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Alexander Gauland: Vom nonkonformistischen Intellektuellen zum Rechtspopulisten

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ALEXANDER GAULAND
PHILIPP GUELLAND via Getty Images
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Als Staatssekretär in Hessen Ende der 1980er Jahre galt Alexander Gauland als Mann für den Hintergrund, für die erste Reihe nicht geeignet, so sein damaliger Chef Walter Wallmann (CDU). Mittlerweile scheint Gauland seinen früheren Mentor widerlegt zu haben.

Heute ist er Stellvertretender Sprecher der Alternative für Deutschland (AfD) und Landesvorsitzender der AfD in Brandenburg. Mit 75 Jahren steht er auf dem Zenit seines politischen Erfolges und gilt als Grandseigneur der Bewegung, die rechts von CDU und CSU entstand.

Flirts mit anderen rechtspopulistischen Parteien in Europa ist er nicht abgeneigt. Doch wer ist dieser „freundliche Scharfmacher" (Der Tagesspiegel), der ja seit Beginn der 1970er Jahre als politischer Publizist und seltener Fall eines konservativen Intellektuellen tätig war, der über Jahrzehnte auch vom politischen Gegner geschätzt wurde?

Gibt es in seinem journalistischen Werk Indizien dafür, warum sich dieser ehemalige CDU-Vordenker in einen rechtspopulistischen Politiker verwandelte, also „vom Publizisten zum Populisten" (Die Zeit) mauserte?

Auch bei den Linken wohlgelitten

Gauland schrieb verschiedene Bücher mit Titeln wie „Gemeine und Lords. Porträt einer politischen Klasse", „Helmut Kohl. Ein Prinzip", „Das Haus Windsor" und „Anleitung zum Konservativsein". Er brachte das Kunststück fertig, in den unterschiedlichsten Medien zu publizieren. Er war ein konservativer Publizist, „den auch die Linken lobten" (FAZ).

Seine Artikel, Aufsätze, Porträts und Kommentare erschienen in der linken Tageszeitung und im Sponti-Magazin Pflasterstrand genauso wie im rechtskonservativen Criticón von Caspar von Schrenck-Notzing. Auch in der Frankfurter Rundschau, in der FAZ, in der Welt und im Tagesspiegel wurden seine nonkonformistischen und süffig geschriebenen Beiträge gedruckt.

In den 1989 bei Suhrkamp erschienenen Porträts englischer Denker und Politiker der vergangenen drei Jahrhunderte äußert sich Gauland stellenweise auch zur aktuellen Politik. Geistige Führung sei „keine politische Phrase", schreibt er in „Gemeine und Lords", während er sich von „jener öden Funktionärsherrschaft" abgrenzt, „die sich im 20. Jahrhundert in allen Parteien breitgemacht hat".

Eine gewisse antikapitalistische Grundhaltung und Wendung „gegen die Ökonomisierung des Politischen" wird damals schon deutlich. Heute scheut sich der AfD-Mann nicht, im Wählerlager der Linkspartei zu fischen. Mit einer gewissen gutsherrlichen Attitüde widmet er sich inzwischen als Politiker den „kleinen Leuten", so wie er früher als Publizist ein besonderes Augenmerk auf sie hatte, sozusagen aus der Sicht der englischen Oberschicht.

Im Porträt Churchills könnte man auch ein verstecktes Porträt des AfD-Anführers entdecken, der seit seinem 72. Lebensjahr seinen ersten richtigen politischen Frühling erlebt und öffentliche Auftritte sichtbar genießt: „Doch Churchills Stärke war zugleich seine Schwäche. Seine Lust an der theatralischen Aktion, am großen Abenteuer mehrte bei Freunden wie Gegnern den Verdacht, dass es ihm nicht um Prinzipien, sondern allein um den Auftritt gehe."

Wenn es Gauland vor allem um Prinzipien ginge, dann würde er sich schärfer vom Front National und den dümmlichen Islam-Sprüchen seiner Partei distanzieren. Denn mit der Aussage, dass es keinen Euro-Islam gebe und diese Religion nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sei, ist letztlich eine Kampfansage an alle in Deutschland lebenden Muslime ausgesprochen - egal, wie sie ihre Religion ausüben.

In seinem 2002 erschienenen Essay „Anleitung zum Konservativsein" äußerte sich Gauland noch anders: „Mit dem Islam steht uns nach der Säkularisierung des Westens und dem Untergang des Kommunismus die letzte geschlossene geistige Kraft gegenüber, die wir in ihrem Eigenwert respektieren und der wir ein Recht auf autonome Gestaltung ihres Andersseins zugestehen müssen".

Konstanten im Denken

Das Denken Gaulands weist aber durchaus Konstanten auf. Damals wie heute sind die Feindbilder seines Konservatismus „die zunehmende Ökonomisierung", der „Multikulturalismus" und „die Globalisierung von Markt und Menschenrechten".

Dass die AfD so erfolgreich gerade im Lager der Modernisierungsverlierer fischt (im Osten Deutschlands, bei der Linkspartei und bei der SPD) hängt auch mit Gaulands Denken zusammen, das sich gegen eine reine Marktideologie wendet: „Denn die Eine-Welt-Ideologie, der Traum von einer durch die Globalisierung demokratisch wiedervereinigten Menschheit, ist nicht weniger utopisch und keine geringere Gefahr für die historische Existenz von Staaten und Völkern als der untergegangenen sozialistische Wahn."

Verfassungspatriotismus findet der Autor blutleer. Halt fänden die Menschen in gemeinsamen Glaubensüberzeugungen, ethischen Bedenklichkeiten, Tabus und kulturellen Traditionen, in nationalen Vorurteilen und ethnischen Begrenzungen, traditionellen Lebenswelten und religiösen Tabus. Zuwanderung, so Gauland schon 2002, müsse der „kulturellen Verdauungsfähigkeit einer Gesellschaft" angepasst werden.

Auch Gaulands Amerikakritik ist eine wichtige Konstante. Der Putin- und Russland-Versteher kritisiert einen vermeintlich imperialen Anspruch der amerikanischen Außenpolitik, die multiethnische und multikulturelle Gemeinschaften in Europa durchsetzen wolle.

Viel Verständnis zeigte der westdeutsche Konservative schon in seinem Konservatismus-Büchlein für die Menschen in den neuen Bundesländern, die sich nach der „Heimat DDR" sehnten. Davon profitiere die PDS, die nicht die Schattenseiten des Regimes in der DDR mit Mauer und Schießbefehl erwähnt, sondern daran erinnere, dass die DDR auch „auf ihre autoritäre Weise eine neue Heimeligkeit und Übersichtlichkeit produziert habe".

Genau dies will Gaulands AfD heute all denen in Ost- und Westdeutschland bieten, die sich nach der vermeintlich guten alten Zeit sehnen. Alexander Gauland mag über die Jahrzehnte politisch radikaler geworden sein, was aber auch damit zusammen hängen mag, dass er bis zu seinem 70. Geburtstag mehr oder weniger das eher geruhsame und kontemplative Leben eines Intellektuellen führen konnte, während er seitdem wahrscheinlich mehr Zeit in Talkshows und bei Parteiveranstaltungen als am heimischen Schreibtisch verbringt.

Aber die Grundzüge seines Denkens haben sich nicht gewandelt. Es macht eben einen Unterschieb, ob man sich als freischwebender Intellektueller oder als verantwortlicher Politiker zur Tagespolitik äußert.

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