken das, wenn sie meine Bücher lesen

Weshalb neigen wir oft dazu, dem Islam eine Täter- oder Opferrolle zu zuspielen?

Das ist eine gute Frage und ein ernsthaftes Problem. Die Debatte wird sehr emotional geführt. Zwei Seiten schaukeln sich immer gegenseitig hoch. Die eine Seite von Ängsten und die andere Seite von Arroganz.

Es gibt Muslime, die Angst haben vor ihrem Identitätsverlust - besonders in Europa und deshalb hängen sie am Islam, wie ein Kind an dem Kleid seiner Mutter. Dann gibt es da die deutsche Gesellschaft, die jeden Tag Nachrichten sieht und verunsichert wird.

Wir machen 5 Prozent der deutschen Gesellschaft aus, aber bestimmen 50 Prozent der Schlagzeilen. Und das wirkt sich natürlich auch für die Wahrnehmung dieser Leute aus. Wir werden größer gemacht, als wird sind. Aber das sind echte Nachrichten. Sie sind nicht ausgedacht oder erfunden.

Hinzu kommt die Arroganz vom rechtsradikalen Rand, der sich moralisch überlegen fühlt. Diese Leute sind auch nicht an einer Debatte interessiert und schmeißen alles in einem Topf. All diese Ängste schaukeln sich gegenseitig hoch.

Es gibt Interviews von Ihnen, in dem Sie klar sagen, dass Sie zwischen Muslimen und dem Islam unterscheiden. Glauben Sie, dass ihre Leser dies auch tun, wenn Sie ihre Bücher lesen?

Ja, weil ich das Gleiche auch in meinen Büchern schreibe. Menschen und Ideologien sind nicht das Gleiche. Die Islamisten wollen genau das. Sie wollen die Muslime und den Islam gleichsetzten.

Wir wollen über Integration reden, aber bauen dabei immer mehr Moscheen. Die Rolle der Integration und der Gesellschaft wird mit der Religion verbunden. Wenn man sich auf die Islam-Verbände verlässt, erreicht man keine Integration. Höchstens die politische Aufrechterhaltung dieser Verbände.

Die Menschen sind vielschichtiger und interessanter als ihre Religion. Die Islam-Verbände möchten die Rolle des Seelsorgers im Religionsunterricht spielen. Sie befestigt eine konservative Rolle des Islams. Sie liefert die liberalen Muslimen, die mehrheitlich friedlich sind, den Islam-Funktionären aus.

Warum müssen es muslimische Krankenhäuser geben? Alle islamischen Menschen kommen nach Europa, und lassen sich hier behandeln. Warum brauchen wir muslimische Kindergärten? Das ist absurd! Und der Staat macht das mit. Man wiederholt das gleiche, was man mit den Kirchen macht.

Sie wurden im Oktober 2015 von der AfD nach Charlottenburg-Wilmersdorf als Redner eingeladen. Was motiviert Sie dazu die AFD zu unterstützen?

Wenn ich eine Rede halte, heißt es nicht, dass ich die Partei unterstützte. Ich habe auch Reden für die CSU in Augsburg gehalten, die richtige Kritik von mir einstecken musste. Ich habe auch Reden, bei der FDP, bei den Grünen und bei der SPD im Willy-Brandt-Haus gehalten.

Die Parteien und die Medien beschäftigen sich zu sehr mit der AFD. Man lässt zu, dass die AFD die Themen setzt und begnügt sich nur damit, zu moralisieren und sich als überlegen zu zeigen. Soll ich jetzt diese Partei und ihre Wähler als nicht Existenz betrachten, weil sie eine Politik betreibt, die nicht meine ist? Nein, ich geh zu dieser Partei und sage, was ich falsch finde. Genau das, habe ich mit meiner Rede gemacht.

In Dachau wurde ich von den Linksextremsten mit Kerzen beworfen. Sie waren handgreiflich und haben mich umzingelt. Nur die Polizei konnte mich befreien. Das ist für die Medien ok, denn das sind demokratische Randalierer. Die sind süß und niedlich, weil sie ja Sophie Scholl mit 70-jähriger Verspätung spielen. Sie sind ja gegen die Nazis.

Vielleicht bin ich der einzige Schriftsteller, der das wagt, aber ich lasse mich nicht moralisch erpressen. Ich darf alles! Ich bin ein Schriftsteller! Ich bin ein freier Mensch. Ich bin kein Nazi! Ich bin für das verantwortlich, was ich sage und nicht wo ich das sage. Das ist die Demokratie.

