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Geschichte von meiner Flucht von Syrien nach Deutschland

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SYRIAN REFUGEES IN GERMANY
Ina Fassbender / Reuters
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Bevor die Flüchtlingswelle in Europa anrollte, kannten viele Syrer Deutschland als Gesicht der humanitären Welt. Wohin sollen wir, fragte man sich nachdem der Krieg ausgebrochen war? "Nach Deutschland, nach Europa soll es gehen", dachten die meisten.

Von zuhause flüchtete man in die Türkei, um dort die Reise nach Deutschland anzutreten. "In der Türkei wird man schlecht behandelt, als wären wir keine Menschen", erzählten mir dort viele Menschen. Wir waren damals viele Tage in der Türkei geblieben.

Weltweit waren Ende 2013 nach Angaben der UN-Flüchtlingshilfe mehr als 51 Millionen Menschen auf der Flucht. Die meisten von ihnen suchten innerhalb ihres Heimatlandes Schutz, nur ein Drittel im Ausland. Entwicklungsländer nahmen dabei die meisten Flüchtlinge auf.
In Deutschland entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg über Asylanträge von Flüchtlingen. Die Zahl der Asylbewerber, die Deutschland erreichen, ist stark gestiegen, Wohnheime sind überfüllt. Auch anerkannte Flüchtlinge müssen nach Wohnungen suchen, manchmal nehmen auch Privatleute sie auf.
Die Länder der Europäischen Union versuchen, Flüchtlinge mit menschenunwürdigen Methoden an der Einreise zu hindern, lieber lassen sie die Menschen sterben. Die Grenzschutzagentur Frontex soll die Grenzen möglichst dicht machen. Innerhalb Europas nimmt Deutschland die meisten Flüchtlinge auf.
Im Lauf des Jahres 2014 wuchs die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, es kam zu Pegida-Demonstrationen gegen eine vermeintliche Islamisierung und Anschlägen auf Asylbewerberheime.

Es hat uns damals mitgenommen. Ich habe während meiner Zeit in der Türkei miterlebt, wie ein Flüchtlings Mädchen ihren Vater fragte: „Papa, die Wissen doch, dass wir aus dem Krieg geflohen sind und wir viele Menschen verloren haben, warum helfen die uns denn nicht? Wir sind in Not. Warum tun die nichts?" Der Vater antworte kurz darauf: „Mein Kind, es liegt nicht in unserer Hand. Sie können helfen, müssen sie aber nicht. Ich weiß, dass es dir schwer am Herzen liegt, jedoch nicht jeder Mensch möchte gutes tun. Wir werden schon schaffen."

Der vorletzte Tag in der Türkei war ein warmer Tag. Wir gingen gemeinsam raus, um Luft zu schnappen. Wir sprachen darüber, ob der Weg nach Europa doch vielleicht zu gefährlich wäre. Doch zurückgehen war kein Ausweg. Und wie hätten wir ohne Geld in der Türkei leben können?

Unser nächstes Ziel war also Griechenland

Am Tag der Flucht wachtenwir auf und gingen nach draußen, um auf den Mann zu warten, der uns fortbringen sollte. Der kam mit einem kleinen Lastwagen.

Was er tat, war illegal, aber wahrscheinlich hatte auch er Geldsorgen. Sowie wir im Fahrzeug saßen, fuhren wir auch schon los. Wir waren über zwanzig Menschen in dem kleinen Lastwagen und es war zu eng, man konnte fast nicht ein und ausatmen. Schrecklich.

Wir fuhren ungefähr fünfzig Kilometer bis an der Griechischen Grenze. In dem Wagen sind wir fast erstickt. Aber niemand hatte an Tod gedacht, sondern ans Überleben. Als wir endlich an der Grenze ankamen, fühlten wir uns erleichtert. So erleichtertet habe ich mich noch nie in meinem Leben gefühlt.

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Das Gefühl von Sicherheit. Um in Griechenland anzukommen, mussten wir mit dem Leben und Tod spielen. Zwischen den beiden Ländern gab es einen kleinen, tiefen Fluss mit einer starken Strömung. Wir mussten mit einem Schlauchboot übersetzen.

Das Gefühl von Sicherheit ging auf dem Boot verloren und es kamen Ängste zurück. In dem Fluss sah man während der kleinen Fahrt Leichen von Menschen, die es offenbar nicht geschafft hatten. Bis heute kann ich immer noch nicht die Bilder vertreiben. Derartige Tragödien hat kein Mensch verdient.

Doch schließlich sind wir in Griechenland angekommen. Wir liefen, bis die Polizei auf uns zukam und uns festnahm. Sie fragten, woher wir kommen und warum wir hier sind? Einer der Gruppe sprach Englisch, und redete mit ihnen.

Ein Polizist rief nach fünf Minuten einen Streifenwagen. Sie haben uns die Hände gefesselt und mit ins Revier genommen. Dort haben sie Bilder von uns gemacht und uns in eine Zelle gesteckt. Dort war alles schmutzig, aber wir bekamen Essen und Trinken. Die Zelle war nur für vorübergehend. Nach drei Tagen kam ein großer Streifenwagen und sie zwangen uns, rein zu steigen.

Nach einer Stunde kamen wir an einem unbekannten Ort in Griechenland an. Zehn Polizisten nahmen uns alles weg uns steckten uns in eine Zelle - mit Massen von Flüchtlingen, die ebenfalls nach Europa wollten. Es waren über fünfhundert Menschen. Wir blieben dort drei Monate lang, es war mein erstes Mal in einem Gefängnis. Sie gaben uns Essen und Trinken, aber es kam zu Streitereien zwischen den Insassen. Ich konnte nachts kein Auge zu machen. Ich sehnte mich nach Freiheit, nach Deutschland.

Nach drei Monaten durften wir raus. Die Behörden gaben uns unsere Sachen zurück und wir durften mit dem Bus nach Athen fahren. Dort angekommen lernten wir viele andere Flüchtlinge kennen. Es war uns eine große Freude, den Menschen zu begegnen und zusammen in die Freiheit zu blicken.

Wir alle wollten nach Deutschland. Ich fand es nett und schön.

Als es so weit war, brachen wir mit einem großen Lastwagen auf. Darin befanden sich über fünfzig Personen, sowie Kinder. Zwei bis vier tage waren wir unterwegs und dann sind wir endlich in Deutschland angekommen. Schwer war es nicht. Meine Reise endete in Düsseldorf in einem Kinderheim.

Damals war ich dreizehn Jahre alt und lernte im Kinderheim beim Jugendamt die deutsche Sprache. Da wurde mir klar, dass Deutschland mein Land ist. Hier werden wir nicht verfolgt und alle Religionen werden auf eine Stufe gesetzt. In dieser Demokratie ist man frei. Nach Syrien zurückkehren wollte ich auch schon mit dreizehn Jahren nicht. Ich habe hier ein neues Kapitel aufgeschlagen. Deutschland ist mein Traum. Ich habe hier meine Zukunft und werde sie ausnutzen. Mein Traum Deutschland.

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