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Flüchtlinge - Bedrohung für abendländische Werte und Frauenrechte?

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ullstein bild via Getty Images
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Mit der Flüchtlingswelle hat sich eine Debatte um die Wahrung deutscher Werte entwickelt, in der man sich vermehrt antimuslimischer Stereotypen bedient und an Geflüchtete die Forderung stellt, deutsche Werte zu verinnerlichen.

Dabei ist zu beobachten, wie arrogant vor allem auf Geflüchtete muslimischen Glaubens herabgeschaut wird, denn es wird stets zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Asylsuchenden, wobei letztere oftmals als Opfer der muslimischen Geflüchteten dargestellt werden, differenziert.

Abendländische Werte besser als die von DENEN

Neulich sagte mir ein Kommilitone in dem Zusammenhang: „Ich denke mal, dass wir uns beide in dem Punkt einig sind, dass westliche, abendländische Werte besser sind als die von DENEN". Gemeint sind muslimische Geflüchtete.

Kaum angekommen, wirft man ihnen ein Grundgesetz und „RefugeeGuide" an den Kopf, was mehr oder weniger einen Verhaltenskodex darstellt, und suggeriert unterschwellig, dass sie unmoralisch sind und nicht wüssten, wie man sich zivilisiert zu verhalten hat.
Man setzt also voraus, der muslimische Glaube dieser Leute würde sie zu intoleranten Unzivilisierten machen, die Nichtmuslimen gegenüber feindlich gesinnt sind und Frauenrechte missachten und ablehnen.

Besonders stört bei diesen künstlichen Debatten, die meines Erachtens lediglich der Polarisierung und Hetze dienen, dass man islamische Werte kritisiert, sich dabei aber nicht auf die Lehren des Propheten Mohammed stützt, sondern Vorurteile, das Fehlverhalten einiger weniger Muslime und Missstände in Ländern mit großem muslimischen Anteil, als Richtlinie nimmt und diese als „islamische Werte" etikettiert, aber auch dass muslimische Frauen als unterdrückte, unmündige, unterwürfige Wesen, die dem Willen männlicher Verwandter unterliegen, dargestellt werden.

Illusorische Angst

So wird in den Menschen eine illusorische Angst, Geflüchtete würden bei ihrer Einreise dieses „menschenverachtende Frauenbild" und diese „unzivilisierten, inhumanen Werte" importieren, erweckt.

Das ist nicht nur ein Problem für Flüchtlinge, sondern auch für Muslime und für das Bild des Islams in Deutschland, denn damit setzt man unweigerlich den Islam in der Öffentlichkeit mit Unmoral, Rückständigkeit und Unrecht in Verbindung und begünstigt damit antimuslimische Ressentiments und verstärkt die unbegründete Angst, die Anwesenheit von Flüchtlingen muslimischen Glaubens bedrohe die eigene deutsch-christliche Identität.

Angesichts dessen ist es nicht verwunderlich, dass zunehmend Moscheen und Asylunterkünfte von Vandalismus betroffen sind und regelmäßig Muslime, die als solche erkennbar sind, verbal oder physisch angegriffen werden.

Aus diesem Grund möchte ich anhand einiger Beispiele ein besonderes Augenmerk auf die muslimische Frau setzen und Vergleiche zwischen der heutigen „aufgeklärten, emanzipierten Europäerin" und der vermeintlich „unmündigen, unterdrückten Muslimin" ziehen.
Dabei sollen die Ehefrauen des Propheten Mohammeds als Frauen des „Religionsstifters" eine besonders repräsentative Rolle einnehmen.

Khadija bin Khuwaylid

Die erste Frau des Propheten, Khadija bin Khuwaylid, war eine erfolgreiche, wohlhabende, angesehene Unternehmerin und Kauffrau adeliger Abstammung, in deren Auftrag der Prophet eine Karawane nach Syrien führte.

Von der Vertrauenswürdigkeit, Güte, dem edlen Charakter und guten Ruf Mohammeds, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Offenbarung erhalten hat, entzückt, entschied sich Khadija, die zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Ehen hinter sich hatte, den 15 Jahre jüngeren Mohammed um eine Ehe anzufragen.

