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Die 6 Phasen des Verlassenwerdens

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VERLASSEN WERDEN
shutterstock

Es ist ätzend, verlassen zu werden. Aber es ist wie Umziehen oder Kinderkriegen (auch wenn ich auf dem Gebiet keine Erfahrung habe): Solange man nicht selbst betroffen ist oder mit guten Freunden mitleidet, vergisst man, wie ätzend es wirklich ist.

Trennungen sind für beide Seiten unangenehm (ich habe darüber auch schon geschrieben) Selbst jemanden zu verlassen, ist zum Zeitpunkt der Trennung und kurz danach schwierig. Plötzlich ist niemand mehr zum Kuscheln da. Plötzlich ist niemand mehr da, dem man alles erzählen kann. Aber letztendlich bist du fest davon überzeugt, dass dein Ex nicht der Richtige für all das wäre und dass ihr beide besser dran seid, wenn ihr getrennte Wege geht. Du bist zwar traurig, aber das Leben geht für dich ohne Frage weiter. Vielleicht weißt du sogar schon, mit wem es für dich weitergehen soll.

Bla, bla, bla. Buu-huuu! Das ist absolut nichts im Vergleich zu dem herzzerreißenden Schmerz, den man fühlt, wenn man selbst verlassen wird.

So läuft das normalerweise ab:

Die „Ich suhle mich in meinem Elend"-Phase

Unmittelbar nach der Trennung bin ich von völliger Verzweiflung gelähmt. Ich kann nicht schlafen und habe keinen Appetit. Ich zwinge mich zum Essen und kann die gekauten Brocken kaum hinunterwürgen. Die einzige Aktivität, zu der ich mich aufraffen kann, ist, zusammengerollt vor dem Fernseher zu liegen und irgendwelchen Mist anzugucken.

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Das = akzeptabel Alles andere = nicht

Zum Glück sind meine Freunde ein echtes Kriseninterventionsteam. Sie trösten mich mit Umarmungen und manchmal auch mit Kuchen. Sie bringen mich dazu, wieder zu essen. Sie sehen sich mit mir Mist im Fernsehen an, bis ich wieder bereit bin, mich der Welt jenseits meines Sofas zu stellen. Sie hören mir zu. Sie sind nicht nur auf meiner Seite, sondern erinnern mich daran, dass es da draußen überhaupt noch andere Menschen gibt.

Diese Phase ist dramatisch und erbärmlich, aber sie dauert auch nur ein oder zwei Tage. Grenzenloses Selbstmitleid ist weder sinnvoll noch attraktiv. Wenn ich die Grundfunktionen - essen, schlafen, arbeiten - wieder bewältigen kann, kommt ...

Die Schlechte-Aussichten-Phase

An diesem Punkt wechsle ich von verzweifelter Traurigkeit zu funktionaler Verbitterung. Ich übertrage meine letzte Beziehung auf alle andere Beziehungen. Wie soll ich jemals wieder jemandem vertrauen? Alle Menschen sind enttäuschende Egoisten. Liebe ist auf tragische Weise kurzlebig.

Meine Freunde stimmen mir bei leckerem Eis in meinen zynischen Ansichten zu.

eiscreme

Und sie wissen, dass ich Ben & Jerrys und nicht Häagen Dasz brauche

Lauren: „Es gibt echt nichts Schlimmeres als Männer."

Gilbert: „Stimmt. Wir sind einfach Arschlöcher."

Sarah: „Glaubst du, er hat eine andere?"

Ich: „Nein. Weiß nicht. Wahrscheinlich irgendeine Langweilerin, die in ihrem Leben noch nie einen Kater hatte."

Sarah: „Igitt. Klar. Männer haben einfach keinen Geschmack."

Ryan: „Nein, haben wir wirklich nicht."

Meine Eiscreme-Kumpels befinden sich selbst in unterschiedlichen Beziehungsphasen - Dauer-SMS mit einem neuen Flirt, zurück beim Ex, gefangen in einer 3-jährigen Beziehung, die sich einfach nicht weiterentwickelt. Aber sie alle haben Mitleid mit mir und meinem jetzigen Zustand - voller Hass auf die Welt und bereit, allein zu sterben - und erzählen mir von ihren letzten und/oder traumatischsten Trennungen.

Eisessen mit Freunden ist eine wunderbare Therapieform. Wir schwören uns, eine Kommune zu gründen und gemeinsam Kinder und Hunde zu adoptieren, wenn sich unser Liebensleben bis wir 35 sind nicht deutlich verbessert.

Und dann bin ich bereit für ...

Die „Ich rede mir ein, dass es mir ohne ihn besser geht"-Phase

Das Single-Leben hat durchaus Vorteile. Ich erstelle eine Liste. Ich mag Listen.

1. Mehr Zeit für meinen Blog.
2. Ich muss mir nicht so oft die Beine rasieren.
3. Ich muss nicht so oft das Bett neu beziehen.
4. Mehr Zeit für Lesen und Yoga. Ich kann endlich Infinite Jest fertiglesen.
5. Ich schlafe in meinem eigenen Bett und allein. Also kann ich abends auch Gesichtsmasken auflegen.