Wo käme die Demokratie hin, wenn wir ausschließlich mit Gleichgesinnten sprechen würden und niemals mit unseren Gegnern? Man kommt nicht weiter. Ich habe nicht den Drang mich ständig von der AFD zu distanzieren.

Ich bin verantwortlich für das, was ich sage und ich rede überall. Ich lasse mir das nicht vorschreiben. Ich lasse mich nicht von meiner Islamkritik abbringen, weil manche Leute sagen, dass sie vom rechten Rand missbraucht wird.

Ist der Islam der Vorwand, den die arabischen Länder brauchen, um an ihren Diktaturen weiterhin festhalten zu können und Kriege zu führen?

Ich war in Ägypten während des Sturzes von Mubarak und habe die Entwicklung der arabischen Welt in einem Buch dokumentiert. Man kann natürlich sagen, dass die Diktaturen nicht anderes zugelassen haben. Sie haben verhindert, dass sich eine Zivilgesellschaft aufbaut.

Es konnte sich keine politische Alternative bilden. Ja, die Diktaturen haben diese Rolle gespielt. Die Diktatoren haben die Länder intellektuell, bildungspolitisch und auch Gesellschaftlich heruntergewirtschaftet. Daher sind die Islamisten, die einzige, übriggebliebene Alternative.

Zwar werden sie immer als Gegner des Regimes angesehen, aber sie ergänzen sich gegenseitig sehr gut. Also Ja, das Regime benutzt es als Vorwand, aber der Vorwand ist auch richtig. Also nicht erfunden. Leider ist das ein Teufelskreis, ein Armutszeugnis und eine politischer Bankrott-Erklärung für die Gesellschaft, wenn man sagt, „das kleinere Übel, ist der Diktator."

Was unterscheidet den Islam vom Christentum im 13. Jahrhundert?

Nicht viel, wenn die politische Struktur ansehen. Es ist traurig, wenn man seine Gegenwart, mit der Vergangenheit anderer vergleicht. Wenn es wirklich eine Frage der Zeit ist, dann hätten wir es besser machen müssen.

„Ah der Islam ist jetzt, wie das Christentum im 13. Jahrhundert." Die Christen haben damals im Mittelalter noch nicht den Buchdruck erfunden, sie hatten das Internet nicht und wir haben jetzt alles. Das ist keine Entschuldigung mehr.

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Wir können nicht sagen, dass wir 600 Jahre mehr brauchen, um wie die anderen zu werden. Das ist die gesenkte Erwartungshaltung. Die islamische Welt hat einfach verschlafen, von den Errungenschaften des Westens zu profitieren.

Der Westen hingegen hat von seinen Errungenschaften, als auch die Errungenschaften der Araber profitiert. Die arabische Welt hat nichts mehr zu melden oder zu sagen.

Wenn es das Erdöl nicht geben würde, hätte die gesamte islamische Region überhaupt kein Wert in der Außenpolitik. Es ist einfach zu sagen, dass der Westen und der Kapitalismus daran schuld sind. Die Zukunft in der Vergangenheit zu sehen, mündet im ISIS, weil man in der Gegenwart nichts zu melden hat.

Wenn Sie Meinungsmacher wären, wie würden Sie sich einen Europa-tauglichen Islam vorstellen?

Ich würde mir von Theologen und Imamen wünschen, dass sie eine zeitgemäße Lehre des Islams predigen. Die Tatsache, dass so viel Muslime hier her fliehen und nicht in die arabischen Staaten, muss uns zu denken geben.

Wir müssen zugeben, dass dieser Kontinent es geschafft hat, die beste Lebensform zu bieten. Diese Freiheit muss man als Basis ansehen und nicht die Gebote und Verbote. Natürlich muss man sich da von manchen authentischen Teilen des Islam trennen.

Diese Weltansicht und die Gesetzte, waren für andere Zeiten gedacht und nicht für die Bedürfnisse unser heutigen Gesellschaften. Die Imame und muslimischen Lehrer müssen ohne moralische Mauer und schlechtes Gewissen, den jungen Muslimen helfen, in der modernen Welt zu recht zu finden.

Ich habe großes Mitleid mit jungen Muslimen in Europa. Sie werden von drei Seiten unter Druck gesetzt. Einmal von der Familie, dann von der islamischen Gemeinschaft und von deutschen Gesellschaft.

Ich hoffe, dass die Theologen und Religionslehrer dies im Blick haben und diesen jungen Menschen Antworten geben können. Vor allem aber ihnen helfen und lehren, dass es kein Widerspruch sein muss, Moslem und gleichzeitig ein Teil der deutschen Gesellschaft zu sein.

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