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Ich rettete einem schwerverletzten Mann das Leben - und überwand somit meine Depression

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GERMAN AMBULANCE
ullstein bild via Getty Images
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Acht mal hat es geknackst, ich erinnere mich sehr gut daran. Wie eine Puppe hing ich kopfüber, mein Kinn gegen meine Brust gepresst. Ein stechender Schmerz fuhr mir von meinen Ohren den Nacken hinunter und in meinen linken Arm.

In diesem Moment wusste ich, dass meine professionelle Rugby-Karriere vorbei war. Alles, wofür ich gearbeitet hatte, alles, was ich erreicht habe, mein Traum und meine Berufung - alles verloren wegen eines Fouls.

Die darauffolgenden drei Jahre waren dunkel für mich. Ich selbst wurde mein schlimmster Feind und ich versank in einer tiefen Depression. Ich litt an Schlaflosigkeit, Laster und Sucht griffen nach mir. Ich trank zu viel Alkohol, nahm zu viele Drogen und hatte zu viele Frauen.

Ich verlor meinen Lebenssinn und meine Richtung. Ich wusste nicht, warum ich weitermachen sollte - der unverwundbare Rugby-Held war also doch sterblich.

Depressionen sind das komplette Gegenteil von Lebendigkeit, nicht von Glücklichsein. Ich wusste, ich sollte etwas produktives tun, aber ich konnte den Teufelskreis, in dem ich steckte, einfach nicht durchbrechen.

Ein neuer Anfang

Mein Zuhause wurde schnell zu einer Galerie schmerzvoller Erinnerungen an meine gleichermaßen verlorene Karriere und Gesundheit. Also entschloss ich mich dazu, alles hinzuschmeißen und nach Australien zu ziehen, um ein neues Kapitel aufzuschlagen und mich selbst wieder zu finden.

Ich habe alles verkauft und landete drei Wochen später in "Down Under". Um die schmerzhafte Lektion, die mich dort erwartete, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

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Ich begann, als Bauarbeiter in Sydney zu arbeiten und nach monatelanger Schinderei reiste ich weiter zur Halbinsel Melbourne. Das war der Ort, an dem ich die ernüchterndste und erschütterndste Erfahrung meines Lebens machte: Ein verheerender Autounfall direkt vor meiner Haustür.

Zuerst hörte ich das Quietschen der Reifen, dann den eindringlichen Knall der Kollision, gefolgt von dem erschütternden Splittern von Glas auf dem Asphalt. Dann Stille. Ich rannte über die Straße und sah ein Auto, das mit so einer Wucht gegen einen Baum geprallt war, dass der Stamm gefährlich schief über der Fahrerin hing.

Ich musste schnell handeln

Sie erlitt ein so schweres Gesichtstrauma, dass ihr Augapfel aus der Augenhöhle gerutscht war. Ich kramte alles aus meinem Gedächtnis, was ich über erste Hilfe wusste und versuchte, sie zu stabilisieren, aber ich war dem nicht gewachsen.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich dachte, ich könne nicht zulassen, dass sie die Schwere ihrer Verletzungen bemerkt. Also riet ich ihr, sich auf ihre Hände zu setzen und spielte die Wahrheit über ihren gravierend schlechten Zustand herunter, um ihr Mut zu machen.

Auf der anderen Straßenseite befand sich ein altes Vintage-Auto. Der Aufprall muss so mächtig gewesen sein, dass es sich überschlagen hatte und auf dem Dach lag. Benzin floss in Strömen hinaus. In Actionfilmen geht das Auto immer sofort in die Luft, sobald Benzin heraus fließt, deshalb wusste ich, dass ich schnell handeln musste.

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Ich rannte zum Auto. Beim Versuch den Mann im Fahrzeug zu befreien, schlitzte ich mir meine nackten Füße an den Glasscherben auf. Ich habe die Zähne zusammengebissen, mein ganzes Körpergewicht eingesetzt und jedes bisschen Kraft genutzt, die ich in mir fand, aber die Tür ließ sich einfach nicht öffnen.

Mittlerweile hatten sich natürlich auch einige Nachbarn am Unfallort versammelt und mithilfe einer Brechstange haben wir dann zu dritt die Tür aufgestemmt - jedenfalls weit genug für mich. Ich hob ihn hoch und trug ihn einige Schritte von seinem Auto fort.

Der Schädel des Mannes was diagonal gespalten. Ein Krater reicht von seinem Hinterkopf bis hin zu seinem Haaransatz und sein Gehirn war zu sehen. Ich kniete mich vor ihm hin und stützte seinen leblosen Körper auf meinen eigenen und versuchte, seine Wunde zu zu halten.

Dabei atmete ich ganz langsam, um ihn nicht noch panischer zu machen. Ich versuchte, ihn irgendwie zu ermutigen, mit ihm zu reden, um ihn bei Bewusstsein zu halten. In dem Moment war ich auf unheimliche Weise innerlich so ruhig, obwohl ich mich daran erinnere, dieses Gefühl absolut unpassend gefunden zu haben.

Ich wollte einfach nur, dass alle wieder gesund werden. Der Notarzt kam irgendwann und wies mich an, den Kopf und die Wirbelsäule des Verletzten zu stabilisieren, als wir ihn auf die Trage und in den Krankenwagen legten.

Kurz bevor sich die Türen des Wagens schlossen, griff der Mann nach meiner Hand und begann zu weinen. Er dankte mir dafür, dass ich sein Leben gerettet habe.

Jetzt will ich einfach anderen helfen

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es nicht war, der sein Leben gerettet hat, aber trotzdem reichten seine Worte aus, um mich zusammenbrechen und in Tränen ausbrechen zu lassen. Meine Emotionen schnitten mich wie eine Sense entzwei. Mich überkamen Gefühle von Bedauern, Trauer und Schuld.

In den folgenden Jahren veränderte ich mein Leben positiv und, was noch wichtiger ist, die beiden Verletzten haben sich vollständig erholt.

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Zehn Tage nach diesem Vorfall war ich wieder in Großbritannien und schrieb mich in einer Universität ein, um klinische Psychologie zu studieren. In zwei Jahren mache ich meinen Abschluss.

Meine Erfahrung war der Auslöser für mich, eine neue Richtung einzuschlagen. Sie gab mir so viel Elan, mich zu bessern und mich meinen Dämonen zu stellen. Ich habe immer noch schlechte Tage, manchmal auch schlechte Wochen, aber wenigstens habe ich die Kontrolle über mein Leben. Das macht mich unglaublich glücklich.

Am wichtigsten aber: Seitdem ich gesehen habe, wie zerbrechlich und vergänglich das Leben ist, bin ich so dankbar. Jetzt will ich einfach anderen helfen.

Der Beitrag erschien zuerst bei der Huffington Post UK und wurde von Franziska Kiefl übersetzt.

(jz)

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