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Warum Journalisten nur die halbe Wahrheit sagen - und wie wir das ändern können

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KAMERA GUTE NACHRICHTEN
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Im Nachrichtengeschäft gibt es ein altes Sprichwort, das die Arbeit von Redaktionen seit Jahrzehnten prägt: „When it bleeds it leads", je blutiger, desto besser die Schlagzeile. Das bedeutet: Berichte über Gewalttaten, Tragödien, Störungen und Korruption - zur vollen Stunde, ganz oben auf den Nachrichtenseiten oder auf der Titelseite - verkaufen sich am besten.

Diese Auffassung ist sowohl faktisch als auch ethisch gesehen falsch. Und es ist schlechter Journalismus. Unser Job ist es, unserem Publikum ein ehrliches Bild davon zu vermitteln, was in der Welt passiert - und das bedeutet, dass wir ein vollständiges Bild zeigen müssen.

Wenn wir nur über Tragödien, Gewalt und Chaos berichten und uns darauf konzentrieren, was alles nicht funktioniert, übersehen wir zu viel von dem, was außerdem um uns herum passiert. Was ist mit den Menschen, die an den großen Herausforderungen unserer Zukunft arbeiten? Und was ist mit all den anderen Berichten über Innovationen, Kreativität, Genialität, Mitgefühl und Schönheit?

Wenn wir in den Medien lediglich die Schattenseiten zeichnen, versagen wir in unserem Beruf. Schlimmer noch: Wenn wir immer nur auf die schlechten Seiten blicken, versagen wir darin, unseren Lesern das zu geben, was sie möchten.

Letzten Monat in Davos haben wir „What's working" angekündigt - eine Redaktionsinitiative der Huffington Post zur Verdopplung unserer Berichterstattung über all die Dinge in unserer Welt, die funktionieren.

Obwohl wir weiterhin so schonungslos wie immer über die negativen Dinge berichten werden - politische Störungen, Korruption, Verbrechen, Gewalt und Katastrophen - möchten wir uns von dem Sprichwort "nur Blut verkauft sich gut" lösen.

Und um eines klarzustellen: Ich meine an dieser Stelle nicht die emotionalen, herzerwärmenden Geschichten oder die Bilder von niedlichen Tieren (keine Sorge, davon werden Sie auch künftig ausreichend bekommen).

Ich spreche davon, die Geschichten von Menschen und Gemeinschaften zu erzählen, die großartige Dinge erreichen, die große Widrigkeiten überwinden und die Lösungen für die sehr realen Herausforderungen ihrer Probleme finden. Und indem wir Aufmerksamkeit auf diese Geschichten lenken, wollen wir einen positiven Ansteckungseffekt erzeugen. Wir wollen dabei helfen, diese positiven Beispiele und Ideen zu verbreiten, damit sie Nachahmer finden.

Dabei handelt es sich nicht nur um guten Journalismus, sondern auch um eine kluge Strategie. Wir sehen jeden Tag, dass sich Menschen im Gegensatz zu Meldungen der Kategorie „When it bleeds it leads" konstruktivere und optimistischere Berichte wünschen.

Das haben wir als größter Publisher auf Facebook gelernt. Denn diese optimistischen Texte interessieren unsere Leserinnen und Lesern am meisten - und sie werden von ihnen am häufigsten über soziale Netzwerke verbreitet. Und diese Erfahrungen hat nicht nur die HuffPost gemacht.

Jonah Berger, ein Professor der amerikanischen Wharton Business School und Autor des Buches „Contagious: Why Things Catch On", hat dazu eine höchst interessante Studie durchgeführt: Zusammen mit seiner Kollegin Katherine Milkman hat er 2013 die Liste der "New-York-Times"-Artikel analysiert, die im Laufe von sechs Monaten am häufigsten per E-Mail geteilt wurden. Sie fanden heraus, dass Menschen diejenigen Berichte mit größerer Wahrscheinlichkeit teilen, die positive Gefühle hervorrufen.

Ein gesundes Urteil war schon immer wichtig im Nachrichtengeschäft. Aber irgendwann wurden Nachrichten zu einem Synonym für Gewalt, Chaos und Katastrophen.

