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Es ist nicht mehr cool, in Deutschland deutsch zu sein

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Der Satz "Wir schaffen das" ist ein Jahr alt geworden. Dennoch führen wir dieselben Diskussionen, wie vor einiger Zeit. Es scheint, als hätte sich nichts geändert. Das Thema Integration ist schon so oft diskutiert worden wie ein Handtuch, dass so lange gedreht wurde, bis kein Tropfen Wasser mehr rauskommt. Doch was heißt integriert sein? Der Begriff "Integration" ist so vielseitig wie die Nationalitäten unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Integration war früher einfacher

Der Begriff "Integration" ist erst seit einigen Jahren zum Gesprächsthema geworden, da Deutschland vorher nie eine richtige Integrationspolitik geführt hat. Obwohl es damals keine kostenlosen Deutsch- oder Integrationskurse gab, war es dennoch irgendwie einfacher sich zu integrieren, als heute.

Auch sogenannte Ghettos, in denen man kaum Deutschkenntnisse braucht, waren noch nicht so stark präsent. Es gab auch keine Wahl zwischen Ethikunterricht und traditionellem Religionsunterricht. Ich denke, dass Deutschland ein gutes Beispiel dafür ist, dass man ein Land auch zugrunde demokratisieren kann.

Denn solange man die Wahl hat, entweder als Migrant in einer Parallelgesellschaft mit seinen Landsleuten zu leben, oder sich mit der Sprache, Kultur und Religion des Landes herumzuschlagen, in dem man lebt, werden viele weiterhin die einfachere Variante wählen.

Mein Bezug zur deutschen Kultur

Rückblickend lässt sich sagen, dass ich ziemlich dankbar bin in einem Dorf gelebt zu haben, da man dort am besten sehen konnte, was deutsche Kultur eigentlich heißt. Auch Anlässe, wie eine Kommunion oder einen Gottesdienst durfte ich damals in der Grundschulzeit miterleben.

So hatte ich einen viel besseren Bezug zu der deutschen Kultur. Die Frage, ob ich nun integriert bin oder nicht, stellte sich nie. Es war selbstverständlich. Heutzutage ist das leider nicht mehr so. Ganz oft höre ich von meinen deutschen Mitmenschen "Sie respektieren unsere Kultur nicht, warum sind sie denn hier. Sie genießen hier lediglich die finanziellen Unterstützungen."

Zum letzteren Punkt lässt sich sagen, dass es bestimmt genauso viele deutsche "Schmarotzer" gibt, wie ausländische. Darüber müssen wir hier nicht diskutieren, doch der zentrale Punkt heißt hier Kultur.

Kultur wird oft mit Mentalität verwechselt

Wenn ich die junge Generation fragen würde, was Weihnachten oder Ostern bedeuten, könnten mir nur die Wenigsten darauf antworten. Genau dasselbe gilt auch für die Frage, was deutsche Kultur ist. Deutsche Kultur verbinden heute viele Leute mit Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Genauigkeit.

Aber das ist keine Kultur, sondern deutsche Mentalität. In den Schulen wird der Zweite Weltkrieg immer wieder als großes Thema auf den Lehrplan gesetzt. Den Schülern wird ständig vor Augen gehalten, wie kaltherzig die Deutschen damals waren.

Doch um seine eigene Geschichte aufzuarbeiten, sollte man nicht nur die negativen Aspekte verinnerlichen, sondern auch mal die positiven Entwicklungen betrachten. Dieses Land, war mal das Land der Dichter und Denker.

Was ist in der deutschen Gesellschaft eigentlich davon übrig geblieben? Wie der Poetry Slammer Sulaiman Masomi schon mal gesagt hat: "Es ist nicht mehr cool in Deutschland deutsch zu sein." Genauso wie es die Anglizismen in unserer Sprache geschafft haben, gibt es immer mehr "Kackzismen". Worte wie "Babo" oder "Kurva" sind jetzt der ganz normale Gebrauch in der deutschen Jugendsprache.

Selbst wenn es um's Essen geht, existieren hunderte amerikanische Fastfoodketten in einer Stadt. Aber nach einer normalen Wurstbude muss man etwas länger suchen. Deutsch sein in Deutschland scheint tatsächlich unbeliebt zu sein. Da stellt sich mir manchmal die Frage: Sind die Deutschen eigentlich in Deutschland integriert?

Mich erschrecken die Reaktionen

Der Satz "Wir schaffen das" hat in Deutschland fast so viele Wellen geschlagen, wie Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab". Als Herr Sarrazin dieses Buch veröffentlich hat, haben viele Menschen zum ersten mal ihre Kritik laut geäußert.

