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In Syrien stand auf meinem Pass Muslim, obwohl ich ein Jeside warr

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SYRIAN REFUGEES IN GERMANY
Wolfgang Rattay / Reuters
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Als erstes geht es hierbei um unsere Rechte, Rechte derjenigen, die eine ganz andere Religion haben und in Ländern wie Syrien aufgewachsen und zur Schule gegangen sind. In Syrien hat man nicht das Gefühl gehabt, ein Syrer zu sein.

Man hat sich immer wieder die selben Fragen gestellt: Wurde ich hier in meinem Land, wo ich aufgewachsen bin, akzeptiert? Ich hatte das Gefühl, nicht ein Syrer, also ein echter Syrer, zu sein. Als Syrer sollte ich die selben Rechte wie anderen haben.

Wenn die uns unsere Rechte nicht geben, dann sind wir nicht akzeptiert. Für uns Jesiden und Christen war es ein No-Go Thema über die Religion auf dem Pass zu sprechen. Auf meinem zum Beispiel stand Muslim, obwohl ich ein Jeside war.

Der Grund dafür haben die meisten von uns gewusst: Wir haben keine anerkannte Religionen in diesem Land. Anerkannt? Kann man das so nennen? Weiß ich nicht. Für mich heißt es: Wir sind in deren Augen die schlimmsten dieser Welt. Jedes Mal bei der syrischen Behörde wollte ich immer nachfragen, wieso auf den Pässen "Muslim" stand und nicht "Jeside" oder "Christ"?

Gelungen ist mir dies nie. Denn mit den Beamten über solchen Themen zu sprechen war ein gefährliches Thema. Die hätten uns deswegen festnehmen können. Nur Jesiden und Christen sprachen über diese Themen untereinander. In die Öffentlichkeit damit zu gehen, wäre ganz gefährlich für viele Andersgläubigen.

Wir dürfen zwar alle Jobs ausüben, dennoch unser Religion dürfte auf die Pässe nicht geändert werden. Man wollte immer wie sie sein, endlich anerkannt werden. Als wäre man in Deutschland integriert und darf nicht wählen. Ein ewiger Albtraum für manche. Auch wir bekamen Warnungen, unsere Religion im öffentlichen Raum auszuüben, weil dieser mit unserer Existenz zu tun hat.

In Deutschland ist es ganz was anderes.

Im Gegensatz zu Syrien darf man hier seine Religion in der Öffentlichkeit ausüben. Wir wollten und wollen immer noch in Arabischen Ländern akzeptiert werden und keine Angst vor nichts haben. Wir wollen die gleiche Rechte wie anderen haben und unser Leben in voller Menschlichkeit Leben.

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In Syrien hat sich bei vielen Muslimen ausgebreitet, dass Jesiden Muslime töten würden und wir Terroristen seien. Die Kinder im nah liegenden Dörfer hatten Angst, sich unsern Dorf zu nähern, weil sie diese Angst vor uns hatten. Wir würden Sie töten, sagten sie den Kindern. Auch als wir zu ihnen gegangen sind, weil wir manche kannten: Sie erzählten ebenfalls, dass die Kinder große Angst haben, sich uns an zu nähern.

Das war nicht alles. Wie wurden mehrmals "Teufelsanbeter" genannt und deshalb denken sehr viele, dass wir den Teufel anbeten. Nur in Syrien? Nein. Auch hier in Deutschland verbreitet sich dieser Mist überall. Für mich haben Religionen keine Bedeutung, egal welche Religion es ist.

Seit dem es zu dieser vielen Auseinandersetzungen gekommen ist, ist die Bedeutung von Religion im Abgrund. Wegen Religionen ist der Islamischer Staat in Syrien und Irak unterwegs und tötet alle. Unsere Ängste werden in den Arabischen Ländern nicht ernst genommen. Man hat dort auch versucht, uns zum Islam zu zwingen.

Mehrmals sagten uns unsere Lehrer, warum wir nicht zum Islam konvertieren. Wir würden dann in den Himmel kommen und nicht in die Hölle. Als ob diese Menschen solche Erfahrungen gemacht haben. Bei uns in Syrien spielten Religionen eine große Rolle im Leben. Bist du ein Muslim, dann bist du ein guter Mensch und verdienst Respekt, gehörst du einer anderen Religion an, bist du kein Mensch.

Mehrmals habe man uns auch gesagt: Es würden eines Nachts die Araber zu uns kommen und uns alle hintereinander töten. Diese Vorstellung hat viele von uns abgeschreckt und dazu gezwungen, die ganzen Nacht bis morgen früh wachsam zu bleiben.

Am Nächten Tag wussten alle, dass es nur ein Gerücht war. In Syrien war jede Nacht eine Höllen-Nacht. Weil wir überleben wollten haben wir uns auf den Weg nach Europa, also der Bundesrepublik, gemacht. Niemand hat uns so respektiert und angenommen wie Deutschland und Europa.

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Bis heute Frage ich mich, warum auf unseren Pässe nicht die richtigen Religionen standen. Wenn dein Land dich nicht so akzeptiert wie du bist, dann ist es nicht dein Land. Das einzige, auf das ich und viele andere darauf stolz sind, ist in Syrien aufgewachsen zu sein.

Aber an erster Stelle steht für mich Deutschland. Und hier werde ich alles dafür tun, um Deutschland unsere Dankbarkeit zu zeigen. Ganz akzeptiert sind wir nicht, aber wir werden daran arbeiten, dies zu ändern.

Hauptsache wir werden wegen unserer Religion nicht vertreiben. Klar auch in Deutschland kommt es zu solchen Anfeindungen zwischen unterschiedlichen Religionen, jedoch versteht uns die Justiz. Wir sind froh, nicht in Syrien zu leben, sondern in Deutschland. Hier sind wir Menschen. Es steht fest: Deutschland ist unser wahres Land.

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