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Ich habe meine Bankkarriere gegen eine Bar getauscht. Das habe ich gelernt

08/10/2016 11:35 CEST | Aktualisiert 09/10/2017 11:12 CEST
antonio fabrizi

Bei meiner Entscheidung, einen gut bezahlten und - damals noch - angesehenen Beruf aufzugeben, der mich bis in den wohlverdienten Ruhestand bringt, ging es nicht um Leben und Tod.

Kürzlich hat mich das "Manager-Magazin" porträtiert. Die Reaktionen auf diese Veröffentlichung haben mich ehrlicherweise überrascht. Überwiegend gab es positives Echo, gekoppelt an ein großes Interesse von Menschen, die entweder einen ähnlichen Weg gegangen sind oder ihn "planen".

Ein kleinerer Teil äußerte sich negativ und persönlich beleidigend. Meiner Meinung nach sind Letztere für viele Menschen ausschlaggebend, den Wunsch nach beruflicher Veränderung und alternativen Lebensentwürfen über Bord zu werfen. Es ist eine Tatsache: Beim romantischen „Aussteigen-Wollen" sind auch Urängste im Spiel.

Der Lohn ist das überwältigende Gefühl der richtigen Entscheidung

Die Entstehungsgeschichte des "Club 20457" ist eines der wichtigsten und spannendsten Kapitel meines Lebens. Am Anfang stand nur die Idee: "Wir machen einfach was!"

Die Anmietung einer temporären Freifläche erfolgte in Rekordzeit, Improvisation war gefragt. Diese Zeit war ohne Frage für alle Beteiligten Stress pur und der gesunde Menschenverstand wurde kurzerhand ausgeschaltet. Aber es war großartig! Ohne das Zusammenspiel vieler Menschen wäre das Projekt "Club 20457" einfach als originelle Idee nach drei Wochen gestorben.

Jeder hätte sich gerne an diese "verrückte" Zeit erinnert, die aber dann - wie so oft im Leben - die Realität eingeholt hat. Aber wie man sieht kam es anders. Und was gibt es Schöneres, wenn aus einer Gruppe von Menschen ein Netzwerk entsteht, aus dem sich Kooperationen entwickeln?

Zu einer Legendenbildung würde es gehören, jetzt von einem inneren Kampf zu schreiben: Gibt man einen gutbezahlten und sicheren Job auf? Verzichtet man auf Urlaube? Und was passiert, wenn man krank wird? Was denken und erwarten "die anderen"?

Die Wahrheit ist weit weniger spektakulär. Das Projekt fühlte sich nach den ersten drei Wochen so gut an, dass nur eine einzige Entscheidung plausibel erschien: Weitermachen! Der Mietvertrag für die neue Fläche wurde unterschrieben, Umbauarbeiten und Behördengänge standen an - allein dieser Wegabschnitt bis zur offiziellen Eröffnung des Clubs würde ein Buch füllen. Doch im Juli 2012 war es endlich soweit: Der Club 20457 in seiner heutigen Form öffnete seine Pforten.

Idee und Konzept haben sich seit dem ersten Tag nicht verändert und spiegeln meine eigenen Wurzeln wider: Eine simple Kneipe wie aus dem Berliner Kreuzberg der 90iger. Ein Abbild einer süditalienischen Bar, in der Gäste generationsübergreifend einkehren. Die Dorfkneipe, in der jeder jeden kennt und eine kölsche Eckkneipe, in der niemand lange allein am Tresen sitzt.

Kultur findet dort ebenfalls statt und zwar auf eine lockere, unkonventionelle Weise: Die monatliche Stand-up-Comedy mit Frank Eilers ist echte Comedy mit open Mic, Live-Musik findet nur mit Singer-Songwritern statt, das Club-Bingo mit Ricardo M. zielt mit seinem Humor oft unter die Gürtellinie, Situationskomik und die Gesangseinlagen des Entertainers machen es aber zu einem einzigartigen Erlebnis, das seinesgleichen sucht. Und wer auf der Suche nach einer klassischen Lesung ist, ist im Club 20457 fehl am Platz. Hier werden sie fast immer szenisch oder musikalisch begleitet.

Es gab vieles was mir in meiner Bankzeit gefallen hat. Jetzt genieße ich es aber, keine offizielle "Business-Mission" ausrufen zu müssen, sondern stattdessen selbstverständlich mit einem Team Ideen umzusetzen. Ohne stundenlange Telefonkonferenzen, Meetings oder Arbeitsgemeinschaften, die in "Folienschleudern" ohne Ergebnis enden.

Einen gutbezahlten Job aufzugeben ist keine Entscheidung um Leben und Tod

Wie kam es nun zu dem Neustart, zu dem Entschluss, das Ruder herumzureißen und eine sichere Karriere gegen den Barbetrieb auszutauschen? Machen wir einen Sprung in die 80er-Jahre. Rauschen die Jahre im fortgeschrittenen Alter nur so davon, ist in der Jugend leider das Gegenteil der Fall: Die Zeit schleicht zäh und mühsam dahin, das Leben in der öden Kleinstadt hängt an einem wie Ballast.