Khadija war der erste Mensch, der an die Botschaft Mohammeds glaubte und ihn finanziell und geistig unterstütze. Als sie und Mohammed von den arabischen Polytheisten, die den Propheten Mohammed wegen seines Glaubens bekämpften, boykottiert wurden und kaum Unterhalt für ihre Existenzbedürfnisse erhielten, wich sie, die bislang ein betuchtes Leben führte und mit Armut unvertraut war, nicht von seiner Seite und blieb ihm weiterhin eine große emotionale Stütze.

Das Jahr, in dem Khadija verstarb, wurde wegen der großen Trauer des Propheten Mohammeds als „das Jahr der Trauer" bekannt.

Aischa Bint Abu Bakr

Aischa Bint Abu Bakr, die der Prophet nach dem Tod Khadijas heiratete, war für ihre Eloquenz, ihr Selbstbewusstsein und Wissen in verschiedenen Bereichen - in der Medizin, Lyrik, Politik sowie Jurisprudenz - bekannt.

Sie eröffnete die erste Schule für das Erlernen islamischer Rechtswissenschaften und Überlieferungen und lehrte sowohl Frauen als auch Männer. Sie war somit gleichzeitig Wissenschaftlerin und Lehrerin.
Nach dem Ableben des Propheten wandte man sich bei Unklarheiten in der Urteilsfindung in der Jurisprudenz an sie, da sie für ihr Wissen und außerordentlich klares Verständnis bekannt war.
Urwah Ibn Zubayr, einer der bekanntesten Überlieferer und Historiographen in der Frühzeit des Islams, sagte über sie, dass es keine Gelehrten unter den Gefährten des Propheten Mohammed gab, außer, dass sie sich Wissen von Aisha aneigneten.

In einer Gesellschaft, in der es verpönt war und als Schwäche erachtet wurde, ein gutes Wort über seine Frau zu verlieren und die Beziehung zur Frau im Wesentlichen aufs Sexuelle reduziert wurde, nannte der Prophet Mohammed nachdem er gefragt wurde, für welchen Menschen er die größte Liebe empfinde, den Namen seiner Frau Aisha.

Auch in seiner berühmten Abschiedspredigt thematisierte er den Sexismus und wies darauf hin, dass „die besten unter euch diejenigen sind, die ihre Frauen am besten behandeln." (Prophet Mohammed).
Um zu realisieren, wie revolutionär und bahnbrechend der Prophet Mohammed mit dem Predigen der Vorzüge und Rechte der Frau extrem patriarchale Strukturen aufbrach, einen Umbruch in der Gesellschaft einleitete, das gesamte Frauenbild veränderte und Frauen zur Emanzipation motivierte, muss man sich die Situation der Frau auf der vorislamischen arabischen Halbinsel vergegenwärtigen.

Älteste bestehende Universität der Welt von einer muslimischen Frau eröffnet

Frauen haben keinerlei Rechte genossen. Sie wurden in der patriarchalen arabischen Gesellschaft von ihren Männern wie Eigentum behandelt, in aller Öffentlichkeit geschlagen und zur Nacktheit gezwungen, wenn sie das Glück hatten, als junge Mädchen nicht lebendig begraben worden zu sein.

Nicht umsonst platzierte der amerikanische Astronaut, Mathematiker und Historiker Michael Hart den Propheten Mohammed in seinem Buch „Die 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte" auf den ersten Platz, denn seine Lehren inspirieren auch nach Hunderten von Jahren Milliarden von Menschen:

So wurde die älteste bestehende Universität der Welt in Fes, Marokko, im 9. Jahrhundert von einer muslimischen Frau eröffnet, während man noch in Europa Hexen verfolgte.

So etwas wäre zur gleichen Zeit in Europa undenkbar gewesen, wenn man bedenkt, dass erste feministische Ideen erst im 17. Jahrhundert formuliert wurden und erste feministische Bewegungen im späten 18. Jahrhundert aufblühten.

Aisha war im 7. Jahrhundert anerkannte Wissenschaftlerin und hat zahlreiche Schüler gelehrt, während Frauen in Deutschland erst Anfang des 20. Jahrhunderts der volle Zugang zu Universitäten ermöglicht wurde.

