Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Antonio Fabrizi Headshot

Ich habe meine Bankkarriere gegen eine Bar getauscht. Das habe ich gelernt

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
ANTONIO FABRIZI
antonio fabrizi
Drucken

Bei meiner Entscheidung, einen gut bezahlten und - damals noch - angesehenen Beruf aufzugeben, der mich bis in den wohlverdienten Ruhestand bringt, ging es nicht um Leben und Tod.

K├╝rzlich hat mich das "Manager-Magazin" portr├Ątiert. Die Reaktionen auf diese Ver├Âffentlichung haben mich ehrlicherweise ├╝berrascht. ├ťberwiegend gab es positives Echo, gekoppelt an ein gro├čes Interesse von Menschen, die entweder einen ├Ąhnlichen Weg gegangen sind oder ihn "planen".

Ein kleinerer Teil ├Ąu├čerte sich negativ und pers├Ânlich beleidigend. Meiner Meinung nach sind Letztere f├╝r viele Menschen ausschlaggebend, den Wunsch nach beruflicher Ver├Ąnderung und alternativen Lebensentw├╝rfen ├╝ber Bord zu werfen. Es ist eine Tatsache: Beim romantischen ÔÇ×Aussteigen-Wollen" sind auch Ur├Ąngste im Spiel.

Der Lohn ist das ├╝berw├Ąltigende Gef├╝hl der richtigen Entscheidung

Die Entstehungsgeschichte des "Club 20457" ist eines der wichtigsten und spannendsten Kapitel meines Lebens. Am Anfang stand nur die Idee: "Wir machen einfach was!"

Die Anmietung einer tempor├Ąren Freifl├Ąche erfolgte in Rekordzeit, Improvisation war gefragt. Diese Zeit war ohne Frage f├╝r alle Beteiligten Stress pur und der gesunde Menschenverstand wurde kurzerhand ausgeschaltet. Aber es war gro├čartig! Ohne das Zusammenspiel vieler Menschen w├Ąre das Projekt "Club 20457" einfach als originelle Idee nach drei Wochen gestorben.

Jeder h├Ątte sich gerne an diese "verr├╝ckte" Zeit erinnert, die aber dann - wie so oft im Leben - die Realit├Ąt eingeholt hat. Aber wie man sieht kam es anders. Und was gibt es Sch├Âneres, wenn aus einer Gruppe von Menschen ein Netzwerk entsteht, aus dem sich Kooperationen entwickeln?

Zu einer Legendenbildung w├╝rde es geh├Âren, jetzt von einem inneren Kampf zu schreiben: Gibt man einen gutbezahlten und sicheren Job auf? Verzichtet man auf Urlaube? Und was passiert, wenn man krank wird? Was denken und erwarten "die anderen"?

Die Wahrheit ist weit weniger spektakul├Ąr. Das Projekt f├╝hlte sich nach den ersten drei Wochen so gut an, dass nur eine einzige Entscheidung plausibel erschien: Weitermachen! Der Mietvertrag f├╝r die neue Fl├Ąche wurde unterschrieben, Umbauarbeiten und Beh├Ârdeng├Ąnge standen an - allein dieser Wegabschnitt bis zur offiziellen Er├Âffnung des Clubs w├╝rde ein Buch f├╝llen. Doch im Juli 2012 war es endlich soweit: Der Club 20457 in seiner heutigen Form ├Âffnete seine Pforten.

Idee und Konzept haben sich seit dem ersten Tag nicht ver├Ąndert und spiegeln meine eigenen Wurzeln wider: Eine simple Kneipe wie aus dem Berliner Kreuzberg der 90iger. Ein Abbild einer s├╝ditalienischen Bar, in der G├Ąste generations├╝bergreifend einkehren. Die Dorfkneipe, in der jeder jeden kennt und eine k├Âlsche Eckkneipe, in der niemand lange allein am Tresen sitzt.

Kultur findet dort ebenfalls statt und zwar auf eine lockere, unkonventionelle Weise: Die monatliche Stand-up-Comedy mit Frank Eilers ist echte Comedy mit open Mic, Live-Musik findet nur mit Singer-Songwritern statt, das Club-Bingo mit Ricardo M. zielt mit seinem Humor oft unter die G├╝rtellinie, Situationskomik und die Gesangseinlagen des Entertainers machen es aber zu einem einzigartigen Erlebnis, das seinesgleichen sucht. Und wer auf der Suche nach einer klassischen Lesung ist, ist im Club 20457 fehl am Platz. Hier werden sie fast immer szenisch oder musikalisch begleitet.

Es gab vieles was mir in meiner Bankzeit gefallen hat. Jetzt genie├če ich es aber, keine offizielle "Business-Mission" ausrufen zu m├╝ssen, sondern stattdessen selbstverst├Ąndlich mit einem Team Ideen umzusetzen. Ohne stundenlange Telefonkonferenzen, Meetings oder Arbeitsgemeinschaften, die in "Folienschleudern" ohne Ergebnis enden.

Einen gutbezahlten Job aufzugeben ist keine Entscheidung um Leben und Tod

Wie kam es nun zu dem Neustart, zu dem Entschluss, das Ruder herumzurei├čen und eine sichere Karriere gegen den Barbetrieb auszutauschen? Machen wir einen Sprung in die 80er-Jahre. Rauschen die Jahre im fortgeschrittenen Alter nur so davon, ist in der Jugend leider das Gegenteil der Fall: Die Zeit schleicht z├Ąh und m├╝hsam dahin, das Leben in der ├Âden Kleinstadt h├Ąngt an einem wie Ballast.

