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Flipped Classroom: Hier steht der Unterricht Kopf

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Dank Internet und der Vernetzung unseres Alltags können wir nicht nur mehreren hundert Freunden mit einem Mal mitteilen, was uns gefällt oder die berühmt-berüchtigen Katzenvideos online stellen. Digitale Medien verändern auch unser Bildungssystem:

Ein Lehrkonzept, das in jüngster Zeit immer größere Popularität erreicht, ist der so genannte Flipped bzw. Inverted Classroom. Die grundlegende Idee des „umgekehrten Klassenzimmers" ist simpel: Schüler und Studenten sollen im Unterricht oder der Vorlesung nicht mehr ausschließlich frontal unterrichtet werden. Die in Zeiten, etwa des achtjährigen Gymnasiums oder der Bolognareform, immer kostbarer werdende Zeit mit dem Unterrichtenden soll vielmehr für Fragen zum und zur Vertiefung des Lernstoffes dienen. Dieser wird den Lernenden im Vorfeld der Stunde mit Hilfe von eigenes erstellten Lehrvideos vermittelt: Unterricht und das Erledigen von Hausaufgaben werden praktisch miteinander vertauscht, Präsenzphase und Übungsaufgaben wechseln die Plätze.

Die Idee des umgedrehten Klassenzimmers
Das Konzept des Flipped Classrooms wurde in den USA geprägt. Bereits in den 1990er Jahren experimentierte der Harvard Professor Eric Mazur intensiv mit computergestützten Lehrformen. In den 2000er Jahren wurde der Flipped Classroom durch amerikanische Lehrer und Wissenschaftler maßgeblich weiterentwickelt, theoretisch untersucht und durch Aufsätze und auf Konferenzen einem breiteren Publikum vorgestellt. In Deutschland setzt sich unter anderem die jährlich stattfindende Inverted Classroom Konferenz (ICM), die erstmals 2012 an der Philipps Universität Marburg ausgerichtet wurde, für das Konzept und deren Verbreitung im deutschsprachigen Raum ein.

Der Erfolg spricht für sich
Als einer der Pioniere in Sachen eLearning im deutschsprachigen Raum gilt der Marburger Anglistik Professor Dr. Jürgen Handke, der seine Vorlesungen als Videos aufzeichnet und seinen Studenten online zur Verfügung stellt. Für sein Modell des Inverted Classrooms wurde Handke bereits mit dem 2. Platz des Hessischen Hochschulpreises für Exzellenz in der Lehre ausgezeichnet.

Berücksichtigung des individuellen Lerntempos
Der Vorteil des Inverted Classrooms liegt aber nicht nur in der gemeinsamen Übungszeit, vielmehr kann das individuelle Lerntempo jedes Schülers und Studenten viel stärker berücksichtigt werden. Das Anhalten und Widerholen bestimmter Sequenzen ist bei den Lehrvideos ohne weiteres möglich. Das Medium Video stößt bei Schülern auf große Akzeptanz und kommt denjenigen entgegen, die sich ihr Wissen über visuelles Lernen aneignen.

Durch die direkte Betreuung der Schüler und Studenten bei der Erledigung der Aufgaben, die früher zu Hause gemacht worden wären, soll auch verhindert werden, dass die Lernenden bei einem Problem allein gelassen werden, in Verständnissackgassen geraten und so frustriert aufgeben. Die verstärkte Interaktion zwischen Lehrendem und Lernenden führt zudem dazu, dass der Lehrer oder Dozent ein genaues Feedback auf die Lehrinhalte und deren Darstellung erhält und somit besser überprüfen kann, wie effektiv seine Vermittlungsmethodik ist.

Mehr Demokratie im Unterricht wagen
Einer der interessantesten Aspekte des Konzeptes ist, dass die Lehrkraft in der Stunde nicht mehr das Patent auf den Lehrstoff hat, sondern auch die Lernenden bereits kenntnisreich mitreden können. Lehrer und Dozenten geben dadurch zu einem gewissen Grad ihr Wissensmonopol auf, was eine lebendige und demokratischere Lernatmosphäre auf Augenhöhe ermöglicht. Aber auch der Vertiefung einzelner Themen, die von besonderem Interesse sind, wird Raum gegeben.

Der Unterricht der Zukunft
Welche Zukunft das Konzept des Flipped Classrooms in Deutschland haben könnte, kann man am Beispiel der USA sehen. Dort wird das Konzept von vielen Lehrern und Professoren bereits eingesetzt und es hat sich eine rege Community gebildet. Darüber hinaus wurde der Flipped Classroom als überwiegende Lehrmethode an einer High School in Michigan komplett umgesetzt. Ob der Flipped Classroom sich in Zukunft als technologiefokusierter Bildungstrend entpuppen wird oder nachhaltigen Einfluss auf die hiesige Lernkultur haben wird, wird sich zeigen. Die Chance zu letzterem ist in jedem Fall gegeben.