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Rezension zu "Superbias Lied" von Henning Schöttke

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Bianca (Jahrgang 1967) wächst bei ihrer Großmutter Frieda auf und erkennt schon früh, dass sie offenbar anders ist als ihre Altersgenossen; denn im Gegensatz zu diesen sinniert sie viel über das Leben und die Welt.

Ihre Mutter ist tot, Vater Benny ein drogenabhängiger Straßenmusiker, der sich nur selten blicken lässt. Als er nach Ende ihrer Grundschulzeit wieder einmal mit seinem alten VW-Bus auftaucht und sie diesmal mitnimmt, denkt sie sich nicht viel dabei - schließlich haben ja die Sommerferien gerade begonnen.

Doch das Leben des Mädchens ändert sich völlig, denn Vater und Tochter touren fortan als Straßenmusiker durch Südeuropa.
Zur Schule geht Bianca nicht mehr, beschäftigt sich jedoch täglich mit ein paar Lehrbüchern, die Benny eingepackt hat. Sie fühlt immer deutlicher, dass es ihre Bestimmung ist, das große Rätsel des Seins mit all seinen Facetten zu lösen.

Doch ihr Lebensweg geht in eine andere Richtung:
Die Musik fällt ihr leicht, sie lernt schnell, bekommt viel Lob und Bestätigung.
Als Bianca 15 Jahre alt ist, stirbt ihr Vater bei einem Autounfall. Sie ist auf sich allein gestellt, spielt in einer Band und studiert, nachdem sie das Abitur gemacht hat, Semiotik, die Wissenschaft der Zeichensysteme.

Schließlich gründet sie ihre eigene Band, erlangt immer größere Berühmtheit und wird zum anerkannten Star in der Musik-Szene. Aber auch als Malerin und Bildhauerin macht sie sich einen Namen, veröffentlicht einen Roman und ist an Filmprojekten maßgelblich beteiligt.

Ihre Familie - Bianca hat inzwischen einen Mathematiker geheiratet und 3 Kinder bekommen - kommt dabei viel zu kurz. Es fällt ihr schwer, kürzer zu treten, sie fühlt sich getrieben. Auch nachdem sie auf der Bühne einen Schwächeanfall erlitten hat, ist sie weiterhin süchtig nach der Bestätigung, berühmt zu sein, braucht bei jedem Auftritt die Bewunderung des Publikuns, genießt das Gefühl geliebt und anerkannt zu werden - genau wie Vater Benny es für sich selbst gewünscht hatte.

Als Bianca mit ca. 45 Jahren die Umstände über den Tod ihrer Mutter und mehr zu deren Person erfährt, muss sie erkennen, dass sie die Rätsel der Welt lösen wollte, die eigenen aber nicht gesehen hat.

Resümee:
Nach "Gulas Menü" (2011), "Acedias Traum" (2013) und "Luxurias Glück" (2015) ist dies der 4. Roman Henning Schöttkes zur Todsünden-Reihe. Er spielt zeitlich parallel zu den anderen und dreht sich um Superbia.

Einerseits bezieht sich dieser Name auf die Protagonistin Bianca - von ihrem Vater liebevoll Bia genannt -, die auf Grund ihres großen Talentes bereits zu Beginn ihrer Musik-Karriere zu "Super-Bia "avanciert. Unter dem Künstlernamen "Superbia" wird sie später eine berühmte Rock- und Popsängerin.

Andererseits ist Superbia eine der 7 Todsünden und steht für Hochmut, Stolz, Eitelkeit, Übermut. Daraus resultiert gleichzeitig ein Mangel an Demut respektive Bescheidenheit, wenn jemand entgegen alle Vernunft nicht erkennt oder akzeptiert, dass es Dinge gibt, die für ihn unerreichbar sind.

So muss Bianca mit ca. 45 Jahren feststellen, dass sie ihrer vermeintlichen Bestimmung, die großen Rätsel des Seins bzw. der Welt zu entschlüsseln nicht gerecht werden konnte, sie ihre Fähigkeiten maßlos überschätzt hat. Mehr noch: Bis zu diesem Zeitpunkt konnte sie nicht einmal das Rätsel ihres eigenen Lebens lösen - vielleicht, weil ihr der Abstand fehlte, sie ihr eigenes Ich und den beruflichen Erfolg zu stark in den Mittelpunkt stellte: "Ein Leben lang hat Bianca sich mit Fragen des Seins beschäftigt, doch den Schlüssel zu ihrem inneren Selbst hat sie nicht gesehen. Obwohl sie ihn direkt vor Augen hatte." (E-Reader Pos. 4230).