Mich erschreckte nicht der Inhalt des Buches, sondern die Reaktionen darauf. Man könnte meinen, dass einige Deutsche ein Klebeband am Mund hatten und es dann dank Sarrazin endlich abreißen durften.

Schade, dass diese Leute, scheinbar immer noch einen "Führer" gebraucht haben, um sagen zu können, was sie stört. Genauso wie die Satire, die immer provokanter sein muss, damit auch der kleine Mann die Politik des Landes versteht. Angela Merkel hingegen hat mit dem Satz "Wir schaffen das" genau das Gegenteil erreicht und dieselbe Reaktion ausgelöst.

Das deutsche "Yes we can"

"Wir schaffen das", klingt für mich wie das deutsche Pedant zu "Yes we can". Ich frage mich, was Frau Merkel unternommen hätte, wenn es nicht so viele freiwillige Helfer gäbe. Jeder einzelne dieser Helfer hat den größten Respekt verdient, denn ohne sie wäre vermutlich vieles nicht möglich gewesen.

Viele andere EU - Länder haben die Bundeskanzlerin mit der Aufgabe alleine gelassen und ihr die ganze Schuld für diese Misere in die Schuhe geschoben. Wenn es um die Flüchtlingsfrage geht, verbinden das viele mit großem finanziellen Aufwand und behaupten oft, dass wir als deutscher Wohlstandsstaat viel mehr Flüchtlinge aufnehmen könnten.

Vermutlich stimmt das auch, aber hier geht es nicht um die finanzielle Frage. Es ist bestimmt keinem Syrer, Iraker oder Afghanen geholfen, wenn man ganz Syrien, Irak oder Afghanistan nach Deutschland bringt. In diesen Ländern herrscht Krieg und Hungersnot.

Das sind Menschen, die um's Überleben gekämpft haben und sehr viel unmenschliches Leid erlebt haben. Diese Menschen konnten jahrelang nur ihren inneren Instinkten folgen. Auch, wenn das jetzt sehr skurril klingt. Doch diese Leute benötigen eine Art Resozialisierungs-Programm.

Es ist nicht damit getan ihnen Geld in die Hand zu drücken, oder sie zu einem Sprachkurs zu schicken. Wir stellen uns die Integration dieser Menschen so einfach vor, da die Medien uns ausschließlich den "Muster-Flüchtling" präsentiert.

Den erfolgreichen Youtuber oder den Schüler, der sein Abi mit 1,0 bestanden hat. Das ist jedoch nicht die Norm. Aktuell gibt es mindestens einmal in der Woche so etwas zu lesen oder zu hören.

Ex-Flüchtlinge wurden viel zu lange ignoriert

Schade, dass all diese Zeitungsberichte oder Fernsehbeiträge Jahrzehnte lang alle anderen "Ex-Flüchtlinge" ignoriert haben. Wie z.B. den iranischen Arzt, der seit seiner Ankunft in Deutschland als Taxifahrer arbeiten muss. Den Türken, der es geschafft hat sein eigenes Geschäft zu eröffnen oder den Kurden, der es geschafft hat, dass all seine Kinder auf's Gymnasium gehen.

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All diese damaligen Flüchtlinge, die mehrere Jahre gebraucht haben, um den Status zu erlangen, den so mach ein Flüchtling heute nach 6 Monaten oder einem Jahr bekommt. Das haben diese ehemaligen Flüchtlinge alleine geschafft!

Wir müssen die deutsche Kultur spüren

Fakt ist, dass Integration zwar mit Sprache anfängt, aber es lange nicht damit getan ist. In Deutschland fehlt es nicht an Integrationsangeboten oder Engagement. Flüchtlinge, Asylanten und auch die jungen Deutschen müssen endlich mehr von der deutschen Kultur zu sehen bekommen, um sich damit zu identifizieren zu können.

Selbst wenn man seinen ersten Arbeitstag, Schultag oder Auslandsaufenthalt hat, versucht man in der ersten Zeit Gemeinsamkeiten zu finden. Daher sollte Deutschland all seine kulturellen Facetten viel mehr ausleben können und zeigen, dass das ehemalige Land der Dichter und Denker noch viel mehr zu bieten hat, als seine Ämter, Behörden oder Fastfoodketten.

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Am 31. August ist es ein Jahr her, dass Angela Merkel gesagt hat: "Wir schaffen das."

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