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"Mein virtuelles Ich"

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Wieviel müssen wir eigentlich über einen Menschen wissen, bevor wir sie oder ihn daten? Reicht uns ein Bild, der Beruf oder das Alter schon aus, um einen Menschen näher kennen zu wollen? Sind wir eigentlich im Internet dieselbe Person, wie im realen Leben, oder stellen wir uns unbewusst anders dar?

All diese Eigenschaften spielen beim Online-Dating eine große Rolle. Unzählige Leute lernen sich heutzutage genau auf diese Art und Weise kennen. Aber was ist, wenn unsere Vorstellungen mit der Realität nicht übereinstimmen? Und wie oft hast du dich gefragt, ob dein Blind Date womöglich ein Handicap hat?

Die Antwort ist, dass keiner sich darüber vorher Gedanken macht. Das ist auch kein Wunder, da daten und behindert sein für viele Menschen zwei total widersprüchliche Sachen sind. Nun ja, ich hab daraus ein Experiment gemacht und diese zwei vermeidlich widersprüchlichen Sachen vereint.

Ich wollte wissen, wie Männer auf Tinder auf eine bloggende Rollstuhlfahrerin mit Migrationshintergrund wie mich reagieren. Die Bedingung dafür war, dass ich nicht jedem direkt gesagt habe, dass ich eine Behinderung habe und so die verschiedenen Reaktionen miteinander vergleichen wollte.

Das erste Date

Drei von fünf Männern wussten vor unserem Treffen nicht, dass ich im Rollstuhl sitze. Um eins vorweg zu sagen: Egal, ob ich ihnen vorher gesteckt habe, dass ich ein Handicap habe, oder nicht, die Reaktionen darauf waren ziemlich gleich. Vom peinlichen Schweigen bis hin zur großen Begeisterung, dass ich neben dem Rollstuhl fahren und meinem Studium tatsächlich auch noch denken und sprechen kann, war alles dabei.

Nach circa fünf Tagen habe ich trotz all meiner Bedenken das erste Date mit jemandem ausgemacht. Tinder - Man Nummer 1 zeigte sich ziemlich ordentlich und ganz schön "hip" für seine mittdreißiger Jahre. Er schien ganz gut situiert in seinem Leben zu sein und versuchte sogar einen auf Hipster zu machen, in dem er sich seinen schönen grausigen Bart mühevoll auswachsen lies.

Das Date mit ihm lief ziemlich gut, ja fast schon zu gut! Er fragte ziemlich interessiert nach meinem Leben und hat ernsthaftes Interesse gezeigt. "Gott sei Dank bin ich behindert", dachte ich mir. Sonst hätte ich noch mit ihm schlafen müssen.

Ein anderes normales "Tinder-Girl" hätte sich vermutlich dieses Match nicht entgehen lassen. Doch wie heißt es so schön "wenn es am schönsten ist, sollte man gehen." Wir verabschiedeten uns voneinander und er bat mich, bevor er ging, sogar um ein zweites Date. Im Großen und Ganzen waren es ein paar nette Stunden, die ich mit ihm verbracht habe.

Das zweite Date

Spannend und gleichzeitig gelangweilt wartete ich mutterseelenallein am Bahnhof auf mein 2. Date. Ihm habe ich nicht verraten, dass ich im Rollstuhl sitze. Er war ein Landsmann von mir. Durch meinen Migrationshintergrund, der täglich hinter mir her schlendert, erlaubt es mein Open-Minded-Horizont auch meine anderen Landsleute unter die Lupe zunehmen.

Zwischen all den neuen irritierenden Flüchtlingen, die sich wieder mal am Bahnhof tummelten, entpuppte sich meine Verabredung, als ein kleinwüchsiger, behaarter Kobold. Nicht zu vergessen seine Bierwampe, die er sich während seines Auslandssemesters, neben all seinen "Aktivität", die er bei Tinder so schön dargestellt hatte, angetrunken hat.