Und die Medien berichten nicht nur selten über Lösungen und über Dinge, die funktionieren (Geschichten, die größtenteils am Ende des Lokalteils oder tief im beim Lifestylebereich vergrabenen Wohlfühlsegment vergraben sind). Wir verschwenden gleichzeitig auch viel Aufmerksamkeit für Geschichten, die es kaum wert sind, dass man über sie berichtet.

Letzte Woche erst stand in den USA die politische Debatte für Stunden still - nur, weil der Gouverneur Mitt Romney eine Telefonkonferenz abhielt, um zu verkünden, dass er nicht als Präsident kandidieren werde.

Der berühmte Slogan der "New York Times" „All the news that's fit to print", der im Jahr 1896 von Adolph Ochs, dem Herausgeber der Zeitung, eingeführt wurde, war ein Versuch, den sensationsheischenden Klatschjournalismus der damaligen Zeit zurückzudrängen.

Mehr als ein Jahrhundert danach werden aus dem Nachrichtenstrom allerdings nicht diejenigen News ausgelassen, die für den Druck „ungeeignet" sind, sondern viele tatsächliche Nachrichten. Die Diskussion über Tauglichkeit oder Untauglichkeit ist hinfällig und hat sich größtenteils selbst erledigt. Die neue Devise sollte einfach lauten, dass Medien „alle Nachrichten" liefern sollten.

Wie also definieren wir, was als „Nachrichten" geeignet ist?

Zunächst sollten die Nachrichten ein akkurates Bild der Welt widergeben, in der wir leben. Im britischen „Guardian" bestätigte kürzlich der stellvertretende Chefredakteur der ebenfalls britischen Tageszeitung „Daily Mail", Tony Gallagher, dass Medienberichte oft zu kurz ausfallen.

„Die Kriminalität nimmt ab," sagte er, „aber das würde man nicht aus den nationalen Medien erfahren, da wir weiterhin über dieselbe Anzahl von Verbrechen und dieselbe Zahl von Mordprozessen berichten . Es besteht daher die Gefahr, dass wir nicht das korrekte Bild der Welt zeigen.

In seinem Buch „Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined" zeigte der Harvard-Psychologe Steven Pinker, dass wir tatsächlich in der am wenigsten gewalttätigen und grausamen Epoche der menschlichen Geschichte leben.

Noch einmal: Diese Erkenntnis soll nicht dazu dienen, die Unzahl von Problemen in der Welt zu beschönigen. Allerdings gab es für die katastrophalen Zustände, die wir in den Nachrichten sehen, wie Peter Singer in einer Rezension über Pinkers Buch schreibt, „einen Rückgang aller Arten von organisierten Konflikten, darunter Bürgerkriege, Völkermorde, Unterdrückung und Terrorismus".

Bleibt die Frage, wie weit sich die Berichterstattung der Medien bereits von der Realität entfernt hat.

In den 1990er Jahren etwa hat die Berichterstattung über Morde in den USA um mehr als 500 Prozent zugenommen - obwohl die tatsächliche Zahl der Tötungsdelikte laut dem Center for Media and Public Affairs um mehr als 40 Prozent zurückgegangen war.

Unsere Welt ist voll von Krisen, Dysfunktionalitäten und Korruption - und diese haben oft tragische Konsequenzen für die Menschen. Wir werden selbstverständlich weiterhin unablässig über all diese Dinge berichten - über ISIS, Boko Haram, Klimawandel, Ebola, Jugendarbeitslosigkeit und die zunehmende Einkommensungleichheit.

Doch auch in diesen Berichten muss das von Medien gezeichnete Bild vollständiger sein: Wir müssen berichten, wie Menschen wirklich reagieren, wie sie ihren Nachbarn helfen, wie sie in einer sich immer schneller verändernden Welt zurechtfinden und an den Herausforderungen wachsen - all das übersehen Journalisten viel zu oft.

Es hat Folgen, wenn wir den Menschen nicht das vollständige Bild zeigen: Zynismus, Resignation, Pessimismus und letztendlich Verzweiflung über unlösbare Probleme. Und wenn wir den Menschen dann doch einmal das vollständige Bild zeigen, sehen wir an ihrer Reaktion jetzt schon, wie groß ihr Bedürfnis nach dieser Art von Berichten ist.

