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Vom Flüchtling, der über das Mittelmeer wollte

16/10/2015 15:58 CEST | Aktualisiert 16/10/2016 11:12 CEST
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Unser Vater im Himmel! Groß ist dein Name und heilig.

Eigentlich ist der Weg doch so kurz. Tariks Blick wandert den mit Kiefern bestückten Abhang hinunter. Das Grün wird immer wieder von bunten Farbtupfern unterbrochen: Plastiktüten, zum Trocknen ausgehängte Schwimmwesten, zerrissene Hemden, löchrige Planen - allesamt kleine Nachtlager, so wie das alte Zelt, vor dem Tarik im Schneidersitz sitzt.

Bald landet sein Augenmerk bei dem grauen Zaun, der sich mächtig in den Himmel streckt. Er will ihn nicht anstarren - nicht schon wieder. Aber Tarik kann nicht anders, sein Blick bleibt an den in regelmäßigen Abständen eingesetzten Pfählen haften, an dem engmaschigen Gitternetz und dem Stacheldraht.

So wie manchmal die kleinen Tiere aus dem Wald am Draht hängen bleiben. Hektisch versuchen sie sich zu befreien - und machen damit alles nur noch schlimmer. Der Draht verhakt sich und reißt Löcher in ihre zarte Haut, die Tiere verbluten in der Hitze. Wenn man schnell genug ist, kann man das tote Tier vom Zaun los schälen und über einem Lagerfeuer grillen. Viel ist es allerdings nicht. Im Wald leben keine großen Tiere.

Hinter dem Zaun, es handelt sich tatsächlich nur um wenige Meter, liegt die Stadt. Der Hafen am Meer. Und die Freiheit. Ein kurzer Weg - und doch so lang. Viel länger als die Flucht aus Kenia, die Wanderung durch karge Landschaften bei glühender Sonne und kalten Nächten. Wenn Tarik das Glitzern des Meeres betrachtet und anfängt zu träumen, hält es ihn kaum in seinem Schneidersitz.

Seine Muskeln spannen sich dann unwillkürlich an, sein Magen krampft sich zusammen, es ist, als wäre jede Faser seines Körpers bereit zum Sprung. Weg von hier. Den Berg hinunter, über den Zaun, hinein in ein Boot und hinein in eine glückliche Zukunft. Der Weg ist so kurz. Aber Tarik muss noch warten. So wie hunderte anderer Männer, die den Berg bevölkern.

Dein Reich kommt, wenn dein Wille geschieht. Auch auf Erden.

Vor wenigen Tagen war ein Geistlicher auf ihrem Berg. Tarik hatte ihn schon von Weitem kommen sehen, ein älterer Herr mit einer großen Plastiktüte. Bald hatte er genug davon, den Mann auf seinem beschwerlichen Weg nach oben zu beobachten. Er hatte sich abgewendet und begonnen zu beten. Das gibt ihm Kraft.

Wenn er betet, ist Tarik für einen kurzen Moment weit weg von seinen Sorgen. Er schwebt hoch über dem Berg, lässt sich vom Wind hin und her schaukeln, lacht über den klein erscheinenden Zaun, den man aus dieser Höhe kaum noch sehen kann. Auch der Hafen ist nicht mehr interessant.

Er lässt sich einfach vom Wind tragen, über das offene Meer, das gespickt ist von kleinen Booten, bis er endlich das Festland erreicht. Dort landet er auf einer grünen, saftigen Wiese, betrachtet die fetten Kühe, lacht aus voller Kehle. Nach einem kurzen Moment der Glückseligkeit marschiert er dann los: Richtung Zukunft.

„Möchten Sie etwas zu essen? Zu trinken?" Die Worte des Priesters hatten Tarik aus seinem Gebet, das sich zunehmend zu einem Tagtraum entwickelt hatte, gerissen. Hatte man nicht einmal hier - auf dem Berg - seine Ruhe? Dann erkannte er den Priester wieder, merkte, dass der Mann nur helfen wollte. „Danke", murmelte Tarik und griff tief in die Tüte, um sich eines der dunkel gebackenen Brote herauszufischen.

Der Priester hatte gesehen, wie Tarik betete und wollte mit ihm darüber reden. Es schien ihm zu gefallen. Doch Tarik hatte keine Lust auf ein langes Gespräch. Er war höflich, weil er das Brot erhalten hatte, blieb aber bei jeder Antwort betont einsilbig. Bald gab der Priester auf und begann, den Berg wieder hinunter zu steigen. Seitdem war er nicht mehr zu ihm gekommen. Wie hätte er Tarik auch weiterhelfen können?

