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Der lange Weg zur Normalität: Was es bedeutet, in einer Migrantenfamilie schwul zu sein

26/05/2017 12:35 CEST | Aktualisiert 22/06/2017 12:05 CEST
Anthony Ocampo

An meinem 18. Geburtstag im Jahre 1999 kam "American Beauty" in die Kinos. Der Film handelt von normalen Menschen, die versuchen, ihrem Alltag zu entfliehen - egal ob das bedeutet, einen langweiligen Mittelklasse-Job zu kündigen, eine anrüchige Affäre in einem billigen Motel zu haben oder mit dem Drogendealer von nebenan herumzumachen.

Für mich war nichts davon erstrebenswert, aber die Botschaft der Films prägte mich tief. Vor allem deshalb, da ich gerade dabei war, erwachsen zu werden.

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AMERICAN BEAUTY (1999), DREAMWORKS PICTURES

"Es gibt nichts Schlimmeres im Leben, als gewöhnlich zu sein"

Irgendwann Anfang 20 bin ich darüber hinweggekommen. Ungefähr zu dieser Zeit wurde mir bewusst, dass ich schwul bin. Und ich fing an, mich nach dem Gewöhnlichen zu sehnen.

Ich war gerade fertig mit dem College und zog zu meiner riesengroßen philippinischen Mehrgenerationenfamilie zurück. Das ist eine Welt, in der ein Familienzusammentreffen von 20 Leute als "klein" gilt und wo Klatsch und Tratsch genauso wichtig sind wie die Liebe untereinander.

In dieser Welt gibt es zwei Dinge, die du von einer Einwandererfamilie erwarten kannst:

  1. Sie wird immer öffentlich dein Gewicht kommentieren
  2. Sie wird dich über dein Liebesleben ausfragen.

Wie ein Uhrwerk haben meine Onkel und Tanten jedes Mal, nachdem sie meinen Cousins und Cousinen und mir gesagt haben: "Tumaba ka" (wortwörtlich: "Du bist fett geworden"), dieselben Fragen gestellt. "Hast du eine Freundin (oder einen Freund)? Wann heiratest du? Wann schenkst du deinen Eltern endlich Enkelkinder?"

Ich war neidisch, dass sie sich über solche Entscheidungen den Kopf zerbrachen

Natürlich war es schon für meine Cousins und Cousinen, die alle hetero sind, eine große Sache, jemanden der Familie vorzustellen. Sogar sie wussten, dass man seine Affäre nicht zur jährlichen Weihnachtsfeier mitbringt.

Da ich aber schwul bin, was meine Familie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war ich neidisch, dass sie sich über solche Entscheidungen den Kopf zerbrechen durften.

Als wir älter und unsere Beziehungen ernsthafter wurden, wurde ich Zeuge davon, wie die Partner meiner Cousins und Cousinen Teil unserer Familie wurden. Sie brachten sie zum Erntedankfest mit, sie hielten Händchen, sie küssten sich: Ihre Liebe wurde gefeiert. Obwohl ich jedes neue Mitglied unserer FamBam-Facebook-Seite liebte, gab es Momente, in denen ich dachte: "Das wird mir niemals passieren."

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Ich outete mich vor meinen Eltern, als ich Mitte 20 war. In einer Einwandererfamilie ist so etwas nicht einfach.

Ich bin Soziologe, und habe nun nahezu zehn Jahre damit verbracht, das Leben von LGBTQ-Kindern aus Einwanderfamilien zu recherchieren. Viele von ihnen (inklusive mir) glaubten, dass sie mit ihrem Coming-Out den Traum ihrer Eltern zerstören würden.

Deswegen versteckte ich mein schwules Dasein - meine Freunde, die Orte, an denen wir herumhingen, und natürlich, mit wem ich gerade ging.