Dennoch wollte ich ihm eine Chance geben. Irgendwie hatte ich ein bisschen Mittleid. Abgesehen davon bin ich die Letze, die auf Oberflächlichkeiten achten sollte. Auch wenn er es nicht mal für nötig gehalten hat, seine Haare zu kämmen, bevor er aus den Haus gegangen ist. Ok, die Bezeichnung "Haare" ist noch zu schön formuliert.

Es waren eher ein paar Deckhaare, die seine Glatze verdeckt haben. Dennoch wollte ich mich nicht davon beirren lassen und lächelte ihn freundlich an. Sichtlich irritiert begriff er, dass er ein Date mit mir, der Rollstuhlfahrerin hat, die ihn von weitem anlächelte.

Er hörte sich so gerne selbst beim Reden zu. Normalerweise haben Menschen wenigstens eine nette Persönlichkeit, wenn sie wissen, dass sie nicht unbedingt wie ein Supermodell aussehen, doch das traf bei ihm nicht zu.

Tinder kann süchtig machen

Zwischendurch stellte ich mir die Frage, wer wohl von uns der Behinderte war? Ich, die sich auf all diesen Mist einließ, oder er, der tatsächlich meinte, dass daraus mehr werden kann. An dieser Stelle beantworte ich diese rhetorische Frage lieber nicht.

Irgendwann begriff selbst er, dass es ziemlich schlecht lief und fragte mich, ob wir zahlen sollen, um zu gehen. Ich stimmte euphorisch zu und die Kellnerin kam, um abzurechnen. Sie fragte "zusammen oder getrennt?"

Bevor es noch peinlich wurde sagte ich "getrennt bitte!". Ich schaute ihn skeptisch an und bezahlte meinen 1,80€ Kaffee selbst. Nun, ein Vorteil haben getrennte Rechnungen und zwar das auch getrennte Gehen!

Insgesamt habe ich in den zwei Wochen, während ich bei Tinder angemeldet war, fünf Dates gehabt, die verschiedener nicht ablaufen konnten. Mit zunehmender Benutzung stellte ich mir zwischendurch oft die Frage "leben ich nun oder tindere ich nur?!" Ja liebe Leute, nicht nur Candy Crush kann süchtig machen!

Öffnet neue Türen

Mit dieser App haben wir nicht nur den Zenit der totalen Oberflächlichkeit erreicht, sondern beweisen uns auch selbst damit, wie sehr wir uns von Fotos, Illustrationen, Selbstdarstellungen und Ich-Porträts reinlegen lassen. Doch eins muss man ganz klar sagen: Die oberflächliche Schönheit, beziehungsweise Aussehen eines Menschen, ist das Erste, was wir an einem Menschen sehen.

Sowohl im realen Leben, als auch in unserem virtuellen Leben, spielt das eine primäre Rolle. Im Internet war ich selbstsicher und schrieb sogar andere an, doch im realen Leben hätte ich das vermutlich nie gemacht.

Fakt ist, dass diese Art der Kommunikation uns ganz neue Türen öffnet. Wir treffen uns nicht mehr auf Partys, um neue Leute kennen zu lernen, sondern immer mit den gleichen Leuten in der gleichen Lokalität. Führer wurde man verkuppelt, doch heute passiert das immer seltener.

Solche Apps, wie Tinder, finden immer mehr Platz in unserer Gesellschaft. Wir bestellen nicht mehr nur unsere Bücher, unser Essen oder unsere Kleidung im Internet. Wir sind schon so weit, dass wir sogar unsere Bekanntschaften aus dem Internet haben.

Unser virtuelles Leben hat mittlerweile mehr Präsenz, als wir uns das eingestehen wollen. Ich frage mich, ob Tinder vielleicht sogar die klassischen Café- und Bahnhofsgespräche in der Zukunft ersetzen wird?

Dieser Beitrag erschien zuerst auf meinem Blog.

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