Gute Worte nützen mir hier wenig, hatte er damals gedacht. Während Tarik sein Mittagsbrot verspeist, erinnert er sich an den Priester. Sorgfältig bricht er ein Stückchen nach dem anderen ab - bloß nichts verkrümeln. Er kaut das Brot lange, so lange bis es ganz süß geworden ist, und schluckt es schließlich auf einmal hinunter.

Im Nachhinein ist Tarik dem Priester dankbar. Er isst jetzt den dritten Tag in Folge von dem Brot und hat damit einiges an Ausgaben gespart. Je mehr Geld er übrig hat, desto größer ist die Chance, Zugang zu einem der Boote zu erhalten. Das ist es, was er wirklich braucht. Keine guten Worte, sondern ein Boot. Darauf wartet er hier nun schon seit zwei Monaten.

Gib uns das, was wir brauchen.

„Tarik, ein Neuer!" Mehrere Gestalten brechen plötzlich durch das Gebüsch und laufen auf sein Zelt zu. Schnell lässt Tarik sein Brot in der Tüte verschwinden und platziert es im Erdloch unter dem Stein.

In den letzten Wochen sind viele Neuankömmlinge auf dem Berg gelandet. Sie versuchen, Anschluss an eine der Gruppen zu gewinnen. Das ist schwierig, denn auf dem Berg ist alles im Wandel. Menschen kommen, Menschen gehen. Manche schaffen es auf ein Boot, andere verschwinden nachts, ohne dass jemand Genaueres mitbekommt. Viele geben auf.

Die Leute haben sich angewöhnt, Tarik um Rat zu fragen. Er soll entscheiden, wer in die Gruppe aufgenommen wird - und wer nicht. Mit seinen knapp vierzig Jahren ist Tarik einer der Älteren auf dem Berg. Außerdem ist er schon lange hier und hat mit seiner ruhigen Art Respekt erworben.

„Schau Tarik, der ist gerade angekommen." Tarik mustert den Ankömmling lange. Blutjung, denkt er. Der dunkelhäutige junge Mann, der vor ihm steht, hat aufgeschürfte Knie. Blut fließt langsam hinunter und verfärbt die braunen Stoffschuhe. Es ist nichts Schlimmes, nur eine kleine Wunde. Trotzdem zittert der Mann am ganzen Körper.

Man sieht es deutlich, auch wenn er versucht, es zu unterdrücken. Er hat Angst. Tarik schätzt ihn auf höchstens zwanzig Jahre. Seine blauen Augen glänzen - Angst, vor allem aber die Hoffnung, dass nun endlich etwas geschieht. Dass sich das eigene Leben verändert - auch wenn die Chancen auf einen glücklichen Ausgang äußerst gering stehen.

Tarik kennt diesen Blick. Er nickt: „Okay, er kann bleiben." Hätte er fragen sollen, was der junge Mann hier will? Das, was alle wollen. Hätte er sich nach dem Namen erkundigen sollen? Namen kommen und gehen. Er hat einen ehrlichen Blick, denkt Tarik - das reicht.

Der junge Mann fängt an zu lachen. Erleichterung. Er schüttelt Tarik euphorisch die Hand und beginnt hastig, von sich zu erzählen. Von seiner Flucht, seinem Marsch durch die Wüste. Von den langen Tagen und Nächten. Von seinen Hoffnungen.

Es ist nichts Neues für Tarik, er hat diese Geschichten schon so oft gehört. Er nimmt den jungen Mann beiseite und zeigt ihm einen kleinen Platz in der Nähe, auf dem er sich ein Lager errichten kann. Er erklärt ihm, welche Äste man verwendet, um ein Gerüst zu bauen. Wie man ein Shirt zerreißt, um die Äste zu verknüpfen. Als er in die ratlosen Augen des Jungen blickt, sagt er nur: „Ich helfe dir."

Vergib uns, wenn wir Böses tun und Gutes unterlassen.

Es ist später Abend, als Tarik wieder alleine vor seinem Zelt sitzt. Er hat dem Neuankömmling geholfen - so gut es eben ging. Ohne Werkzeuge und ausreichend Material ist es schwierig, ein Nachtlager zu errichten. Er selber hatte sein Zelt in Kenia gekauft und bis hier her getragen. Tarik ist keineswegs bettelarm. Das muss hier keiner wissen.

