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Rezension zu "Die Villa am Meer" von Micaela Jary

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Katharina ist gerade Anfang 20, als sie und Joachim sich ineinander verlieben. Kurz nachdem sie sich heimlich verlobt haben, bricht der junge Mann zu einer zweijährigen Fahrt auf Nord- und Ostsee auf, um sein Schifferexamen zu machen.

Katharina hadert mit ihrem Schicksal, fühlt sich alleingelassen, möchte nicht so lange warten und glaubt schließlich, sich sowieso nicht zur Seemannsfrau zu eignen. Sie schreibt Joachim einen Brief, in dem sie ihm die Trennung mitteilt.

Ein Jahr später, 1897, heiratet Katharina in Rostock-Warnemünde den mehr als 20 Jahre älteren verwitweten Korbmacher und Manufakturbesitzer Olaf Borchers. Sie liebt ihn nicht, denn ihr Herz gehört trotz allem immer noch Joachim, doch diese Ehe gibt ihr Sicherheit, auch in finanzieller Hinsicht.

Obwohl Borchers' Sohn aus erster Ehe die Stiefmutter von Anfang an ablehnt, versucht diese alles, um ihrem traditionellen Werten verhafteten Mann eine gute Frau zu sein.

Nach der Geburt von zwei Söhnen verliert sie das dritte Kind zu Beginn der Schwangerschaft und wird schwermütig. Während einer Kur lernt sie die emanzipierte Berliner Ärztin Hermine Martius kennen. Durch diesen Kontakt bekommt Katharina ein neues Selbstbewusstsein, will ihr Leben ändern und sich mit einem Strandkorbverleih selbstständig machen.

Gegen den Widerstand ihres Mannes setzt sie ihr Vorhaben in die Tat um, was ihrer Ehe nicht guttut. Der konservative Borchers distanziert sich immer mehr von seiner Frau.

Auch deren ehemaliger Verlobter Joachim hat inzwischen geheiratet und wohnt nach einem angeblich von ihm verschuldeten Schiffsunglück in der Nähe der Familie Borchers. Es bleibt nicht aus, dass sich Katharina und Joachim wieder begegnen ...

Resümee:
Der Verlauf dieses Romans, der in der Zeit zwischen 1897 und 1921 spielt, scheint durch den Prolog und die ersten Kapitel bereits vorgegeben und daher vorhersehbar zu sein:

Junge Frau trennt sich von ihrem Verlobten, obwohl sie ihn noch immer liebt, heiratet einen gut 20 Jahre älteren Mann, um versorgt zu sein und bekommt Kinder mit ihm. Der verschmähte Ex kehrt nach Hause zurück, heiratet ebenfalls, wird Vater und wohnt in der Nähe seiner großen Liebe. Es kommt, wie es kommen muss: Die inner- und außerfamiliären Verwicklungen und Beziehungsprobleme lassen nicht lange auf sich warten.

Doch der abwechselnd aus der Sicht von Katharina und Joachims Frau Greta erzählte Roman bietet viel mehr:
So sehr sich beide Protagonistinnen voneinander unterscheiden, so konträre Vorstellungen sie vom Leben an der Seite eines Mannes haben und so anders sie mit Konflikten umgehen, so ist beider Ehe zum Scheitern verurteilt.

Katharina nimmt nach einem Tiefpunkt ihr Leben schließlich selbst in die Hand, wird aktiv und macht sich gegen den Willen und Widerstand ihres konservativen Mannes mit einem Strandkorbverleih selbstständig. Sie hat Erfolg, doch diese positive Entwicklung tut ihrer Ehe nicht gut.

Greta hingegen möchte als Ehefrau repräsentieren, hat gesellschaftliche Ambitionen und ersehnt sich ein Leben in Wohlstand an der Seite ihres Mannes. Alle diese Träume werden jedoch durch Joachims Schiffsunglück und die anschließende Kündigung zunichte gemacht. Ihre ständige Unzufriedenheit hat negative Auswirkungen auf die Beziehung zu Joachim.

Die Thematik um die beiden Frauen erinnert besonders in Bezug auf Katharina sehr stark an den Roman "Effi Briest" von Theodor Fontane, und auch Bezüge zu Thomas Manns "Buddenbrooks" sind erkennbar. Auch hier geht es um die Rolle der Frau: Muss sie dem Manne untertan sein, ihm den Haushalt führen, Kinder gebären und erziehen sowie repräsentieren oder darf sie (ungestraft) aus den tradierten Normen ausbrechen, selbstständig und vielleicht sogar von einem Mann unabhängig sein?

Die Beschreibung der Umgebung, Personen und jeweiligen Umstände ist so detailliert, dass der Leser sich sehr gut in die unterschiedlichen Situationen und Konflikte hineinversetzen kann und so manches Mal geneigt ist, selbst Lösungsstrategien zu entwickeln.

Für mich hatte der Roman ein paar Überlängen und war dann streckenweise langweilig. Dies betraf mit fortschreitender Seitenzahl vor allem die Beziehung der Eheleute Borchers, wenn deren Entwicklung sehr häufig, aber oft nur geringfügig modifiziert wurde.

Fazit: eine nur auf den ersten Blick leichte Lektüre mit vorhersehbarem Handlungsverlauf.

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