Sehns├╝chtig geht der Blick in die Zukunft, die alles ver├Ąndern wird: Hinaus in die Welt, ein aufregendes Leben wartet bereits! Wie f├╝r viele andere in dieser Zeit diente die MTV-├ära mit der ganzen neuen Musik als Flucht aus der Vorstadt. Damals h├Ârte ich Billy Joels ÔÇ×Piano Man" und sah immer diese unterschiedlichen Menschen: an einer Theke sitzend, der Musik zuh├Ârend. Ein Lebenstraum war geboren: eine Bar mit Livemusik!

Einige Jahre sp├Ąter. Die Zusage, im Kundenservice einer gro├čen Bank arbeiten zu d├╝rfen, erf├╝llte mich damals mit Stolz. Das Internet stand in den Startl├Âchern, Onlinebanking war eine Innovation. Der Neue Markt holte endlich das aufregende ÔÇ×Wall-Street-Feeling" auch nach Deutschland. Mein beruflicher Lebenslauf war spannend und f├╝hrte mich in die fr├╝her so herbeigesehnten Gro├čst├Ądte. Und gesellschaftlich war es damals noch beeindruckend, in einer gro├čen deutschen Bank zu arbeiten.

Es ist Tatsache: Beim "Aussteigen wollen" sind Ur├Ąngste im Spiel

Mein 30. Geburtstag war noch nicht erreicht, ich hatte eine gl├Ąnzende Aussicht auf eine weitere F├╝hrungsposition, durfte an gro├čartigen Qualifizierungsma├čnahmen teilnehmen und f├╝hrte ein finanziell unbeschwertes Leben in Berlin. Bereits in meiner Anfangszeit wollte ich eine angemessen verg├╝tete T├Ątigkeit, um mir ein sorgenfreies Leben zu erm├Âglichen.

Bis heute mache ich keinen Hehl aus meiner damaligen Haltung, die meiner Meinung nach auch eine legitime Einstellung eines jeden Arbeitnehmers sein sollte - auch wenn viele es nur ungern ├Âffentlich zugeben wollen.

Der einzige Haken an der Geschichte war folgender - und die meisten Konzernmitarbeiter kennen das: In einer offiziellen Business-Mission und in Au├čenpr├Ąsentationen preist die Firma ihre soziale Kompetenz ersten Ranges. Intern jedoch verhindern narzisstische und emotionale Ausw├╝chse ein gesundes und erfolgreiches Arbeiten.

Es gibt zahlreiche Studien zum Thema Work-Life-Balance, sogar die Hirnforschung hat sich des Themas schon angenommen. Gleichzeitig aber ist in fast jedem Unternehmen eine Mobbingkultur zu finden, die sich trotz oder vielleicht sogar dank teurer Teambuilding-Ma├čnahmen immer nur noch weiter perfektioniert.

Die K├╝ndigung war eine Mutprobe und ein Befreiungsschlag aus gelernten Mustern

Die daraus entstandene Entscheidung zur ersten K├╝ndigung war mehr als eine Mutprobe. Sie war auch ein Befreiungsschlag aus anerzogenen und gelernten Mustern. Nach einer schlaflosen Nacht und der K├╝ndigung begann eine Zeit innerhalb der einzuhaltenden Frist, die mich bis heute gepr├Ągt hat - und aus heutiger Sicht die beste berufliche Erfahrung war: Sechs Monate k├Ânnen eine sehr lange Zeit sein, wenn Vorgesetzte die K├╝ndigung als pers├Ânlichen Angriff werten.

Aus heutiger Sicht zementierte sich in dieser Zeit meine Erkenntnis, dass man vieles im Leben leider nicht ├Ąndern kann. Aber die Art und Weise, wie man sich selbst dazu positioniert, ist entscheidend. Am Ende f├╝hrte mich dieser Entschluss nicht in den bef├╝rchteten sozialen und finanziellen Abstieg. Ganz im Gegenteil: Der Weg f├╝hrte in andere Konzernabteilungen, die mir nicht nur ein besseres Arbeitsumfeld boten, sondern auch den Glauben zur├╝ckgaben, dass professionelles Arbeiten m├Âglich ist.

Drei weitere berufliche Ver├Ąnderungen standen in den folgenden Jahren an. Sie fielen mir alle leicht. Und die letzte war dann auch die ausschlaggebendste. Der 40. Geburtstag stand bevor. Und Billy Joel begann im Hintergrund immer lauter zu singen.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Die Entstehung meines "Club 20457" ist eine lange Geschichte und sie ist hiermit wenigstens in Groben Z├╝gen umrissen. Abschlie├čend bleibt zu sagen, dass mich diese Entscheidung keine einzige schlaflose Nacht gekostet hat. Es ist definitiv ein anderes Leben und jeden verdienten Euro sp├╝rt man am folgenden Tag genauso in den Knochen wie das ├╝berw├Ąltigende Gef├╝hl, die richtige Entscheidung im Leben getroffen zu haben.

Oft h├Âre ich die Frage: Was ist der Unterschied zu meinem "alten Job"? Das Ergebnis dieser Frage ist immer beidseitige Verbl├╝ffung - erst bei mir, dann beim Fragesteller. Die Antwort n├Ąmlich lautet: Es gibt keinen gro├čen Unterschied! Bank und Gastronomie sind Dienstleistungen, die man beide gern nutzt, wenn Vertrauen und authentische Ansprechpartner im Spiel sind, die Spa├č an ihrem Job haben!

Am Ende spielen Meinungen, Vorgesetzte oder wer auch immer keine Rolle. Wer seinen pers├Ânlichen "Piano Man" singen h├Ârt, wird eine Entscheidung treffen - oder auch nicht. Love it. Change it. Or leave it.

* Lektoriert von Dany Dewitz

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f├╝r alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.