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Rezension zu "Totgeliebt" von Andreas Klaene

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Am Morgen des 21. Juni 1994 erscheint eine kleine, zierliche Frau um die 50 auf dem Polizeirevier im ostfriesischen Brooksiel. Ihr Äußeres ist gepflegt und sie wirkt keineswegs gewalttätig. Dennoch gibt sie gegenüber dem diensthabenden Beamten an, in der gemeinsamen Wohnung gerade ihren Mann mit Schüssen aus dessen Revolver getötet zu haben.

Auf Nachfrage erklärt sie ruhig und bereitwillig, dass ihr Name Karin Krogmann und sie 52 Jahre alt sei. Weiter sagt sie: "Mein Mann hat mich wegen einer anderen Frau verlassen. - Nach fast dreißigjähriger Ehe, die immer glücklich und harmonisch war." (E-Reader, Posl 61).

Tatsächlich finden die Beamten im Bad der genannten Adresse die Leiche von Konstantin Krogmann, einem seit 3 Monaten pensionierten Oberstleutnant, Bundeswehr-Jetpiloten und Fluglehrer. Auf einem Tischchen im Flur liegt, wie von seiner Frau angegeben, die Tatwaffe.

Im Verhör bittet die erschöpft und deprimiert wirkende mutmaßliche Täterin, alle erforderlichen Fragen zu stellen, gibt in den nächsten Stunden bereitwillig über ihr Leben Auskunft und charakterisiert den Getöteten als "ungeheuer liebevollen, fürsorglichen und guten Ehemann (...), der mich immer an seinem wunderbaren Leben hat teilnehmen lassen. (...) Und ich bin immer davon ausgegangen, dass auch er glücklich ist." (E-Reader, Pos. 181).

Wie also konnte es zu dieser Tat kommen? Der Roman erzählt das Leben von Karin und Konstantin Krogmann und schildert eine Beziehung, die über fast 30 Ehejahre schleichend in eine Katastrophe führt.

Resümee:
Der Journalist Andreas Klaene hat Zugang zu der Frau gefunden, die in dem Buch Karin Krogmann genannt wird. Ihm hat sie sich geöffnet und nicht nur aus ihrem Leben erzählt, sondern auch einen Einblick in ihre Seele gewährt. Er schreibt: "Totgeliebt ist als Tatsachenroman ein Beitrag zur Psychologie des Verbrechens." (Homepage A.K.)

Sein Ziel ist es, aufzuzeigen, was eine geachtete, ehrenwerte Frau zum Mord an ihrem Ehemann treibt, obwohl sie die Beziehung bis zum Schluss nie gefährdet gesehen hat.

Der Autor schildert zunächst das durch viele Umzüge geprägte Leben der 1942 unehelich geborenen Karin bis zur ersten Begegnung mit dem ein Jahr jüngeren Konstantin. Bereits jetzt steht für ihn, der bald sein Abitur machen und danach die Offizierslaufbahn einschlagen wird, fest, dass Karin die geeignete Ehefrau für ihn ist.

Im weiteren Verlauf bekommt der Leser bald eine vage Ahnung, dass die Beziehung der beiden in eine Katastrophe münden könnte:

Konstantin ist auf der einen Seite ein charmanter, liebenswürdiger Sonnyboy mit exzellenten Manieren, der sich in Gesellschaft wohlfühlt und auflebt. Auf der anderen Seite sehen wir in ihm einen disziplinierten Offizier mit klaren Zielen und hohen Ansprüchen an sich und andere. Der Leser erfährt in einzelnen Situationen, dass es dem Mann vorrangig um die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse geht und es ihm oft an Empathie mangelt.

Karin sucht nach einer bewegten Kindheit und Jugend nach einem festen Halt, nach einer starken Eiche zum Anlehnen, wie sie sagt. In Konstantin glaubt sie den idealen Partner gefunden zu haben. Bedingungslos lebt sie fortan sein Leben und sieht ihre oberste Aufgabe darin, ihm bei der Verwirklichung seiner beruflichen Ziele zu helfen. Dabei scheut sie vor übertriebener Bemutterung und Bevormundung nicht zurück. Gelegentlich überschreitet sie auch Grenzen, wenn sie - in bester Absicht - über Konstantins Kopf hinweg Alleingänge unternimmt.

Als attraktive (Sexual-) Partnerin tritt sie für ihren Mann zu dessen Bedauern immer mehr in den Hintergrund.

Beide geben nach außen das Bild eines harmonisch miteinander lebenden Paares ab - und zumindest Karin ist davon überzeugt, eine glückliche Ehe zu führen. Für Konstantins zunehmende aushäusige Aktivitäten findet sie immer Erklärungen, die in ihr heiles Bild passen.

Als er sie dann wegen einer anderen Frau verlässt, verliert sie ihren Lebensinhalt, und als er sie aus einer Situation heraus als egoistisch beschimpft, generalisiert sie, ist fassungslos und dreht durch.

Der Reiz dieses ungeheuer fesselnden und spannenden Tatsachenromans liegt unter anderem darin, dass das Ende vorweggenommen wird. Der Leser ist also gespannt auf die Entwicklung der Beziehung, die sich nach anfänglichem Glück schleichend so verändert, dass sie nach ca. 3 Jahrzehnten in einer Katastrophe endet.

Der Jurist, Publizist und bekannte Strafverteidiger Rolf Bossi (1923 - 2015) hat ein sehr interessantes Nachwort zu dem Buch geschrieben. Er nimmt darin zur Situation straffällig gewordener Frauen und deren Verurteilung durch die Gerichte Stellung.

Hinweis: Dies ist die Neu-Auflage des gleichnamigen Romans aus dem Jahr 2007.

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