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Ich will, dass Europa handelt!

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RESCUE SEA
Stefano Rellandini / Reuters
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1032 Menschen haben wir gerettet, an nur einem Tag

933 Männer, 99 Frauen, davon vier Säuglinge und 251 Minderjährige. Die meisten Menschen kommen aus Eritrea, Somalia und Nigeria. Zusammen sind sie mit anderen vor Hunger, Armut, Gewalt und Folter geflohen. All diese Menschen haben ein gemeinsames Ziel: Libyen zu verlassen.

Ein Land, in dem Frauen und Männer vergewaltigt, verkauft und versklavt werden. Ein Land, in dem ein Menschenleben kaum einen Dollar wert ist. Ein Land, in dem es trotz des Chaos und der Anarchie, Schulen und Infrastruktur gibt. Ein Land, in dem der Staat kaum exerziert. Ein Land, mit dem wir einen Pakt schließen, eine Mauer hochziehen wollen.

Die letzten vier Wochen an Bord der Aquarius haben mich wieder fühlen lassen, warum ich das alles seit zwei Jahren mache. Es sind die Geschichten der Menschen, die mir einerseits Kraft geben, mich andererseits aber auch zornig machen.

Mehr zum Thema: Wir haben in den letzten Wochen 3000 Flüchtlinge gerettet - das ist meine Botschaft an euch

Ich kann Nisreen nicht helfen, ich kann ihr aber zuhören, wahrscheinlich bin ich der einzige Mann, der ihr in den vergangenen 16 Monaten zugehört hat. Nissen ist 21 Jahre alt und aus Marokko.

Vor knapp zwei Jahren ist sie als Hausmädchen nach Libyen gekommen. Und vor 48 Stunden haben wir sie gerettet, als Bootsflüchtling, im Mittelmeer, knapp 16 Meilen vor der Libyschen Küste.

Sie erzählt mir von den Qualen aus Libyen, 14-mal wurde sie verkauft, so glaubt sie sich zu erinnern. Sie weint nicht mehr, ich habe das Gefühl das sie keine Empfindungen mehr hat. Es bleibt ein Körper, der nur noch funktioniert ohne Seele und Leben.

Nissrin blieb am Ende nur noch die Flucht aus einem der berüchtigten "Detention Center". Diese Aufnahmelager werden indirekt durch die Europäische Union finanziert. Warlords und korrupte Libyer sollen dort dafür sorgen, dass die Menschen von Europa fernbleiben - oder anders gesagt: Sie sollen die Drecksarbeit erledigen.

Zwei Tage nachdem wir die 1032 geretteten Menschen auf Anweisung der Maritimen Rettungsleitstelle in Rom nach Kalabrien gebracht haben, treffen sich die Innenminister aus Italien, Frankreich und Deutschland, um darüber zu beraten, wie Italien entlastet werden kann.

Dass Italien entlastet werden muss, das ist uns allen bewusst. Jeder der Aktivisten an Bord der rund zehn NGO-Schiffe weiß, welche Last Italien trägt, und mit welcher Würde Italien die Menschen empfängt - an den Stränden und an den Häfen.

Das ist nicht mein Europa, das ist nicht unser Europa

Nur bedeutet dies im Namen der Innenminister, dass sie die Libysche Küstenwache noch weiter aufrüsten wollen, noch mehr Geld in die "Detenion Center" investieren und noch mehr auf Abschottung setzten wollen. Aber das ist nicht mein Europa, das ist nicht unser Europa.

Es ist eine Illusion zu glauben, dass Mauern und Zäune Menschen aufhalten können zu fliehen. Keine Mauer und kein Zaun wird je Bestand haben. Wenn wir Italien wirklich entlasten wollen, dann muss ein Ruck der Solidarität durch Europa gehen. Dann muss jedem von uns klar sein, dass dies kein regionales Problem ist. Es betrifft uns alle.

Es ist eine globale Frage, die auch eine globale Antwort braucht. Wir müssen es schaffen, den Menschen in ihren Herkunftsländern ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, ihnen Arbeit zu geben. Und gleichzeitig müssen wir den Menschen, die uns erreichen, Obdach und Zuversicht geben.

Am 7. und 8. Juli treffen sich die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer zum G20-Treffen.

Es muss möglich sein, dass wir Migration und Entwicklungspolitik auf einen Nenner bringen, dass wir Nisreen eine Antwort geben können, dass wir sie schützen und aufnehmen, sie integrieren und ihr ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.

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Es muss möglich sein, dem Massensterben ein Ende zu setzten. 2000 Menschen sind allein in diesem Jahr im Mittelmeer ertrunken. Es muss möglich sein, dass wir durch echte und nachhaltige Entwicklungspolitik den Menschen die Chance geben, sich in ihrer Heimat zu entfalten. G20 kann dies ermöglichen.

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Die Staats- und Regierungschefs haben die Macht

Dreißig Minuten vor der Ankunft in Kalabrien hat Nisreen mich gefragt, ob es Hoffnung für sie gibt. Ja, die gibt es. Europa bedeutet Solidarität, habe ich ihr gesagt. Ich hoffe, ich habe Recht.

Denn ich will keine Menschenleben mehr retten müssen, ich will keine Toten mehr zählen, ich will die Geschichten der vergewaltigten und versklavten Frauen in Libyen nicht mehr hören und sehen. Ich will das Europa und die Welt handelt. Jetzt.

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(jz) (kap)

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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