Sean Dagan Wood ist der Gründer von "Positive News", einer britischen Zeitung, die sich die „Inspiration zur Veränderung" als Ziel gesetzt hat. In seinem TED Talk erklärt er seine Mission:

„Eine positivere Form des Journalismus dient nicht nur unserem Wohlergehen, sondern sie verbindet uns auch mit der Gesellschaft und hilft uns, schneller mögliche Lösungen für die Probleme zu finden."

Auch andere wagen sich bereits in dieses neue Feld:

Der Newsletter „The Optimist" der Zeitung "The Washington Post", die Rubrik „Lösungen" in der "New York Times", das "Solutions Journalism Network" und Seiten wie "Upworthy" und "NationSwell" gehen teilweise in eine ähnliche Richtung.

Und folgendes teilte mir Chris Moody, Twitters Präsident für Datensicherheit, mit:

„Wir sehen bei Twitter unzählige Beweise dafür, dass positive Nachrichten häufiger veröffentlicht werden und sich auf unserer globalen Plattform weiter ausbreiten als negative Inhalte. Wir werden dieses Jahr daher datenbezogene Studien veröffentlichen, die genau das belegen. Diese Ergebnisse dürften weitreichende Auswirkungen darauf haben, wie wir über kreative und redaktionelle Inhalte denken und darauf, wie Unternehmen über öffentliches Engagement und Kundenservice denken."

Doch dieser ehrlichere Blick auf die Welt gelingt definitiv nicht dadurch, dass wir nur noch durch eine rosarote Brille berichten.

Der Begriff „Mitgefühlsmüdigkeit" beschreibt ein fatales Problem. Werden Lesern besonders negative Bilder und Berichte vorgesetzt, ziehen sie sich emotional zurück. Lisa Williams, eine Sozialpsychologin an der University of New South Wales in Australien, sagt dazu:

„Je mehr wir über Ereignisse und Leid und Traumata hören, die sprichwörtlich unsere innersten Gefühle berühren, desto wahrscheinlicher ist es, dass einige von uns sich einfach zurückziehen und nicht weiter über eine starke Motivation, anderen zu helfen, verfügen."

Und Sussan D. Moeller schreibt in ihrem Buch „Compassion Fatigue: How the Media Sell Disease, Famine, War and Death" die Schuld für diesen Effekt den Medien zu:

"Mitgefühlsmüdigkeit ist die oft übersehene Ursache für das Versagen der internationalen Berichterstattung. Sie ist die Grundlage vieler Beschwerden über die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Öffentlichkeit, den peripathetischen Journalismus der Medien, die Langeweile der Öffentlichkeit in Bezug auf internationale Nachrichten und die Voreingenommenheit der Medien bei der Berichterstattung über Krisen."

Dabei gibt es keinen Grund, weshalb umfangreiche Berichte über Dinge, die funktionieren, nicht berechtigt sein sollten, die höchsten journalistischen Ehren zu erhalten. Beispielsweise ging der Pulitzerpreis für den Dienst an der Öffentlichkeit im Jahr 1943 an den "Omaha World-Herald" für „seine Initiative und Originalität bei der Planung einer landesweiten Kampagne zur Sammlung von Altmetall für Kriegsanstrengungen". Der Nebraska-Plan wurde von den Tageszeitungen auf nationaler Ebene übernommen, was zu gemeinsamen Anstrengungen führte, durch die unsere Kriegsindustrie erfolgreich mit dem benötigten Altmetall versorgt wurde.

Die preisgekrönte Arbeit des "Omaha World Herald" ist ein perfektes Beispiel für "What's working": Inmitten einer globalen Krise brachte die Berichterstattung eine ganze Stadt zusammen, um buchstäblich Tonnen von Altmetall für Kriegsanstrengungen zu sammeln und es kam während dieses Prozesses zu einem positiven Ansteckungseffekt bei anderen Medien des Landes. Der "Herald" veranstaltete seinen eigenen Wettbewerb im Sammeln von Altmetall und verlieh sogar „Altmetallabzeichen" an junge Teilnehmer.