In dem Roman sind ein paar direkte Hinweise zur Todsünde "Superbia" in Bezug auf Biancas großen beruflichen Erfolg zu finden:
Unmittelbar vor einem Auftritt, in der Gewissheit eines jubelnden Publikums, bilden die Bandmitglieder in übermütiger Stimmung einen Kreis und schreien: "Wir rocken sie! (...) Hochmut, Eitelkeit und Stolz." (E-Reader Pos. 3119)

Und bei der Rast an einer Gaststätte gesteht eine Kellnerin Bianca: " 'Bäume wachsen nicht in den Himmel' (...) das ist eine der Weisheiten meiner Mutter, oder 'Hochmut kommt vor dem Fall'. Aber das ist nicht wahr. (...) Ihre Musik hat mir gezeigt, was mit der Macht der Phantasie zu erreichen ist." ( E-Reader Pos. 3259)

Der Roman über Super-Bias Leben ist analog zum Titel des Buches wie ein Lied aufgebaut:

• Im kurzen Intro (1977) erfahren wir, dass Bianca bei ihrer Oma aufwächst, nach der 4. Grundschulklasse eines Tages jedoch von ihrem Vater Benny mit seinem alten VW-Bus abgeholt wird.

•Die Erste Strophe (1979 - 1982) schildert das Leben von Vater und Tochter als Straßenmusiker bis zu Bennys Unfalltod.

•Die Zweite Strophe (1986 - 1990) umfasst die Jahre, in denen Bianca zunächt als Mitglied in Dr. Jacks Band spielt und Semiotik studiert, bevor sie ihre eigene Band gründet und schließlich ein Star wird.

•Im Refrain (1992), mit 25 Jahren, erinnert sich die junge Frau an ihren Vater und verarbeitet das Andenken.

•Die Dritte Strophe (1995 - 2004) beschreibt sie privat als Ehefrau und Mutter, beruflich als Popsängerin, Malerin, Bildhauerin, Autorin und Planerin von Filmprojekten. Sie schildert ihre fiebrige Getriebenheit und den Zusammenbruch.

•Der Refrain (2012) ist wieder eine Art Rückblende, diesmal ihre Mutter betreffend. Er schließt mit einer grundlegenden Erkenntnis Biancas ab.

Wie seine Vorgänger bietet auch dieser Roman ein Extra zum Thema:
Im Anhang ist Superbias Lied (Titel!) abgedruckt, das Bianca getextet und komponiert hat. Es entspricht daher inhaltlich bewusst nicht 1:1 dem Buch des Autors.

Jedem Kapitel ist ein Zitat berühmter Persönlichkeiten vorangestellt.
Außerdem finden Protagonisten aus den bereits genannten Erbsünde-Romanen Erwähnung - z. B. die Journalistin Acedia aus "Acedias Traum", die Bianca für eine Zeitung interviewt, sowie Marion und Kalle aus "Luxurias Glück". Es entspricht der Intention des Autors, dass sich alle Lebensgeschichten berühren und gegenseitig beeinflussen.

Fazit:
Dies ist ganz zweifelsohne ein unterhaltsamer, spannender Roman über das Leben einer von ihrer Kunst getriebenen Frau. Aber er regt auch zum Nachdenken über die eigene Einstellung zum Leben an:
Überschätzen wir nicht manchmal unsere Fähigkeiten, wenn wir hochmütig "nach den Sternen greifen"?
Glauben wir nicht zu oft, die Probleme dieser Welt lösen zu können, sehen dabei aber unsere eigenen nicht respektive schaffen es nicht, diese in den Griff zu bekommen?
Liegt das möglicherweise daran, dass wir uns um der beruflichen Karriere willen getrieben fühlen, statt uns selbst einmal in Ruhe mit dem nötigen Abstand zu berachten?

Ein Buch, das lange nachhallt!

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