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Rezension zu "Jacques: Erinnerungen eines Callboys" von Valerie le Fiery

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An einem trüben Regentag hat Callboy Jacques viel Zeit, denn erst am späten Abend wird er von einem extravaganten Kunden in der Suite eines Luxushotels erwartet. Er ist grüblerisch, was mit Sicherheit auch daran liegt, dass er kurz zuvor die Nachricht vom Tod seines sehr guten, fast gleichaltrigen Freundes Sven erhalten hat.

Immer wieder schweifen seine Gedanken in die Vergangenheit zurück.
Er erinnert sich an die Pubertät, als er noch Johannes - genannt Hannes - Neubert hieß und sich zum Leidwesen seines Vaters mit fast 14 Jahren noch immer nicht für Mädchen interessierte.

Als mit Paul eines Tages ein neuer Mitschüler in die Klasse kam, entdeckte Hannes, dass er schwul ist und erlebte mit Paul seine große Liebe.

Doch weder von den beiden Vätern, noch von Klassenkameraden und Schulleitung wurde die homosexuelle Beziehung akzeptiert, Hannes und Paul räumlich getrennt.

Nach dem Tod der Mutter und seinem Schulabschluss flüchtete Hannes aus einem unerträglich gewordenen Zuhause nach Hamburg, war zunächst obdachlos und verdiente das zum Überleben nötige Geld als Strichjunge. Schließlich kam er bei Sven unter.

Bis er sich Jacques Léron nennt, der in einer Luxuswohnung lebt und sich als gefragter Callboy seine meist spendablen Kunden aussuchen kann, ist es ein weiter Weg.

Der Regentag endet für ihn nicht wie geplant und zwingt ihn in der Folge, über seine Zukunft nachzudenken.

Resümee:
Wie der Titel bereits sagt, handelt dieser Roman von Jacques' Erinnerungen. Sie beginnen in Hannes Neuberts Pubertät mit knapp 14 Jahren - zu einer Zeit, als Homosexualität noch als Krankheit und Schande für die Familie galt. Heute ist er 36 Jahre alt, nennt sich Jacques Léron und ist ein gefragter Callboy der Upperclass.

Valerie le Fiery beschreibt sein Leben in markanten Episoden, die ihn geprägt haben. Dies geschieht mit sehr viel Einfühlungsvermögen und menschlicher Wärme, nie voyeuristisch oder schwülstig. Die jeweiligen Ereignisse sind ungemein lebendig und spannend erzählt, enden oft mit einem Cliffhanger, sodass man das Buch kaum aus der Hand legen kann.

Hannes bzw. Jacques war mir in allen Etappen seines Lebens ebenso sympathisch, wie die Wegbegleiter, die ihn akzeptiert, geliebt und unterstützt haben.

Dass der Schluss offen bleibt, fand ich zunächst schade. Wir erfahren z.B. nicht, ob Jacques seine große Liebe Paul wiedertrifft, ob sie ggf. wieder zueinanderfinden und ob er seine Zukunftsvorstellungen realisieren kann.
In einem Nachwort hat die Autorin ihre Entscheidung für diesen Ausklang jedoch einleuchtend begründet. Kurz: Sie wollte ganz bewusst auf ein konstruiertes Happy End verzichten.

Der Roman ist ein Plädoyer für die Liebe, zu der jeder seinen Neigungen und Gefühlen entsprechend stehen sollte - unabhängig von der Meinung anderer. Denn jeder hat das Recht, sein Leben so zu gestalten, wie ER es für richtig hält.
Damit verbunden ist auch ein Appell an die Toleranz gegenüber Menschen, die nicht dem Mainstream entsprechen.

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