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Rezension zu "Die Einsamkeit der Primzahlen" von Paolo Giordano

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Alice Della Rocca hasst die Skischule, doch der strenge Vater zwingt das Kind jedes Jahr in den Weihnachtsferien zur Teilnahme am Skikurs und erwartet Bestleistungen. Eines Tages erleidet das Mädchen einen schweren Unfall, der ihr gesamtes Leben verändert.

Der 6-jährige Mattia Balossino möchte so gerne unbeschwert an der Geburtstagsfeier eines Schulkameraden teilnehmen. Nur ein einziges Mal will er ohne seine hilfsbedürftige, behinderte Zwillingsschwester irgendwo hingehen. Die Eltern haben jedoch kein Einsehen und so lässt der Junge die Kleine auf dem Weg zur Party in einem Park zurück. Von dort verschwindet sie für immer spurlos.
Das Ereignis beeinflusst Mattias weiteres Leben gravierend.

7 Jahre nach diesen schicksalshaften Episoden begegnen sich Alice und Mattia in der Schule.
So grundverschieden die beiden Einzelgänger sind, scheinen sie doch füreinander bestimmt zu sein.

Aber ihnen ergeht es wie Primzahlzwillingen, zwei dicht nebeneinander stehenden Primzahlen (z.B. 3 und 5), zwischen denen sich jedoch stets noch eine andere Zahl befindet, die eine direkte Berührung verhindert.

Daher bleiben sie immer einsam (siehe Titel).

Resümee:
Thema des Buches ist der Werdegang von Alice und Mattia von ihrer Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter. Beide tragen eine große Bürde, deren Auswirkungen sie in jeder Lebensphase von der Menge Gleichaltriger unterscheidet und zu Einzelgängern macht.

Paolo Giordano vergleicht beide Protagonisten mit Primzahlen, die nur durch eins und sich selbst teilbar sind. Sie stehen einsam inmitten einer Reihe natürlicher Zahlen. Mehr noch: Sie sind wie Primzahlzwillinge (siehe Inhaltsangabe): So nahe sie sich auch kommen, wird ihr ganzes Leben lang immer etwas oder jemand zwischen ihnen stehen.

Dem Autor ist ein hervorragender Spagat gelungen:
Einerseits schildert er sehr anschaulich die Lebensläufe, Konflikte und das jeweilige Gefühlsleben von Alice und Mattia, auf der anderen Seite geschieht dies teilweise skizzenhaft und ist geprägt von einer sachlich-melancholischen Nüchternheit. Dabei enthält er sich jeder Be- und Verurteilung. Solcherart ist die Geschichte von Alice und Mattia zwar traurig, geht so manches Mal unter die Haut, wird aber niemals kitschig.

Getragen wird die Handlung von einer Sprache, die reich an Sprachbildern, aber dennoch schnörkellos und prägnant ist.

Fazit: ein berührendes, nachdenklich stimmendes Buch mit großer Symbolhaftigkeit.

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