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Rezension zu "Marlene" von Hanni Münzer

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Anna von Dürkheim, die sich als Widerstandskämpferin im 2. Weltkrieg Marlene Kalten nennt, kennen viele Leser bereits aus dem Buch "Honigtot" (2014). Dies ist die Fortsetzung der dort geschilderten Ereignisse mit Marlene als Hauptperson.

Im Dezember 2012, sie ist mittlerweile 93 Jahre alt, treffen sich Familienmitglieder und Wegbegleiter in ihrem Haus in Krakau-Kazimierz. Denn nach langem Zögern hat sie schließlich beschlossen, ihre Geschichte zu Papier zu bringen und will diese den Anwesenden vorstellen.

Ihre Aufzeichnungen beginnen am 21. Juli 1944, einen Tag nach dem missglückten Stauffenberg-Attentat auf Adolf Hitler:
Marlene steht vor dem durch Bomben völlig zerstörten Haus am Münchener Prinzregentenplatz 10, wo ihre Freundin Deborah - ebenfalls eine Widerstandskämpferin - und deren Bruder Wolfgang gewohnt haben. Sie ist überzeugt, dass beide tot sind, und entschlossen, die gemeinsam begonnene Arbeit allein fortzusetzen.

Immer wieder riskiert sie in der Folgezeit "für die Sache" ihr Leben, erlebt und sieht viel Schreckliches, kämpft jedoch mutig und engagiert ohne Schonung ihrer Person weiter für Verfolgte und gegen die Nazis.

Sie findet ein paar - auch über den Krieg hinaus - treue Weggefährten und verliebt sich in einen Mann, der sich für den Schutz von Kindern einsetzt. Eines Tages wird sie vor eine ihrer schwersten Entscheidungen gestellt.

Auch nach Ende des Krieges muss Marlene viel für sich, ihre Familie und Freunde kämpfen und engagiert sich für Frieden, Menschenrechte und Freiheit.

Die Aufzeichnungen enden im Jahr 1995.

Resümee:
Diese mehrere Generationen umfassende Familiensaga ist den mutigen Widerstandskämpferinnen des 2. Weltkriegs gewidmet. Stellvertretend für sie erleben wir Marlene als starke, couragierte Frau, die für den Frieden kämpft und für die unter den Nazis leidenden Menschen immer wieder ihr Leben riskiert.

Dabei ist es oft kaum vorstellbar, welche Kräfte sie entwickeln, was sie "um der Sache willen" alles an physischen und psychischen Grausamkeiten ertragen kann. Es ist nicht verwunderlich, dass sie im hohen Alter das Gefühl hat, ihr Leben habe zum Großteil nur aus Kampf bestanden.

Durch "Kriegssplitter", Zitate, Gesprächs- und Briefausschnitte u.a., bekommt der Leser viele Hintergrundinformationen. Diese sind zwar außerhalb der Romanhandlung eingefügt, jedoch unerlässlich, denn " 'Marlene' ist zwar nur ein Roman, dennoch ist er das Echo wahrer Begebenheiten." (aus dem Nachwort der Autorin).

Viele Überlegungen der - übrigens hervorragend gezeichneten - Akteure zu Situationen und Ereignissen regen zur eigenen gedanklichen Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema an.

Dem gesamten Werk liegt eine umfassende Recherche der Autorin zugrunde, sei es an Originalschauplätzen, durch das Studium von Zeitdokumenten, Sachbüchern und Biografien oder das Treffen mit Zeitzeugen.

Der Leser erkennt, dass der Krieg uns alle bis in die Gegenwart hinein beeinflusst und das Schicksal die Menschen miteinander verbindet.
Denn "Das Schicksal war ein Kreis, und egal, welche Richtung man einschlug, am Ende würde er sich doch immer wieder schließen." (Position 6083, E-Reader).

Ein Kritikpunkt sei angeführt:
Es war für mich sehr schwer, in den Roman hineinzufinden, da in den ersten 5% (entspricht ca. 25 Printseiten) - nämlich bevor Marlenes Erinnerungen beginnen - eine Fülle von Namen alter und neuer Weggefährten Marlenes auf den Leser einstürzen.

Viele traten entweder in "Honigtot", dem 1. Band der Saga, oder in dem Buch "Solange es Schmetterlinge gibt" (2015) auf. Selbst wenn man beide Bücher gelesen hat, kann man die Rollen der einzelnen Personen und deren Beziehung zueinander unmöglich noch parat haben. Ein Glossar wäre hier sehr hilfreich, um nicht zu sagen für Neueinsteiger unbedingt erforderlich.

Fazit: ein monumentales Werk, ein Plädoyer für den Frieden.

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