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"Schreiben Sie doch ein Text über ihr Rollstuhl-Dasein"

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ARIN JAAFAR
Arin Jaafar
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Es scheint, dass es scheiß egal ist, was ich studiert und gelernt habe, welche Interessen oder Ambitionen ich in der Medienbranche habe. Letztendlich höre ich von vielen Redaktionen bei denen ich mich beworben habe: "Schreiben Sie doch ein Text über ihr Rollstuhl-Dasein."

Bachelor of Behindert

Als wäre das Rollstuhl-Dasein eine Art besondere Ausbildung, Studium oder Lizenz, die ich abgeschlossen habe, um nun ausschließlich darüber zu schreiben.

Wenn ich mich bewerbe, tue ich das meistens online. Ich erzähle von meinen Referenzen, meine Erfahrungen in der Branche und was ich hauptberuflich mache. Üblicherweise googeln mich diese Redakteure und können selbst sehen, über was ich unter anderem schon geschrieben habe.

Ich werde nie auf meine gesellschaftskritischen Texte oder auf meine politischen Beiträge angesprochen - Nein! Meistens ist es mein Tinder-Text, den ich aus reinem Spaß mal geschrieben habe.

Die geflüchtete Rolli-Fahrerin

"Ach, das ist ja interessant. Sie sind Rollstuhlfahrerin?" Am liebsten würde ich in solchen Momenten sagen: "Nein, aber scheinbar bringt das mehr Klicks."

Gleich danach kommen dann auch solche Fragen wie: "Ihr Name klingt nicht grade Deutsch. Von wo kommt er denn?" Innerlich denke ich mir: "Dann frag doch einfach ganz ehrlich woher ich komme!"

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Sobald ich sage, dass ich in Syrien geboren bin, hat es denselben Effekt, wie bei der Rollstuhlfahrer-Sache. "Oh. das heißt Sie leben schon lange hier, oder?"

"Nein, ich habe das Journalisten-Deutsch im Kugelhagel, während des syrischen Bürgerkrieges, innerhalb weniger Wochen erlernt und es sogar anderen Flüchtlingen im LKW beigebracht, als ich mit dem E-Rollstuhl über die Grenze geflüchtet bin."

Vielleicht sollte ich das wirklich mal sagen, wenn mich jemand das nächste Mal fragt.

Sie wollen nur ihr Klischee-Bedürfnis befriedigen

Natürlich könnte ich jedes Klischee erfüllen und erzählen wie ungerecht das Leben im Rollstuhl ist. Vermutlich würde ich so auch viel mehr Jobs und Anerkennung bekommen. Leider habe ich diese naive Einstellung, für meine Leistung gewürdigt werden zu wollen und nicht für mein Rollstuhl-Dasein.

Das ist wohl mein Fehler. Ich hätte jedes dumme Klischee ausschlachten sollen und am besten darüber noch ein Buch schreiben, um das Ganze noch überteuert zu verkaufen. Ich hätte Fragen sollen, ob man da noch was machen kann.

Für diese Klischee-Bedürfnis-Befriedigung gibt es bereits genügend andere Leute, die damit ihr Geld verdienen.

Was Chancengleichheit wirklich bedeutet

Selbstverständlich schreibe ich auch über das sogenannte "Rollstuhl-Dasein", aber nicht wie andere es von mir erwarten. Wer daran wirklich Interesse hat, kann das auch in meiner Kolumne nachlesen.

Vielleicht sind viele noch nicht darauf gekommen, weil ich das nicht so dramatisch darstelle und vieles ins Lächerliche ziehe, oder es für manche einfach nicht Mainstream genug ist.

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Chancengleichheit heißt nicht, dass ich aufgrund einer Behinderung irgendwo eingestellt, belohnt, bewundert oder ausgezeichnet werde, sondern wegen des Könnens. Das ist für viele etwas ganz Neues.

Aber heutzutage scheint es völlig normal zu sein, auf seine äußerlichen Attribute reduziert zu werden. Nicht wenige provozieren und möchten das sogar. Dazu kann ich nur sagen: das ist behindert!

Ich spiele selbst mit den Klischees

Manchmal denke ich mir "Ihr wollt die Behinderte? Ihr bekommt die Behinderte."

Während einer Sprechstunde spielte ich so hart mit den Klischees, sodass mein Professor selbst nicht mehr wusste, was er sagen soll. Er kam rein - ich fragte als erstes, ob ich sitzen bleiben könnte.

Anfangs lächelte er noch, doch das Lachen sollte ihm langsam vergehen. Er fragte mich, wie es mit meinem Studium voranginge und ich antwortete, dass alles ok wäre. Dennoch gibt es Momente, ich denen ich mich einfach wie gelähmt fühle, wenn ich bei einer Klausuraufgabe nicht weiterkomme."

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Er fing an zu schmunzeln und ich fuhr fort: "Komischerweise hatte ich in der Schule nie diese Probleme. Ich bin auch kein einziges Mal sitzen geblieben."

An seinem Gesicht konnte ich genau erkennen, wie sehr er versuchte, sein Lachen zu unterdrücken. Es klopfte an der Tür. Sein Assistent kam rein und erinnerte ihn an seinen nächsten Termin.

Er verabschiedete sich von mir und fragte, ob ich abgeholt werde. Ich sagte ihm, dass ich bei dem schönen Wetter lieber zu Fuß gehe.

Als er die Tür für mich aufmachte und ein anderer Kommilitone vorbeikam, fragte mich dieser lautstark: "Was geht." Ich antwortete beherzt: "Läuft bei mir!"

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