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Rezension zu "Die Entscheidung" von Charlotte Link

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Nach 14 Jahren Ehe ist Simon seit einiger Zeit geschieden, sein Leben wird jedoch immer noch stark von seiner Ex-Frau bestimmt. Dadurch gestaltet sich die noch junge Beziehung zu Kristina schwierig.

Die bevorstehenden Weihnachtsferien will er eigentlich nur zusammen mit seinen beiden Kindern im südfranzösischen Ferienhaus seines Vaters verbringen. Jedoch sagen sie kurzfristig ab, und Kristina hat keine Lust, nun doch noch einzuspringen, beendet ihr Verhältnis sogar telefonisch.

Simon fühlt sich einsam, und das schlechte Wetter ist auch nicht dazu angetan, seine Stimmung zu heben. Dennoch setzt er sich im strömenden Regen ins Auto, fährt ans Meer und läuft am Strand entlang.

Von dort aus beobachtet er einen lautstarken Streit zwischen zwei Männern und einer jungen, verwahrlost aussehenden Frau, die sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Es handelt sich um die 20-jährige Nathalie, der Simon zu Hilfe eilt. Er kann sie aus ihrer misslichen Lage retten und nimmt sie in Anbetracht des Wetters und ihres Zustands mit zu sich ins Ferienhaus. Dabei ahnt er nicht im Entferntesten, dass die Entscheidung (Titel!) eine tödliche Ereignisspirale nach sich zieht.

Aber auch andere Menschen treffen mit der besten Absicht Entscheidungen mit katastrophalen Folgen. So zum Beispiel in Bulgarien die Eltern von Selina und Ninka, die ihren Kindern den Weg in ein besseres Leben ebnen wollen, aber in die Fänge skrupelloser Verbrecher geraten.

Im Laufe der Handlung wird immer deutlicher, dass die Ereignisse in Frankreich und Bulgarien miteinander zusammenhängen.

Resümee:
Abgesehen von einer in Hamburg angesiedelten Episode spielt die Handlung abwechselnd in verschiedenen Orten Frankreichs und Bulgariens, und zwar zwischen dem 9. und 24. Dezember 2015, also unmittelbar nach den Anschlägen von Paris.

Der Inhalt dreht sich um das Thema Menschenhandel mit dem Ziel der Zwangsprostitution von Jugendlichen, wobei diese nur am Rande gestreift wird. Vielmehr geht es um die Motive, die Opfer, Organisatoren und Handlanger bewegen, sich auf dieses Geschäft einzulassen.

Im Vordergrund stehen in diesem Zusammenhang auch die individuellen Probleme, Abhängigkeiten und Sehnsüchte der einzelnen Charaktere, die ihr Handeln bestimmen. Wie man es bei Charlotte Link kennt, sind sie in sich stimmig entwickelt und verhalten sich ihrer Anlage gemäß absolut glaubwürdig.

Dabei erfahren wir in der Ich-Perspektive Einzelheiten aus Nathalies Vergangenheit. Mit fortschreitender Handlung kommentiert sie auch die gegenwärtigen Ereignisse, die zum Großteil aber in der Er-Form erzählt werden.

Die Handlung besteht anfangs aus vielen zum Teil zeitlich parallel verlaufenden Strängen. Die Autorin hat diese geschickt so angeordnet, dass sie inhaltlich stimmig in das Geschehen passen, immer mehr ineinandergreifen und auf diese Weise verschiedene Teilaspekte peu à peu zu einem Ganzen zusammenfügen. Solcherart schmelzen die Stränge langsam zu einem einzigen zusammen.

Der Leser weiß bis zum Schluss nicht, ob und wie sich die Verwicklungen lösen werden. Denn immer wieder nimmt das Geschehen überraschende Wendungen, immer wieder offenbaren sich menschliche Unzulänglichkeiten, die den weiteren Verlauf unvorhersehbar und die Handlung somit spannend machen.

Sehr deutlich wird, dass jede noch so gut gemeinte Entscheidung eine fatale Ereigniskette nach sich ziehen kann - sei sie aus einer nahezu normalen Alltagssituation heraus spontan getroffen, wie zum Beispiel bei Simon, der Nathalie hilft, oder gut überlegt aus einer verheerenden Ausnahmesituation heraus wie bei den Eltern von Selina bzw. Ninka.

Fazit: ein sehr komplexer und spannender Kriminalroman, für dessen Lektüre man sich ein wenig Zeit nehmen sollte, um allen Facetten gerecht werden zu können.

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