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Rezension zu "Anders" von Anita Terpstra

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Während eines Ferienlagers verschwinden der 11-jährige Sander und sein bester Freund Maarten bei einer Nachtwanderung spurlos im Wald. Kurz darauf wird Maartens Leiche gefunden, Sander jedoch bleibt verschollen.

Sechs Jahre später:
Mutter Alma hat die Suche nach ihrem Sohn nie aufgegeben und darüber Mann und Tochter stark vernachlässigt. Ersterer ist depressiv geworden, muss Psychopharmaka nehmen. Letztlich hat die Ehe den Belastungen nicht standgehalten - daran konnte auch Nachzügler Bas (3) nichts ändern. Tochter Iris - mittlerweile 21 - ist nach Amsterdam gezogen.

Da meldet sich eines Tages ein junger Mann bei der Polizei und gibt an, der vermisste Sander zu sein.

Während der Vater und Iris ihm gegenüber gemischte Gefühle hegen, ist Mutter Alma überglücklich, ihren Sohn nun wieder bei sich zu Hause zu haben. Doch im Laufe der Zeit kommen ihr Zweifel, ob es sich bei dem neuen Mitbewohner wirklich um Sander handelt.

Vor allem sie ist es, die in Erfahrung bringen möchte, was in der fraglichen Nacht vor 6 Jahren konkret passiert ist. Ist ihr Sohn wirklich von dem pädophilen Eelco verschleppt worden und hat bis zu dessen Tod mit ihm einsam im Wald gelebt?
Sander möchte nicht darüber reden, will einfach nur vergessen, und ein paar Personen scheinen ein Geheimnis zu hüten.

Resümee:
Zentrale Fragen des Romans sind die folgenden:

- Handelt es sich bei dem aufgetauchten jungen Mann wirklich um den verschwundenen Sander?
- Was genau hat sich in der tragischen Nacht ereignet, als Sander und Maarten bei einer Nachtwanderung spurlos im Wald verschwunden sind?
- Was wissen Iris, ihr Freund Christiaan und der Vater, die ebenfalls in dem Ferienlager waren?

Das alles bleibt bis zur endgültigen Klärung im wahrsten Sinne des Wortes rätselhaft, bietet dem Leser viel Raum für Spekulationen.

Die Auflösung erfolgt peu à peu, spitzt sich jedoch gegen Ende dramatisch zu und enthält einige überraschende Elemente. Ganz am Schluss wartet die Autorin noch mit einem speziellen "Knalleffekt" auf.

Zur Steigerung der Spannung trägt bei, dass die Gegenwartshandlung und Iris' Rückblenden in ihre Kindheit mit Sander abwechseln. Dadurch erhält der Leser Einblicke in die Familienstruktur und kann sich aufgrund der Beziehungskonstellationen ein Bild von der psychischen Disposition der einzelnen Personen machen.

Es wird durch diese Abschnitte deutlich, dass es sich zum Zeitpunkt des Verschwindens der beiden Jungen keineswegs um die im Klappentext genannte "ganz normale, glückliche Familie" gehandelt hat. Dem Vater und Iris ist schon lange klar gewesen, dass Sander nicht normal, sondern schon immer anders (Titel!) gewesen ist als z.B. seine Schwester und die Kinder in Kindergarten und Schule. Die Mutter allerdings hat es mit einer blinden Liebe zu ihrem Kind nicht wahrhaben wollen und dadurch für so manche emotionale Schieflage gesorgt.

Gefühlsmäßig herrscht nach Sanders Wiederauftauchen eine Gemengelage von Freude, Angst, Zweifel, Aggression und Sorge - alles personenabhängig und je nach Situation gut nachvollziehbar. Der Leser fragt sich, ob es bei der zum Teil recht explosiven Mischung irgendwann zum großen Knall kommen wird.

Leider enthält die Handlung einige Überlängen, in denen die Spannung sehr stark abflacht und der Leser "hängen gelassen" wird.

Fazit: alles in allem eine spannende Handlung mit einigen Überlängen, die mit dem Prädikat "Thriller" jedoch überbewertet ist. "Familien-" oder "Psychodrama" wäre meines Erachtens zutreffender.

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