Gedankenverloren dreht er sein Mobiltelefon in der Hand. Es ist ein relativ neues Modell mit Solaraufladung, obwohl es schon zahlreiche Gebrauchsspuren aufweist. Die tiefen Kratzer auf dem Handy erzählen von der Reise, genau wie die Verletzungen an seinem Körper.

Tarik denkt nicht gerne zurück an die Wochen seiner Reise. Lieber denkt er an die Zeit davor, an seine Familie, die in Kenia täglich auf ein Lebenszeichen von ihm wartet. Wenn er anruft, versammeln sich alle: Seine Frau und sein kleiner Sohn schieben den Tisch an das Bett seiner Mutter, legen das Handy darauf und lauschen seinen Worten.

Tarik ist ihre einzige Hoffnung. Er weiß das. Tarik soll als Erster die Reise wagen. Wenn er eine Arbeit gefunden hat, kann er jeden Monat Geld in die Heimat senden. Geld, um Medikamente für seine Mutter kaufen zu können. Und Geld, damit seine Familie ihm nachreisen kann in ein freies Leben. Schlimmer als die Angst, im Schlaf überfallen zu werden, ist die Angst vor dem eigenen Versagen. Die Angst, es nicht hinüber zu schaffen. Kein Geld senden zu können.

Nachts liegt Tarik mit offenen Augen in seinem Zelt und denkt über seine Situation nach. Er will nicht einschlafen, denn dort, im Traum, jagen ihn stets die gleichen Bilder.

Von Frauen, die nicht mehr die Kraft aufbringen, weiterzugehen, und denen man den Schmerz und die Trauer darüber am Gesicht ablesen kann. Von jungen Männern, wie dem Neuankömmling, die sich abgemergelt immer weiter kämpfen, ihre Hoffnungen nicht begraben wollen und jede Nachricht von Zäunen, Mauern oder neuen Toten auf dem Meer einfach ignorieren.

Und vor allem träumt er von den Kindern, die vor lauter Hunger ganz still werden. Man hört ihren Hunger nicht, man sieht ihn nur in ihren Augen. Ein hungernder Kinderkörper spart intuitiv Kraft, indem er in einen dösigen Dauerzustand verfällt. Jedes Schreien kostet Energie. Energie, die doch zum Überleben benötigt wird.

Behutsam dreht Tarik sein Handy in der Hand. Runde um Runde. Die Gedanken verfolgen ihn, lassen ihn nicht los. Er hat seinen Proviant auf der Reise mit niemandem geteilt. Es gibt nur eine begrenzte Zahl von Plätzen auf dem Boot.

Es wird Zeit, zu Hause anzurufen. Sie werden fragen, wie es ihm geht. Er - wird lügen.

So wie auch wir denen verzeihen wollen, die an uns schuldig geworden sind.

Plötzlich hört Tarik Stimmen. Freudenrufe, ein Lachen. Schnell murmelt er ein „Ich liebe euch, bis bald" ins Telefon, schon hat er es geschickt in seiner Hose versteckt, in die seine Frau ein Geheimfach genäht hat. Mitglieder seiner Gruppe rennen über die Lichtung. Hinter ihnen erscheinen fremde Männer, die saubere Hemden und schwarze Lederschuhe tragen. Sie bleiben am Rand der Lichtung stehen. „Wir haben ein Boot, Freunde haben es uns geschickt", ruft ihm seine Gruppe zu. „Komm Tarik, komm!"

Er überlegt kurz - das Wort Boot elektrisiert ihn. „Wer sind diese Leute?" fragt er, während er der Gruppe entgegenläuft. „Woher kennt ihr sie?"Aufgebracht reden alle auf ihn ein. Sie sind zu siebt aus seiner Gruppe, fünf Männer, zwei Frauen. Der Neuankömmling ist nicht dabei.

Ihre Augen glitzern. „Sie besitzen ein Boot." „Ein gutes Boot", betont jemand. „Ein Boot, bei dem der Motor nicht sofort abstürzt", ergänzt ein anderer. „Sie haben kurzfristig Platz für uns." Tarik kann es nicht glauben. Die Möglichkeit zur Überfahrt, endlich ist sie in greifbarer Nähe. Er beginnt zu überlegen, was er alles für die Seefahrt organisieren muss. „Wann ist der Termin?"

