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Rezension zu "Die Warnung des Kolibris" von Tonia Nellie

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Dorothee (31), deren Freund Gustav und ihre 10 Jahre jüngere Schwester Betti haben einen Flug nach Brasilien gebucht. Sie wollen dort zum ersten Mal Onkel Fritz und dessen Frau besuchen, die sie in ihr Hotel bei São Paulo eingeladen haben.

Als sich Andrea, die älteste der drei Schwestern, entgegen ihrer ursprünglichen Absicht kurzfristig doch noch entschließt mitzukommen, hat Dorothee ein mulmiges Gefühl. Denn die beiden haben kein gutes Verhältnis zueinander, und aufgrund entsprechender Erfahrungen in der Vergangenheit befürchtet sie außerdem, dass Andrea ihr den Freund ausspannen will.

Ihre Vorahnungen sollen sie nicht trügen:
Denn bald belässt es die Älteste nicht bei spitzen, provozierenden Bemerkungen, sondern nutzt Situationen schamlos zu ihrem Vorteil aus und beginnt, Intrigen zu spinnen.

Dorothee und Andrea gelingt es trotz wiederholt bekundeter Absicht einfach nicht, friedlich miteinander umzugehen. Es entsteht ein regelrechter Zickenkrieg, den auch die immer auf Ausgleich bedachte Betti bald nicht mehr zu schlichten vermag.

Hinzukommt, dass die zum Hotel umgebaute alte Villa eines ehemaligen Kaffeebarons, wo die Gäste wohnen, sehr düster wirkt. Häufige Stromausfälle, Dunkelheit und Geschichten um eine einst dort lebende Sklaventreiberin gehen Dorothee ebenso an die Substanz wie Albträume und Schlafmangel.

Die Stimmung wird zusehends schlechter und sowohl Gustav als auch die Gastgeber werden immer mehr in einen unheilvollen Strudel hineingezogen.

Schließlich holt ihre Vergangenheit die verfeindeten Schwestern mit aller Macht ein.

Resümee:
Der Roman beginnt sehr unterhaltsam und schwungvoll: Der Leser lernt während der ersten 4 Kapitel (= 9% des Buches) Gustav sowie die drei ganz unterschiedlichen Schwestern kennen und schmunzelt bei den erfrischend schlagfertigen Dialogen. Die Handlung ist dank der ständig wechselnden Schauplätze im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung. Kurzum: Ein ausgesprochen gelungener Auftakt.

Leider schleift sich der Unterhaltungswert im Folgenden dann zunehmend ab:
Die Schlagfertigkeit, die man anfangs erheiternd fand, da sie auf einer meist spöttischen Ebene stattgefunden hat, nimmt in dem Maße, in dem die Aggressionen zwischen Andrea und Dorothee wachsen, immer sarkastischere Formen an.

Dabei trägt vor allem Letztere an ihre Schwester immer wieder den Wunsch heran, doch trotz aller Verschiedenheit Frieden zu schließen. Keine von ihnen schafft dies allerdings - zumal Dorothee selbst sich nicht sonderlich viel Mühe gibt, ihren Wunsch Realität werden zu lassen:
Sie geht Andrea nicht aus dem Weg, ermuntert sie im Gegenteil zu gemeinschaftlichen Unternehmungen und hat selbst großen Anteil an den verbalen Auseinandersetzungen.

Solcherart bauten sich selbst bei mir während des Lesens gelegentlich Aggressionen auf, zumal Dorothee mir auch aus anderen Gründen wenig sympathisch ist: Unter dem Deckmäntelchen der Moralapostelin hat sie in der Vergangenheit und aktuell einigen Schaden angerichtet.

Durch das desolate Verhältnis der beide ältesten Schwester und die Intrigen Andreas rutscht die Beziehung zu Gustav immer mehr in die Krise. Mit ihm geht Dorothee oft nicht sehr liebevoll um, macht ihm Vorwürfe, kritisiert ihn und versucht ihn zu dominieren; nach sich selbst und der Familie kommt er bei ihr meist erst an 3. Stelle.

Die Handlung bewegt sich ab Kapitel 5 zwischen Hotel, Ausflugszielen und wieder Hotel. Die oft sehr interessanten Örtlichkeiten befinden sich meist fernab der gängigen Touristen-Attraktionen. Jedoch werden deren Beschreibungen stark durch die Auseinandersetzungen Dorothees mit ihrer Schwester beherrscht.

Abwechslung liefern die Besuche anderer Familienmitglieder, Dorothees Albträume, Rückblenden in die Familienhistorie und Geschichten rund um die alte Villa des ehemaligen Kaffeebarons.

Das letzte Drittel des Buches enthält dann noch ein paar sehr spannende Episoden.

Fazit: Nach einem vielversprechenden, fulminanten Einstieg verliert die
Handlung in einer vorwiegend düsteren und aggressionsgeladenen Atmosphäre stark an Schwung und Esprit, um dann im letzten Drittel noch einmal aufzuleben.

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