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Wir haben in den letzten Wochen 3000 Flüchtlinge gerettet - das ist meine Botschaft an euch

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MITTELMEER
Anton Shakouri
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Liebe Europäer,

ich bin derzeit an Bord des Rettungsschiffs Aquarius von SOS Méditerranée. Es ist meine 4. Mission, wir befinden uns ungefähr 50 Kilometer nördlich der libyschen Stadt Tripolis.

Zusammen mit den Ärzten ohne Grenzen betreibt SOS Méditerranée die Aquarius als Rettungsschiff für Flüchtlinge.

Meine Crew und ich haben in den vergangenen Wochen fast 3000 Menschenleben gerettet. 600 der Geretteten waren unter 18, unbegleitet und allein gelassen.

Für Euch Europäer habe ich eine wichtige Botschaft - viele von Euch glauben, die Flüchtlingskrise habe sich entspannt, weil weniger Menschen nach Europa kommen. Aber das Gegenteil ist wahr: Noch immer machen sich viele Tausend auf den Weg und dieser Weg ist tödlicher denn je.

Deshalb muss Europa aufwachen und endlich handeln, um das Sterben im Meer zu stoppen.

Ein Jahr ist vergangen, seitdem der syrische Junge Alan Kurdi am Strand von Izmir angespült wurde, elendig wie Treibholz. Was zu viele Europäer derzeit verdrängen: Es sind immer noch Tausende von Frauen, Männer und Kinder die im Mittelmeer sterben. Das Ertrinken macht es Euch zuhause einfacherer, ihre Hilferufe nicht zu hören.

Der kleine Vincent wird mir immer in Erinnerung bleiben, alleine stand er bei uns an Deck und erklärte mir, dass er seine Eltern verloren hat. Er war einfach den anderen gefolgt, um einen Platz auf einem Schlauchboot zu bekommen. Der kleine Vincent ist ein Held, kein Opfer.

In den letzten 6 Jahren hat es kein einziges Schlauchboot bis nach Lampedusa oder ans Festland geschafft

Es ist das tägliche Spiel im Mittelmeer: Wir finden ein Boot oder die Rettungsleitstelle in Rom schickt uns die Koordinaten.

Ich bin Teil des Rettungsteams, von Sonnenaufgang bis Untergang halten wir Wache auf der Brücke. Wir halten Ausschau nach Booten, die meist überfüllt und seeuntüchtig sind.

Im Schnitt sind die rund 12 Meter langen Schlauchboote mit bis zu 150 Menschen besetzt.

Ausgelegt sind sie für maximal 25 Menschen. 70 bis 100 Liter Benzin befindet sich in der Regel an Bord, gerade genug, um internationales Gewässer zu erreichen, wenn man Navigieren kann.

In den letzten sechs Jahren hat es kein einziges Schlauchboot bis nach Lampedusa oder ans Festland geschafft. Entweder sie kenterten oder die Booten wurden aufgegriffen.

Die meisten Boote starten zwischen 23 und 1 Uhr Nachts am Vortag, damit sie im Morgengrauen internationales Gewässer erreichen. Tag für Tag das Gleiche, wir machen unsere Rettungsboote klar, erkunden die Lage, und evakuieren die Menschen.

Ich bin der einzig Arabisch sprechende in unserem Rettungsteam. Abwechselnd bin ich auf einem der Rettungsboote oder an Deck und nehme die Leute in Empfang.

Wir reichen die Menschen, zur Registrierung an MSF weiter, sie bekommen ein kleines „Rescue-Kitt" - eine Decke, ein Handtuch, ein Einmalanzug, kalorienreiche Kekse und Wasser. Wenn wir Benzingeruch feststellen, müssen sich unsere Gäste Duschen, um Verätzungen zu vermeiden.

Im Juni hatten wir während einer Rettung insgesamt 675 Menschen an Bord. Wir haben 3 Boote gerettet und 350 Menschen von der italienischen Marine übernommen.

Ihre Gesichter sind voller Angst aber auch voller Hoffnung

Es sind die gleichen Bilder immer und immer wieder, wenn wir die Menschen an Deck nehmen. Sie sind erschöpft und durchnässt. Ihre Gesichter sind voller Angst, aber auch voller Hoffnung.
Die Koordinierungs-Leitstelle in Rom das MRCC ( Maritime-Rescue-Coordination Center),
gibt uns die Anweisung die Menschen nach Trapani in Italien zu bringen.

36 Stunden brauchen wir dafür. In der Zeit versorgen wir die Flüchtlinge, wir unterstützen MSF bei der Ausgabe von Essen und Tee. In die Gesichter der Menschen kommt wieder leben, die Kinder fangen an, zu spielen.

Wir hören von den Geflüchteten immer wieder von den furchtbaren Zuständen in Libyen. Von Männern, die für einen Dollar am Tag auf dem Bau arbeiten. Von Frauen, die für weit unter 10 Dollar ihre Körper verkaufen.

Von Folter in den Gefängnissen, in die die Polizei die Flüchtlinge in Massen sperrt.

Passend zum Thema: Ich bin im achten Monat schwanger - und gefangen in der Hölle von Aleppo

Vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung in Europa stelle ich mir in diesen Tagen häufig die Frage, ob es Ihnen bei uns in Europa besser gehen wird?

Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Kürzlich haben wir bis zum Sonnenuntergang ein Boot gesucht. Die Rettungsleitstelle hat uns immer und immer wieder angerufen, und eine neue Position durchgegeben.

Das Gefühl, wenn die Sonne im Horizont versinkt und man weiß, dass die Menschen irgendwo ganz in der Nähe in den sicheren Tod navigieren, lässt einen nicht mehr los. In der Dunkelheit ist die Suche nach einem Schiff wie die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Erst gegen Mitternacht flackerte immer wieder ein Echo auf unserem Radar auf. Der Kapitän suchte das Boot mit Scheinwerfern, bis es 200 Meter vor uns auftauchte.

124 verlorene Seelen, erschöpft und gezeichnet von der langen Flucht übers Meer waren auf dem Boot. 32 Stunden waren wir im Dauereinsatz. 675 Menschen retteten wir, es gab keine Toten. Am selben Tag konnten von anderen Schiffen weitere 6000 Menschen im Mittelmeer gerettet werde.

Aktuell sind wir wieder in der Rettungszone, die in etwa so groß wie das Saarland ist. Viele Boote von Hilfsorganisationen sind noch in den Häfen, wir sind alleine im Osten des Gebiets.

Was uns morgen erwartet, wissen wir nicht. Das Sterben im Mittelmeer geht weiter, rund 3000 Menschen sind in diesem Jahr ertrunken. Wir wollen dem ein Ende setzen, die Zahl auf Null reduzieren.

Unser Motto lautet: Für die Rettung zusammenstehen. Die Hilfsorganisationen SOS Méditerranée und Sea-Watch und Ärzte ohne Grenzen leisten Unglaubliches.

Wo andere versagen, wollen wir Europa zeigen, dass es anders geht.

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