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Rezension "Die Betrogene" von Charlotte Link

07/09/2015 12:53 CEST | Aktualisiert 07/09/2016 11:12 CEST
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Mit 39 Jahren hat Kate Linville es bei Scotland Yard noch nicht weitergebracht als bis zum Rang eines Detective Sergeant. Ihr mangelt es einfach an Selbstbewusstsein und Entschlussfreudigkeit und die Kollegen suchen ihre Nähe nur, wenn es unbedingt sein muss.

Auch privat ist sie eine "graue Maus": unscheinbar, Single und sehr einsam. Ihr Vater Richard, bis zu seiner Pensionierung ebenfalls Polizist, war nach dem Tod der Mutter ihr einziger Vertrauter. Doch vor ein paar Monaten wurde er in seinem Haus brutal ermordet.

Die zuständige Polizei aus Scarborough, New Yorkshire, tappt auf der Suche nach Motiv und Täter immer noch im Dunkeln. Da Kate am nötigen Engagement der Ermittler zweifelt, nimmt sie ihren Jahresurlaub und reist zum Haus der Eltern, um vor Ort selbst Nachforschungen anzustellen.

Kurz nach ihrer Ankunft erhält sie den Anruf der ihr unbekannten Schulsekretärin Melissa Cooper, die sie dringend um ein Treffen bittet. Doch Kate findet die Frau nur noch tot in deren Büro - auf ganz ähnliche Weise hingerichtet wie ihr Vater.

Bereits vor Ort erfährt sie vom Sohn Melissas, dass diese und Richard Linville zu Lebzeiten seiner Frau über mehrere Jahre ein Verhältnis miteinander hatten, das aber schon vor vielen Jahren beendet wurde. Kate ist geschockt! Das hätte sie ihrem stets so geradlinigen Vater nie zugetraut! Nicht mit einer Silbe hat er ihr gegenüber je eine andere Frau erwähnt, kein einziger Hinweis auf eine Geliebte findet sich in seinem Haus.

Liegt in diesem Doppelleben Richards vielleicht der Schlüssel zu den Morden?

Doch wie passt der gewaltsame Tod seines ehemaligen Freundes und Kollegen Norman in das Bild?

Eine Parallelhandlung dreht sich um Stella und Jonas Crane und den von ihnen adoptierten 5-jährigen Sammy. Jonas steht kurz vor dem Burn-out und will auf Anraten seines Arztes mit Frau und Sohn einen Kurzurlaub im einsamen Hochmoor machen - ganz ohne Handy, Fernsehen, Internet. Vor Reiseantritt bekommt die Familie noch unerwartet Besuch von Sammys leiblicher Mutter und ihrem neuen Lebenspartner - keine sehr erfreuliche Begegnung.

Beide Handlungsstränge werden bald zusammengeführt.

Resümee:

Charlotte Link gehört derzeit zu den erfolgreichsten deutschen Autorinnen - zu Recht, wie dieser Krimi einmal mehr beweist.

Die Handlung ist vom ersten bis zum letzten Satz gleichbleibend spannend. Sie erfährt häufig so überraschende - aber dennoch absolut logische - Wendungen, der Leser erhält immer wieder so verblüffende Informationen, dass einem manches Mal das Blut in den Adern gefriert.

Genau wie die Polizei und Kate Linville rätselt man mit, wer hinter den grausamen Morden stecken mag, welche Verbindung es zwischen ihnen gibt, muss aber ebenso wie die Ermittler vor Ort manchen zunächst Erfolg versprechenden Ansatz bald wieder verwerfen.

Bei jeder Wendung, jeder neuen Information schöpft man dann abermals Hoffnung, der Lösung ein Stück näher zu kommen. Aber erst gegen Schluss gelingt dem Leser der Durchbruch - er kennt bereits Motiv und Täter, während die Profis noch von falschen Annahmen ausgehen und dadurch in Lebensgefahr geraten. Das erhört gegen Ende der Handlung die Spannung noch einmal ungemein.

Bei aller Unterschiedlichkeit sind sämtliche Charaktere absolut detailliert und glaubwürdig ausgearbeitet - ihr Denken und Handeln ist bei jedem Schritt nachvollziehbar und folgerichtig. Man kann mit ihnen mitfühlen, sei es im positiven oder negativen Sinne.

Es zeugt auch vom großen handwerklichen Können der Autorin, dass viele "lose Fäden" bis zum Schluss nach und nach zu einem komplexen, in sich stimmigen Ganzen miteinander verwoben werden.

Fazit: So mancher Krimi-Autor sollte sich von Charlotte Link "eine Scheibe abschneiden".

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