Ich hatte Angst, ihnen von meinem Partner zu erzählen

Mit der Zeit aber hörte ich auf, mein Einwandererleben von meinem Leben als Homosexueller zu trennen, weil es zu anstrengend wurde.

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Als ich ihnen von meinem Partner Joe erzählte, hatte ich zunächst Angst, sie würden meinen Lebensstil nicht akzeptieren, aber ich wollte ihnen die Chance bieten, mein wahres Ich kennenzulernen.

Gerade die alltäglichen, normalen Momente waren es, die mir zeigten, dass meine Eltern und ich uns in die richtige Richtung bewegten.

Der "Verlust" meiner Eltern

In ihrem neuen Buch "Option B: Facing Adversity, Building Resilience, and Finding Joy" spricht Sheryl Sandberg (unterstützt von Co-Autor Adam Grant) darüber, wie gewöhnliche Momente ihr dabei halfen, den plötzlichen Tod ihres Ehemannes zu verarbeiten.

In einem Interview mit NPR sagt Sandberg: "Glück liegt nicht immer in großen Ereignissen. Glück sind eigentlich die kleinen Momente, die unseren Tag mit Freude erfüllen."

Tief in mir drin wusste ich, dass meine Einwanderereltern mit ihrem eigenen "Verlust" zu kämpfen hatten: Dem Traum davon, dass ihr einziger Sohn eine nette Frau heiraten und Kinder kriegen würde. Nur die gewöhnlichen Momente im Alltag halfen ihnen dabei, zu lernen, dass wir selbst in unserem neuen "Normal" Glück finden konnten.

Vor kurzem poppte ein Bild, das ich vor drei Jahren postete, in meinem Facebook-Feed auf:

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Es ist ein Bild von Joe, wie er CDs für meinen Vater brennt, während sie frühstücken. Joe ist zufällig großartig in all den Dingen, in denen ich schlecht bin - Musik herunterladen, Dinge im Haus reparieren oder IKEA-Möbel zusammenbauen.

Es gab einen Punkt in unserer Beziehung, etwa als wir ein Jahr zusammen waren, als meine Eltern aufhörten, mich nach solchen Dingen zu fragen und sich direkt an Joe wandten.

Und nun lebe ich mit Joe und meinen Eltern unter einem Dach

Schon bald fingen sie an, auch Dinge für ihn zu machen. Wenn sie wussten, dass Joe zu Besuch kommen würde, haben sie mehr Essen gekocht.

Wenn sie einkaufen gingen, brachten sie ihm mit, was sie auch mir mitbrachten, aber in einer anderen Farbe. Jedes Mal, wenn sie zur Bäckerei gingen, brachten sie extra ein paar Teilchen für Joe mit, damit er sie seiner Familie geben konnte. Diese alltäglichen Momente häuften sich über die Jahre hinweg und irgendwann sah meine Familie Joe als ein Teil von uns an.

Vor zehn Jahren noch hatte ich Angst davor, vor meiner Familie offen schwul zu sein und nun lebe ich zusammen mit Joe und meinen Eltern unter einem Dach. Als Joes Mutter letzten Dezember starb, beschlossen wir, zu meinen Eltern zu ziehen. Darüber gab es keine große Diskussion, wir wussten einfach, dass es uns wichtig war, bei unserer Familie zu sein. Heutzutage gibt es eine Vielzahl solcher alltäglicher Momente, die ich miterleben darf.

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Ich habe mit meinen Eltern bisher noch nicht über das Heiraten gesprochen, aber das hat für uns momentan auch gar nicht oberste Priorität. Momentan bin ich glücklich mit all den stillen Gesten der Liebe, die niemand anderes so wirklich mitbekommt.

Momente, die heterosexuelle Menschen manchmal als selbstverständlich hinnehmen. Heutzutage bin ich dankbar für den langen Weg, den ich gehen musste, um ein gewöhnliches Leben zu führen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der HuffPostUS und wurde aus dem Englischen übersetzt.

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