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Rezension zu "Scherbenkind" von Britt Reißmann

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In der Funkzentrale des Stuttgarter Polizeipräsidiums geht ein anonymer Anruf aus einer Telefonzelle ein: Ein Mädchen behauptet, den Mörder eines bislang nicht identifizierten Toten zu kennen. Dieser wurde vor 2 Jahren nackt und mit eingeschlagenem Schädel in einer Kleingarten-Anlage gefunden. Noch bevor die Anruferin nach Details gefragt werden kann, legt sie auf.

Kriminalhauptkommissarin Verena Sander, die den alten Fall wieder aufrollen will, macht sich auf die Suche nach dem Kind - erfolglos.

Nahezu zeitgleich wird ihr Kollege zu einer weiblichen Leiche gerufen:
Eine Jugendliche hat sich mit einem Teppichmesser die Halsschlagader aufgeschnitten.

Schon bald haben die Ermittler die vage Vermutung, dass es eine Verbindung zwischen den Fällen gibt. Ihre drängendsten Fragen sind, was die junge Frau in den Selbstmord getrieben hat sowie wer und wo die anonyme Anruferin ist.

Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand, welcher kaum vorstellbaren Tragödie sie auf die Spur kommen werden.

Resümee:
Das zentrale Thema dieses Romans ist eine Persönlichkeitsstörung, zu der Britt Reißmann eine sehr intensive Recherche betrieben haben muss, die sie sicher selbst manchmal an die Grenze des Vorstell- und Belastbaren gebracht hat. Sehr anschaulich und verständlich wird die Krankheit durch Verena Sanders Freundin, die Psychologin Hannah, erklärt - jedoch leider erst in genau der Mitte des Buches!

Bis dahin war ich bei etlichen Abschnitten der Handlung am Verzweifeln, weil ich sie einfach nicht verstand, mir trotz aller Spekulationen auf viele Situationen und das Verhalten einiger Akteure keinen Reim machen konnte - und auch gar keine Chance hatte, wie die späteren Erklärungen zeigten.

Das war extrem frustrierend, und ich war nicht nur einmal geneigt, das Buch "ad acta" zu legen. Im Nachhinein - aber eben leider erst dann! - macht diese Anlage des Plots Sinn, symbolisiert er doch die innere Zerrissenheit, um nicht zu sagen den "wirren" Zustand der Protagonistin.

Würde ich jetzt mit dem Wissen um deren spezielle Persönlichkeitsstörung die ersten 225 Seiten noch einmal lesen, würde dies sicher mit Genuss geschehen.

Nichtsdestotrotz hat sich das Durchhalten gelohnt, denn nach Hannahs Erklärung wird die Handlung richtig interessant und spannend und erfährt bis zum Schluss einen kontinuierlichen Anstieg der Dramatik. Mit dem nötigen Wissen versteht man nun - ebenso wie Verena Sander - bestimmte Situationen und das Verhalten der Hauptakteurin immer besser. Auch dieses Verständnis erfährt bis zum Schluss bei der Kommissarin und beim Leser eine Steigerung.

Denn Verena Sander gelingt der Umgang mit der Kranken immer besser, und ich habe der endgültigen Lösung regelrecht entgegengefiebert.
Diese war dann sehr konkret und logisch, aber im doppelten Sinne kaum zu fassen, zumal das Geschehen noch eine teuflische Wende erfuhr.

Der Buchtitel ist hervorragend gewählt: Die Protagonistin ist eine zerbrechliche / zerbrochene Persönlichkeit, deren Teile ein Ganzes bilden. Nicht nur ihr Innerstes, sondern ihre gesamte Welt liegen in Scherben - ihr Leben ist zerbrochen.

Fazit:
Jedem, der mit der ersten Romanhälfte verzweifelt, kann ich nur raten durchzuhalten - es lohnt sich! Bevor er aufgibt, möge er lieber einen Exkurs zu den Ausführungen von Verenas Freundin Hannah auf Seite 225ff einschieben.

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