Nach 50 Jahren folgte ein weiterer Pulitzerpreis. Im Jahr 1997 erlebte die Stadt Grand Forks in North Dakota die schlimmste Naturkatastrophe in der Geschichte des Bundesstaates: schwere Überschwemmungen, gefolgt von weiteren Zerstörungen durch Schneestürme und Brände. Für seine Berichterstattung in dieser Zeit gewann der "Grand Forks Herald" 1998 den Pulitzerpreis, weil er nicht nur über die Zerstörung berichtete, sondern auch ein Gesamtbild vermittelte.

Es gab Berichte über Freiwillige, die von meilenweit entfernten Orten zur Bibliothek der University of North Dakota reisten, deren unterirdisch gelagerte Materialien durch die Überschwemmungen bedroht waren. In anderen Artikeln beschäftigten sich die Journalisten mit Abteilungen des Rathauses, die in das am Ort gelegene Comfort Inn Hotel umzogen; sie berichteten, dass die Universität Wohnraum, Geschäftsräume und Tagesbetreuungen für Menschen anbot, deren Häuser zerstört wurden.

Mike Jacobs und Mike Maidenberg vom "Grand Forks Herald" schrieben:

„Wir alle müssen uns gefragt haben, ob irgendeine Gemeinde irgendwo anders so sehr gelitten hat und doch wussten wir, dass das der Fall war. Wie durch ein Wunder kam niemand ums Leben. Auf wunderbare Art fanden wir Freundschaften, von denen wir noch nichts ahnten, als Fremde uns mit ihrer Arbeitskraft unterstützten, uns Unterkunft gaben und uns Kraft spendeten."

Wir haben alle von Trittbrettfahrerkriminalität gehört. Wir möchten, dass "What's working" zu Trittbrettfahrerlösungen anregt.

Daher sind wir eine Partnerschaft mit der Organisation Global Citizen eingegangen. Zusammen werden wir in Artikel aus allen Themenfeldern der Huffington Post einen Aktions-Button einfügen, der unseren Lesern helfen soll, bei Problemen - von Armut bis Bildungsnotstand - aktiv werden zu können.

Und obwohl "What's working" eine globale Initiative ist, möchten wir, dass jede unserer internationalen Ausgaben ihren eigenen Blick und ihr Know-how in die Berichterstattung über Lösungen einbringt. Deshalb wird jede Ausgabe ihren eigenen Namen für diese neue Rubrik haben -- beispielsweise wird die Rubrik bei Le Huffington Post in Frankreich Ça Marche! heißen.

Und durch die Übersetzung der Artikel in allen unseren Ausgaben werden wir Nachrichten über diese Lösungen auf der ganzen Welt verbreiten - um eine breitere Debatte darüber zu beginnen, was funktioniert.

Aber das schaffen wir nicht alleine. Deshalb arbeiten wir auch mit der USC Annenberg School for Communication and Journalism zusammen, die nächste Generation von Journalisten auszubilden und darin zu schulen, das vollständige Bild unserer Welt zu zeichnen. Während des Frühjahrssemesters 2015 werden unsere Redakteure mit den Studenten der USC Annenberg an einer What's-Working-Challenge zusammenarbeiten und sie dazu ermutigen, dieselbe journalistische Härte, Materie und Kreativität einzusetzen, um zu beschreiben, was funktioniert, wie sie es bei all ihren anderen Berichten tun.

Wir werden die Studenten dabei unterstützen, diese Art von Geschichten zu identifizieren und zu prägen und wir wollen ihnen dabei helfen, diese Geschichten für einen maximalen Erfolg im Internet zu entwickeln. Zudem werden wir die besten Arbeiten - in Text, Video und Multimedia - auf allen Plattformen der HuffPost teilen.

Wie Willow Bay, der Direktor der Annenberg School of Journalism und Senior Editor bei der HuffPost sagt,

„wollen wir, dass unsere Studenten mit ihrem Journalismus eine Veränderung der Welt, aber auch eine Veränderung der Welt des Journalismus schaffen. Die What's-Working-Challenge bietet eine Gelegenheit, beides zu tun."

Wie immer sind Sie herzlich dazu eingeladen, über die Kommentarfunktion in die Debatte einzusteigen.


Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Sascha Seubert aus dem Englischen übersetzt.


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