„Nein, Tarik, nein", rufen alle. „Wir müssen augenblicklich los, sie fahren jetzt." Das überrascht Tarik. Er hat gehört, dass die Überfahrten viele Tage lang von den Schleppern geplant werden. „Dein langes Nachdenken hilft dir dieses Mal nicht weiter", meint jemand, der Tariks Stirnrunzeln bemerkt. „Jetzt wird endlich gehandelt, Tarik!"

Die Verlockung ist zu groß. Tarik denkt jetzt nicht mehr, er rennt. Rennt zu seinem Zelt, um seine Habseligkeiten zu holen. Hebt den Stein hoch, um an die Tüte mit dem Essen zu gelangen. Befühlt seine Hose, ob das Mobiltelefon fest eingesteckt ist. Dann geht es los.

Die Gruppe folgt den zwei Männern durch den Wald. Die Bootsbesitzer hatten sich kurz vorgestellt, jetzt schweigen sie. Ganz anders Tariks Gruppe. Die Männer und Frauen strahlen unentwegt, sie stupsen sich gegenseitig an, manchmal lachen sie laut auf, obwohl sie leise sein sollen.

Tarik versucht sich zu beherrschen, aber auch er kann nicht anders: Er muss lächeln. Seine Hoffnungen werden endlich Realität. Die Gruppe steigt den Berg hinunter, den Weg, den Tarik schon so viele Male gegangen ist - zu Fuß, und noch viel öfter in seinen Gedanken. Es ist ein wirklich kurzer Weg, denkt Tarik.

Am Straßenrand warten zwei schwarze Autos. Tarik kennt sich mit Autos nicht aus, aber sie sehen sehr elegant aus. Und teuer. Die beiden Führer steigen ein, die Gruppe folgt. Die Fahrzeuge wenden und fahren Richtung Süden. Die Boote liegen auf der anderen Seite, erklären die Fahrer. Damit man sie von der Stadt aus nicht sehen kann.

Tarik lehnt sich zurück, sein Rücken schmiegt sich in die Ledergarnitur des Autos. So muss sich die Freiheit anfühlen, denkt er. So bequem fahren sie alle auf der anderen Seite des Meeres. Tarik spürt, wie sich die monatelange Spannung in Euphorie verwandelt.

Abrupt quietschen die Reifen, die Autos bleiben stehen. Sein Sitznachbar schaut Tarik fragend an. Sind sie schon beim Boot? Noch während Tarik überlegt, ob er schnell das Auto verlassen soll, dreht sich der Fahrer ihres Wagens mit hasserfüllter Fratze zu ihnen um. „Aussteigen!", brüllt er. In der Hand hält er eine Pistole und zielt abwechselnd auf die Köpfe der Männer und Frauen.

Erschrocken verlassen alle mit erhobenen Händen das Automobil. Draußen steht schon der Rest ihrer Gruppe. Auch der andere Fahrer hat eine Waffe. „Ausziehen!", ruft er. Tarik knöpft langsam sein Hemd auf und schaut sich verstohlen um. Die Autos stehen in einer engen Bucht, ein Boot ist nicht in Sicht. Außer ihnen ist niemand hier. Wegrennen würde den Tod bedeuten. Als er seine Hose zu Boden gelassen hat, spürt er plötzlich einen dumpfen Schmerz auf seinem Hinterkopf. Dann fällt er um.

„Danke", sagt Tarik zu dem Neuankömmling, der ihm einen Verband um den Kopf gewickelt hat. Er weiß nicht, wie der junge Mann an den Verband gekommen ist - und es interessiert ihn auch nicht. Er steht langsam auf, das Pochen in seinem Kopf ist noch immer da. Es ist spät in der Nacht.

Als er und die anderen Männer aufwachten, war von den Autos und den beiden Frauen nichts mehr zu sehen. Das Geld, ihre Kleidung - man hatte ihnen alles weggenommen. Tariks Handy war ebenfalls verschwunden. Poch, Poch. Tarik setzt sich wieder vor sein Zelt und lässt den Blick über die Kiefern gleiten, über den Hang hinunter zur Straße, die zur Stadt und zum Hafen führt. Ein kurzer Weg - der jetzt unendlich lang erscheint.

Er kniet nieder und beginnt zu beten. Es ist ein kurzer Moment des Glücks. Mehr ist momentan nicht zu erwarten.

Und mach uns frei, wenn es Zeit ist. Von den Übeln dieser Welt.

"Lasst endlich niemanden mehr rein": Hier rechnet ein Flüchtling mit Merkels Willkommenskultur ab

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