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Kampf Gegen Weibliche Genitalverstümmelung

06/02/2016 12:36 CET | Aktualisiert 06/02/2017 11:12 CET
dpa

Video: Gegen Weibliche Genitalverstümmelung

Der 6. Februar ist der Inter­na­tio­nale Tag gegen weib­li­che Geni­tal­ver­stüm­me­lung. Doch was hat es damit auf sich? Hat das mit Reli­gion zu tun, oder ist es eine Tra­di­tion? Und was kann dage­gen getan wer­den? Hier sind fünf Fra­gen und fünf Ant­wor­ten zum langwierigen Kampf gegen weib­li­chen Genitalverstümmelung.

Warum Ver­stüm­me­lung und nicht Beschneidung?

Bis in die 80er Jahre hin­ein war in wei­ten Krei­sen tat­säch­lich noch von weib­li­cher Beschnei­dung die Rede. Viele Orga­ni­sa­tio­nen dräng­ten aber dar­auf, den Begriff der Geni­tal­be­schnei­dung durch Geni­tal­ver­stüm­me­lung zu erset­zen. Das Argu­ment liegt auf der Hand: Beschnei­dung erin­nert sehr an die männ­li­che Pra­xis, bei der ledig­lich die Vor­haut abge­trennt wird.

Bei Mäd­chen und Frauen wird hin­ge­gen zum Teil das gesamte äußere Geni­tal ent­fernt. Der Begriff Ver­stüm­me­lung ent­spricht viel eher dem, was in Wirk­lich­keit pas­siert. Zudem spie­gelt er bes­ser wider, dass das Men­schen­recht der kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit ver­letzt wird. Aus Rück­sicht auf die Opfer spre­chen wir jedoch von beschnit­te­nen und nicht von ver­stüm­mel­ten Frauen.

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Was pas­siert bei der Genitalverstümmelung?

Ganz so pau­schal lässt sich das nicht sagen, denn es gibt viele unter­schied­li­che For­men der Geni­tal­ver­stüm­me­lung (siehe Abbil­dung), die auch unter­schied­lich durch­ge­führt wer­den kön­nen. Die schmerz­haf­teste und mit Abstand gefähr­lichste Form ist die pha­rao­ni­sche Geni­tal­ver­stüm­me­lung, die von tra­di­tio­nel­len Beschnei­de­rin­nen durch­ge­führt werden.

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Beschneidungsformen (nach WHO): A Normale Anatomie. B Klitorisvorhaut und gegebenenfalls Klitoris wurden entfernt. C Klitorisvorhaut und gegebenenfalls Klitoris sowie die inneren Schamlippen wurden entfernt. D Klitorisvorhaut und Klitoris sowie die Schamlippen wurden entfernt und die Vaginalöffnung teilweise zugenäht. (Quelle: Wikipedia)

Die Wunde wird mit Aka­zi­en­d­or­nen oder Pfer­de­haar ver­näht

Oft sind es noch kleine Mäd­chen, denen ohne jeg­li­che Betäu­bung unter größ­ten Schmer­zen mit unste­ri­li­sier­ten Mes­sern oder Glas­scher­ben weit­flä­chig der Geni­tal­be­reich abge­schnit­ten wird. Die Wunde wird bei­spiels­weise mit Aka­zi­en­d­or­nen oder Pfer­de­haar ver­näht.

Übrig bleibt eine kleine Öff­nung für die Kör­per­flüs­sig­kei­ten, die etwa mit einem dün­nen Zweig geschaf­fen wird. Viele Mäd­chen und Frauen ver­blu­ten dabei oder ster­ben spä­ter, bei­spiels­weise an einem Wund­starr­krampf. Den Opfern wer­den etwa einen Monat lang die Beine ver­bun­den, damit die Wunde heilt.

Aller­dings gibt es auch ganz andere For­men: In Ägyp­ten, wo geschätzt 87 Pro­zent der Frauen beschnit­ten sind, wer­den fast die Hälfte aller Ein­griffe von Ärz­ten vor­ge­nom­men. Die­ser „medi­zi­ni­sche" Ein­griff redu­ziert zwar das Ster­be­ri­siko und ver­min­dert die Neben­wir­kun­gen für die Mäd­chen und Frauen - eine Men­schen­rechts­ver­let­zung bleibt diese Form der Geni­tal­ver­stüm­me­lung aber dennoch.

Ist Geni­tal­ver­stüm­me­lung eine isla­mi­sche Praxis?

Häu­fig heißt es, Geni­tal­ver­stüm­me­lung sei gän­gige Pra­xis im Islam. Diese Behaup­tung stimmt jedoch nicht. Im Koran heißt es in Sure 95,4: „Wahr­lich, wir haben den Men­schen in bes­ter Form erschaf­fen." Auch in vor­wie­gend christ­li­chen Län­dern wie Äthio­pien sind 74 Prozent und in Sierra Leone sind sogar 90% der Mäd­chen und Frauen beschnit­ten.

