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Rezension zu "Alles nur Theater - mein abgefahrenes Leben auf Tournee" von Katerina Jacob

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34 Jahre lang ist die Schauspielerin Katerina Jacob quer durch Deutschland, Österreich und die Schweiz auf Tournee gewesen, meist zusammen mit ihrer Mutter, der ebenfalls großartigen Film- und Bühnenschauspielerin Ellen Schwiers. Letztere gründete 1982 zusammen mit Ehemann und Tochter das Tournee-Theater "Das Ensemble", das 2014 geschlossen wurde.

Dieses Buch erzählt von oft wirklich "abgefahrenen" Erlebnissen auf ihren Gastspielreisen. Die Auftritte mussten nämlich vielfach unter widrigen Umständen - Bühnen, Hotels, kollegiales Miteinander, menschliche Eigenheiten, Wetter, Krankheiten uvam. betreffend - durchgeführt werden. Dabei entbehrte so manche von Normalität und Routine abweichende Situation nicht einer gewissen Komik.

Geschildert werden ganz unterschiedliche lustige, dramatische, nervenaufreibende Ereignisse, die sich während der Tourneen zu folgenden Stücken ereigneten. Viele Leser kennen mit Sicherheit etliche davon, haben vielleicht sogar die ein oder andere Aufführung besucht und werden sich erinnern:

Der Richter von Zalamea (Pedro Calderón de la Barca)
Johnny Belinda (Elmer Harris)
Romeo und Julia, Macbeth, Der Widerspenstigen Zähmung (alle von William Shakespeare)
Biografie: Ein Spiel (Max Frisch)
Medea (Jean Anouilh)
Damenkrieg (Eugène Scribe)
Ein Fremder klopft an (Agatha Christie)
Die Strategie der Schmetterlinge (Esther Vilar)
Die Mysterien der Liebe oder das unheimliche Phänomen des Testosterons (Kabarett-Programm von Katerina Jacob)
Die Weihnachtshexen (gemeinsames Tournee-Projekt von Katerina Jacob und Mona Seefried)
Bella Donna (Stefan Vögel)

Bei allen Anekdoten wird deutlich, wie die Schauspieler - allen voran Katerina Jacob und Ellen Schwiers - immer bemüht waren, trotz vieler Unwägbarkeiten oder unvorhergesehener Zwischenfälle stets ihr Bestes zu geben.

Zu Beginn des Buches haben wir erfahren, dass schon die Vorbereitungen einer Tournee wohlüberlegt und gut geplant sein wollen.

Nun, am Schluss, runden ein Crashkurs in Theatersprache, "Regieanweisungen der eher seltsamen Art", die Schilderung, wie Tournee-Theater funktioniert und eine Erklärung, warum Katerina Jacob niemals eine Schauspieler geheiratet hätte, das Ganze ab.

Last but not least gibt es noch ein paar veritable Scheißgeschichten rund um die menschliche Notdurft, die auf Gastspielreise auch nicht immer problemlos erledigt werden kann.


Resümee:

Dieses Buch ist eine Hommage an Ellen Schwiers, der die Autorin und Tochter viel verdankt. Und es ist ebenso den tourenden Schauspieler-Kollegen gewidmet wie allen engagierten Kulturdezernenten, Unterkunft bietenden Hotelbetreibern und nicht zuletzt dem Publikum.

Ausnahmslos alle Anekdoten sind sehr lebendig, mit viel Witz, Humor und auch Selbstironie erzählt. Das beginnt bereits mit der jeweils einleitenden Inhaltsangabe, die durch eine lockere Erzählweise auch bei den ältesten Stücken sehr lebensnah herüberkommt.

Und selbst die Theater-Fachausdrücke sowie die Erklärung, wie Tournee-Theater funktioniert, sind so anschaulich erklärt, dass es mir nicht ein einziges Mal langweilig wurde.

So unterschiedlich die Stücke sind, so vielfältig sind die Erlebnisse mit der jeweiligen Tournee-Truppe, die sich oft aus ganz gemischten Charakteren zusammensetzt. Nicht immer sind diese kompatibel, sodass das kollegiale Miteinander manchmal auf der Strecke bleibt und so mancher Auftritt gefährdet scheint.

So abwechslungsreich, amüsant, dramatisch die Erlebnisse der Schauspieler auch sind, so wird vor allem auch deutlich, dass das Tournee-Leben wahnsinnig anstrengend und entbehrungsreich ist und seinen Tribut vor allem in puncto Privatleben fordert.

Für den Leser wird es nie eintönig: Durch die lebendige Schilderung ist er quasi immer als Zuschauer in der 1. Reihe dabei, wenn das Ensemble auf der Bühne agiert oder sich im Hotel bzw. auf der Straße befindet. Er freut, lacht und leidet mit ihm; kurz: nimmt regen Anteil.

Fazit: ein ebenso interessantes wie unterhaltsames Buch, das für Theater-Insider und -Banausen gleichermaßen ausgesprochen kurzweilig ist.
Vor allem merkt man der Autorin in jedem einzelnen Kapitel ihre große Liebe zum Theater an, für die sie 34 Jahre lang viel auf sich genommen hat.

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