Sehnsüchtig geht der Blick in die Zukunft, die alles verändern wird: Hinaus in die Welt, ein aufregendes Leben wartet bereits! Wie für viele andere in dieser Zeit diente die MTV-Ära mit der ganzen neuen Musik als Flucht aus der Vorstadt. Damals hörte ich Billy Joels „Piano Man" und sah immer diese unterschiedlichen Menschen: an einer Theke sitzend, der Musik zuhörend. Ein Lebenstraum war geboren: eine Bar mit Livemusik!

Einige Jahre später. Die Zusage, im Kundenservice einer großen Bank arbeiten zu dürfen, erfüllte mich damals mit Stolz. Das Internet stand in den Startlöchern, Onlinebanking war eine Innovation. Der Neue Markt holte endlich das aufregende „Wall-Street-Feeling" auch nach Deutschland. Mein beruflicher Lebenslauf war spannend und führte mich in die früher so herbeigesehnten Großstädte. Und gesellschaftlich war es damals noch beeindruckend, in einer großen deutschen Bank zu arbeiten.

Es ist Tatsache: Beim "Aussteigen wollen" sind Urängste im Spiel

Mein 30. Geburtstag war noch nicht erreicht, ich hatte eine glänzende Aussicht auf eine weitere Führungsposition, durfte an großartigen Qualifizierungsmaßnahmen teilnehmen und führte ein finanziell unbeschwertes Leben in Berlin. Bereits in meiner Anfangszeit wollte ich eine angemessen vergütete Tätigkeit, um mir ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen.

Bis heute mache ich keinen Hehl aus meiner damaligen Haltung, die meiner Meinung nach auch eine legitime Einstellung eines jeden Arbeitnehmers sein sollte - auch wenn viele es nur ungern öffentlich zugeben wollen.

Der einzige Haken an der Geschichte war folgender - und die meisten Konzernmitarbeiter kennen das: In einer offiziellen Business-Mission und in Außenpräsentationen preist die Firma ihre soziale Kompetenz ersten Ranges. Intern jedoch verhindern narzisstische und emotionale Auswüchse ein gesundes und erfolgreiches Arbeiten.

Es gibt zahlreiche Studien zum Thema Work-Life-Balance, sogar die Hirnforschung hat sich des Themas schon angenommen. Gleichzeitig aber ist in fast jedem Unternehmen eine Mobbingkultur zu finden, die sich trotz oder vielleicht sogar dank teurer Teambuilding-Maßnahmen immer nur noch weiter perfektioniert.

Die Kündigung war eine Mutprobe und ein Befreiungsschlag aus gelernten Mustern

Die daraus entstandene Entscheidung zur ersten Kündigung war mehr als eine Mutprobe. Sie war auch ein Befreiungsschlag aus anerzogenen und gelernten Mustern. Nach einer schlaflosen Nacht und der Kündigung begann eine Zeit innerhalb der einzuhaltenden Frist, die mich bis heute geprägt hat - und aus heutiger Sicht die beste berufliche Erfahrung war: Sechs Monate können eine sehr lange Zeit sein, wenn Vorgesetzte die Kündigung als persönlichen Angriff werten.

Aus heutiger Sicht zementierte sich in dieser Zeit meine Erkenntnis, dass man vieles im Leben leider nicht ändern kann. Aber die Art und Weise, wie man sich selbst dazu positioniert, ist entscheidend. Am Ende führte mich dieser Entschluss nicht in den befürchteten sozialen und finanziellen Abstieg. Ganz im Gegenteil: Der Weg führte in andere Konzernabteilungen, die mir nicht nur ein besseres Arbeitsumfeld boten, sondern auch den Glauben zurückgaben, dass professionelles Arbeiten möglich ist.

Drei weitere berufliche Veränderungen standen in den folgenden Jahren an. Sie fielen mir alle leicht. Und die letzte war dann auch die ausschlaggebendste. Der 40. Geburtstag stand bevor. Und Billy Joel begann im Hintergrund immer lauter zu singen.

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Die Entstehung meines "Club 20457" ist eine lange Geschichte und sie ist hiermit wenigstens in Groben Zügen umrissen. Abschließend bleibt zu sagen, dass mich diese Entscheidung keine einzige schlaflose Nacht gekostet hat. Es ist definitiv ein anderes Leben und jeden verdienten Euro spürt man am folgenden Tag genauso in den Knochen wie das überwältigende Gefühl, die richtige Entscheidung im Leben getroffen zu haben.

Oft höre ich die Frage: Was ist der Unterschied zu meinem "alten Job"? Das Ergebnis dieser Frage ist immer beidseitige Verblüffung - erst bei mir, dann beim Fragesteller. Die Antwort nämlich lautet: Es gibt keinen großen Unterschied! Bank und Gastronomie sind Dienstleistungen, die man beide gern nutzt, wenn Vertrauen und authentische Ansprechpartner im Spiel sind, die Spaß an ihrem Job haben!

Am Ende spielen Meinungen, Vorgesetzte oder wer auch immer keine Rolle. Wer seinen persönlichen "Piano Man" singen hört, wird eine Entscheidung treffen - oder auch nicht. Love it. Change it. Or leave it.

* Lektoriert von Dany Dewitz

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