Die Reli­gion wird zwar oft als Grund vor­ge­scho­ben, auch von den reli­giö­sen Wür­den­trä­gern selbst, doch es ist viel­mehr­ eine tra­di­tio­nelle Prak­tik, die vor allem in Län­dern Afri­kas und des Mitt­le­ren Ostens, aber auch in Asien durch­ge­führt wird. Sie gilt vie­ler­orts als wich­ti­ger Über­gang vom Mäd­chen zur Frau.

Warum wird die Geni­tal­ver­stüm­me­lung dann durchgeführt?

Die weib­li­che Geni­tal­ver­stüm­me­lung ist eine Tra­di­tion, die vor allem die starke Rolle des Man­nes unter­mau­ert. Da die Frauen, je nach Beschnei­dungs­form, wenig bis keine sexu­elle Lust ver­spürt und häu­fig beim Sex starke Schmer­zen hat, soll die Geni­tal­ver­stüm­me­lung das Fremd­ge­hen verhindern.

Häu­fig sind aber Frauen und Müt­ter in einer Gesell­schaft dafür ver­ant­wort­lich, dass sich ihre Töch­ter der grau­sa­men Prak­tik unter­zie­hen müs­sen. Damit sich die Mäd­chen nicht weh­ren kön­nen oder sich ableh­nend ver­hal­ten und damit die Beschnei­dun­gen vor staat­li­cher Ver­fol­gung geschützt sind wer­den sie häu­fig schon in im Alter von 5 Jahren oder früher beschnitten.

Was muss getan wer­den?

Auf­klä­rung und Frauen stär­ken, Frauen stär­ken und noch­mals Frauen stär­ken. Denn wenn Frauen gleich­be­rech­tigt an der Gesell­schaft teil­neh­men, ihr eige­nes Ein­kom­men ver­die­nen und damit unab­hän­gig vom Ein­kom­men ihres Man­nes wer­den, wird die­ser Tra­di­tion eine wich­tige Grund­lage genom­men.

Dreh- und Angel­punkt sind die Beschnei­de­rin­nen

Frauen müs­sen zudem in die Lage gebracht wer­den, ihr sexu­el­les Selbst­be­stim­mungs­recht wahrzunehmen. Ein wich­ti­ger Dreh- und Angel­punkt sind die Beschnei­de­rin­nen: Sie ver­die­nen oft viel Geld mit ihrer Tätig­keit und brau­chen alter­na­tive Einkommensmöglichkeiten.

Eine straf­recht­li­che Ver­fol­gung hilft, aller­dings müs­sen die staat­li­chen Gesetz­ge­bun­gen auch umge­setzt wer­den. Zwar haben seit 1997 über 20 afri­ka­ni­sche Län­der ein Gesetz gegen Geni­tal­ver­stüm­me­lung erlas­sen, doch häu­fig wird diese auf­grund feh­len­der Straf­ver­fol­gung wei­ter­hin prak­ti­ziert.

Wich­tig ist es, dass sich die loka­len Auto­ri­tä­ten dafür stark machen, die Geni­tal­ver­stüm­me­lung zu been­den: Dorf­vor­ste­her, reli­giöse Wür­den­trä­ger und auch das Gesund­heits­per­so­nal.

Denn Stu­dien zei­gen, dass die Geni­tal­ver­stüm­me­lung am schnells­ten been­det wer­den kann, wenn die Gemein­den von sich aus damit auf­hö­ren. Das kann sich auch in kul­tu­rell alter­na­ti­ven Zere­mo­nien für Mäd­chen und Frauen aus­drü­cken. Diese Ver­än­de­run­gen sind vor allem dann mög­lich, wenn die Hüter die­ser Tra­di­tio­nen selbst dafür eintreten.

Eine große Chance bie­tet auch die junge Bevöl­ke­rungs­struk­tur der betrof­fe­nen Län­der. Jugendliche haben die Mög­lich­keit, die alten Struk­tu­ren auf­zu­bre­chen und sich gegen die Geni­tal­ver­stüm­me­lung zu wen­den. Sie können die nachwachsenden Generationen somit vor dem unermesslichen Leid, das ihnen zum Teil selbst widerfahren ist, schützen.

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Genau dazu trägt die Stif­tung Welt­be­völ­ke­rung mit ihrem Ansatz bei: Die Jugend­li­chen spre­chen in unse­ren Jugend­klubs über die Geni­tal­ver­stüm­me­lung und machen sich für eine neue Gesell­schaft stark, an der Jun­gen und Mäd­chen gleich­be­rech­tigt teil­neh­men.

Die Jugend­li­chen gehen zudem in die Gemein­den und zei­gen bei­spiels­weise in Thea­ter­stü­cken vor gro­ßem Publi­kum auf der Straße, wie es einer jun­gen, beschnit­te­nen Frau ergeht. Sie hal­ten der Gesell­schaft so den Spie­gel vor und erzeu­gen damit Ein­sicht und Veränderungsbereitschaft.

Autor: Denny Ehrlich

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