Frauenquoten im „aufgeklärten" Europa

Khadija hat am Anfang des 7. Jahrhunderts wesentlich mehr verdient als der Prophet und sie verfügte auch über ein größeres Vermögen und doch fühlte er sich durch ihre Errungenschaften und ihren Status weder unterlegen noch in seiner „Männlichkeit" bedroht.

Und heute müssen wir beschämenderweise im „aufgeklärten" Europa Debatten über die Einführung von Frauenquoten führen, heute verdienen Frauen selbst mit höherer Qualifikation weniger als Männer, die die gleichen Leistungen erbringen wie sie.

Diese Frauen haben bewiesen, dass man als Frau einen hohen Status in der Gesellschaft einnehmen kann und sie durch seinen Einsatz aktiv und selbstbestimmt mitgestalten kann. Sie haben bewiesen, dass Frauen intellektuelle Wesen sind, die nicht auf ihre Sexualität reduziert werden dürfen.
Diese Frauen waren keine unterdrückten Frauen. Sie waren selbstbewusste Frauen, die mit beiden Beinen im Leben standen, die nicht nur Vorbilder für Musliminnen sind, sondern für alle Frauen.

Wir stellen muslimische Männer unter Generalverdacht, Gewalt an Frauen anzuwenden und vergessen dabei, dass jede dritte Europäerin bereits einmal körperlicher oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt war und die Hälfte von ihnen mindestens einmal sexuell belästigt wurde. In nur rund 9% der angezeigten Vergewaltigungen kommt es in Deutschland zur Verurteilung, obwohl lediglich 10% der Vergewaltigungen angezeigt werden.

Desinteresse am Leid der Frau in Europa

Dies demonstriert das allgemeine Desinteresse am Leid der Frau in Europa, das nur dann Beachtung findet, wenn es nicht vom europäischen Mann ausgeht und rassistischen und antimuslimischen Hetzkampagnen Vorschub leistet.

Und wir nehmen uns angesichts dieser Missstände das Recht heraus, andere über Frauenrechte zu belehren und ihnen Frauenunterdrückung, die wir in ihrer religiösen Überzeugung begründet sehen, vorzuwerfen.

Fehlende Frauenrechte, Frauenunterdrückung und extrem patriarchale Strukturen sind kein muslimisches Problem. Das sind Probleme, die völlig unabhängig vom Glauben vor allem in Entwicklungsländern, in denen kein Gewaltmonopol, kein allgemeiner Zugang zu Bildungseinrichtungen existiert und die Mehrheit der Bevölkerung mit Armut und Hunger zu kämpfen hat, aber auch in Schwellenländern und Industriestaaten immer noch verwurzelt sind.

Und wenn sie unter anderem in Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung vorherrschen, kann man immer wieder feststellen, dass sie gerade aus der Nichtverinnerlichung islamischer Werte, aus fehlender islamischer Aufklärung resultieren.

Diese Zustände sind existent und genau sie erinnern an die vorislamische Zeit auf der arabischen Halbinsel, die Zeit der Jahiliyyah (Unwissenheit), aber ihre Existenz in nichtmuslimischen Staaten zu negieren, sie ignorant auf den Islam zurückzuführen und damit das eigentliche Problem zu ignorieren, verstärkt diesen Zustand umso mehr.

Fazit

Um abschließend auf das eigentliche Thema, nämlich das Dämonisieren „islamischer Werte", zurückzukommen:

Selbstverständlich muss man Neuankömmlinge in Deutschland mit gewissen Gepflogenheiten vertraut machen. Das ist völlig in Ordnung. Was allerdings nicht in Ordnung ist, ist im Zuge solcher Debatten, Flüchtlingen Unmoral vorzuwerfen und sich antimuslimischer Vorurteile zu bedienen, um ein Feindbild von Muslimen und dem Islam im Allgemeinen zu erschaffen und damit einem friedlichen Miteinander entgegenzuwirken.

Wir in Europa befinden uns keinesfalls in der Position, anderen mit Arroganz entgegenzutreten, sie und ihre Religion zu degradieren und mit ihnen umzugehen, als müssten sie erzogen werden, weil wir ihnen fälschlicherweise vorwerfen, Werte abzulehnen, die selbst hierzulande nicht gänzlich Beachtung finden und umgesetzt werden.

Dieser Beitrag erschien zuerst hier

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