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Verfolgt zu werden ist schlimmer, als zu sterben

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SYRIEN
dpa
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In meinem Heimatland Syrien herrscht seit über sechs Jahren ein brutaler Krieg, vor dem tausende Menschen nach Deutschland geflohen sind. Aber schon vor dem Kriegsausbruch war Syrien kein schönes Land, jedenfalls nicht für Christen und uns Jesiden. Eigentlich konnten wir dort nie leben, daher wollten wir bereits vor dem Krieg nach Deutschland.

Dass nun so viele Syrer nach Deutschland kommen, macht mir Sorgen. Denn unter ihnen sind sicher einige von denjenigen, die uns in Syrien schon verfolgt haben. Einige der Geflüchteten haben Angst, wieder angegriffen zu werden.

Manchmal ist es nicht Krieg, der zur Flucht zwingt, sondern ein unterschiedlicher Glaube. So war das in meinem Fall. Christen und Jesiden werden in Syrien nicht anerkannt. Also stand in meinem Pass, ich sei Muslim, auch wenn das nicht stimmte.

Beschweren konnten wir uns nicht. Überhaupt durften wir nichts sagen, denn Meinungsfreiheit gibt es in Syrien nicht. Eigentlich gab es für uns überhaupt keine Freiheit.

Wir Jesiden wurden ausgegrenzt, angefeindet, verfolgt und mit dem Tod bedroht. Wir lebten in ständiger Angst. Ich denke, hier kann sich kaum jemand vorstellen, wie es ist, jeden Tag um sein Leben fürchten zu müssen. Unter uns herrschte ständige Panik, wir mussten uns dauernd vor Angriffen fürchten und hellwach sein, um im schlimmsten Fall noch rechtzeitig fliehen zu können. Es gab für uns nie Frieden.

Viele glaubten den bösartigen Gerüchten über uns

Ich erinnere mich, dass uns zum Beispiel einmal gesagt wurde, wir sollten aufpassen, denn in der Nacht würden arabische Beduinen alle jesidischen Dörfer überfallen. Wir alle hatten schreckliche Angst und erwarteten jede Minute den Angriff. Erst am nächsten Morgen konnten wir Gott dafür danken, noch am Leben zu sein. So etwas geschah häufig. Es war die Hölle und niemand kann auf Dauer so leben. Verfolgt zu werden ist schlimmer, als zu sterben.

Und der Hass auf uns wurde täglich weiter geschürt. Man wollte offenbar nicht, dass die Muslime uns besser kennenlernen würden. So sagte man ihnen, sie sollen keine jesidischen Dörfer besuchen. Dort würden sie angegriffen, ausgeraubt und getötet. Natürlich stimmte das nicht! Aber viele glaubten den bösartigen Gerüchten über uns und wollten sich an uns rächen.

Nicht alle Muslime waren so, ganz im Gegenteil. Wir hatten gute muslimische Freunde, die uns immer in Schutz nahmen, die versuchten, den anderen zu sagen, dass wir Christen und Jesiden in Ordnung seien und die uns oft zum Essen einluden.

Doch die strengen Sunniten waren gefährlich. Sie hassten uns. Viele von Ihnen könnten jetzt auch in Deutschland sein.

Noch schlimmer wäre es, auch in dem Land verfolgt zu werden, in das man geflüchtet ist

Es ist sehr schlimm, wenn man im eigenen Land gejagt wird. Aber noch schlimmer wäre es, auch in dem Land verfolgt zu werden, in das man geflüchtet ist.

Ich selbst versuche, mir keine Angst machen zu lassen. Ich bin hier nach Deutschland gekommen, um in Freiheit leben zu dürfen. Diese Freiheit würde sofort enden, wenn ich auch hier beginnen müsste, mich zu verstellen und zu verstecken.

Also sage ich jedem ins Gesicht, welchen Glauben ich habe. Ich habe damit noch keine Probleme gehabt, aber um meine Familie mache ich mir schon Sorgen.

Natürlich habe ich die Meldungen von schrecklichen Übergriffen hier in Deutschland im Kopf. Wie damals, als Salafisten einen jesidischen Imbiss in Herford mit Macheten und Messern überfallen und einem Jugendlichen dabei fast die Finger abgeschnitten hätten.

Wir müssen nur verstehen, dass alle Menschen gleich sind

In Syrien beschimpften sie uns als Ungläubige, als Teufelsanbeter. Sie sagten, wir seien keine guten Menschen und sollten zum Islam konvertieren. Wir sagten ihnen immer, dass wir alle denselben Gott haben, der nur auf andere Weise übersetzt wird. Geholfen hat es damals nicht.

Deutschland ist für viele Flüchtling die Chance auf einen Neuanfang. Hier respektieren die Menschen einander. Hier gibt es Freiheit und genug Liebe für alle. Hier habe ich die Hoffnung, sicher zu sein.

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Ich glaube, dass wir hier auch mit den Muslimen in Frieden zusammenleben können, denn Deutschland wird auch für Sie einen Neuanfang bedeuten.

Wir müssen nur verstehen, dass alle Menschen gleich sind. Am Ende landen wir alle unter der Erde. Es ist also egal, welche Religion wir haben. Wir müssen nur lernen, uns gegenseitig zu respektieren.

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