Aber ich würde lieber mit meinem Freund im Bett lesen. Und ich würde auch gern öfter mein Bett neubeziehen und dafür Sex darin haben. Und was bringt mir schöne Haut, wenn niemand mich liebt? Und so beginnt ...

Die „Wäääh, ich will ihn zurück!"-Phase

Ich vermisse ihn. Ich will ihn zurückhaben. Ich grüble über Pläne, die wir tatsächlich hatten. Wir wollten dieses neue Risotto-Rezept ausprobieren. Wir haben Karten für ein Fußballspiel nächsten Monat. Er hätte mich zur Hochzeit meiner Cousine begleiten sollen.

Ich grüble über Pläne, die wir nur in unseren Träumen hatten. Wir hätten in einer kleinen Stadt an der Küste gewohnt. Wir wären sonntags nach unserer morgendlichen Radtour zusammen brunchen gegangen. Wir hätten die cleversten, sportlichsten Kinder von allen gehabt (OK, das habe ich ihm vielleicht so nie gesagt, aber geplant habe ich das).

Auf Facebook ist ein Foto von ihm mit einem hübschen Mädchen. Wer ist die Frau? Ihr haben letzten Monat drei seiner Status-Updates gefallen.

Gleichzeitig schickt er mir diese SMS:

Chaos in der Arbeit diese Woche. Schon der 5. Kaffee heute. Hoffe, dir geht's gut.

Ist das höflich oder herablassend? Was soll ich darauf antworten? Soll ich überhaupt antworten? Ich weiß nicht, was ich tun soll, aber meine Freunde wissen es.

Lauren: „Nein, er ist ein Arsch. Er soll dir keine dämlichen Infos zu seinem Tag schicken, wenn du nicht seine Freundin bist."

Sarah: „Antworte nicht."

Maddie: „Ich finde nicht gut, dass er 'Ich hoffe, dir geht's gut schreibt', als würde er erwarten, dass es dir nicht gut geht. Das ist echt gemein."

In der nächsten Woche sehe ich noch mehr Fotos von ihm mit diesem Mädchen. Anscheinend sind sie zusammen übers Wochenende weggefahren. Meine Freunde sind in Rage.

Gilbert: „Unfassbar. Soll ich ihn für dich umbringen?"

Meine beste Schulfreundin im Chat: „Was für ein Mistkerl. Er hat dich nicht verdient."
Maddie: „Streiche ihn aus deiner Freundesliste und lösche seine Kontaktdaten. Du bist viel zu gut für ihn."

Der Punkt ist: Meine Freunde lieben mich und hassen ihn. Ein elementares Kennzeichen bester Freunde ist, dass sie deinen Ex mehr hassen, als du es je könntest.

Die verzweifelt aktive Phase

Ich arbeite viel, treibe Sport, lese, blogge. Ich streiche meinen Esstisch. Ich probiere das Risotto-Rezept alleine aus. Ich wasche all meine BHs mit der Hand. Ich fange an, Russisch zu lernen (OK, ich sehe mir ein YouTube-Video mit einfachen Sätzen an). Dieser Aktivitätsschub dient einerseits dazu, mich von meiner Trauer abzulenken und ihm andererseits zu demonstrieren, wie toll ich bin.

Zu dieser Selbstaufwertung brauche ich natürlich auch wieder ein Sozialleben. Ich gehe ständig aus. Ich lade Freunde zum Essen ein. Ich probiere verschiedene Drogen und Sexspiele aus. Mein Leben ist so aufregend und fantastisch wie nur irgendwie möglich, und ich sorge dafür, dass das über soziale Netzwerke auch jeder mitbekommt.

Ich bin vielleicht noch nicht völlig über den Berg und glücklich, aber ich tue zumindest so.
Ich gehe mit Lauren Cocktails trinken und Tacos essen. Wir laden ein Bild von meinem Pisco Sour auf Instagramm hoch. #Feierabenddrink

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#Feierabenddrink

Lauren: „Weißt du noch, wie traurig ich nach der Trennung von Eric war? Es war schlimm, aber ich bin auch irgendwie froh, dass es so war. Denn wenn ich nicht so traurig darüber gewesen wäre, hätte die ganze Beziehung keinen Sinn gehabt. Ich war nur traurig, weil ich davor so glücklich war. Man muss einfach immer auch die gute Seite sehen."

Ich: „Du hast so recht."

Lauren: „Eigentlich habe ich das aus South Park geklaut."

Lauren zieht ihr iPhone raus, und wir sehen uns die Folge an, in der Butters verlassen wird.
Wenn Sie den Link nicht anklicken wollen (ich würde das auch nicht wollen), hier der Dialog:

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Meine Güte, Butters, du hast so recht! Starke Gefühle - positive und negative - sorgen erst dafür, dass wir uns lebendig fühlen. Das macht uns Menschen aus, und ich möchte mich definitiv wie ein Mensch fühlen!

Die „Ich bin darüber weg"-Phase

Irgendwann kommt plötzlich und völlig unerwartet der Moment, in dem ich darüber weg bin.
Es ist Freitagabend, und ich bin zuhause. Nicht, weil ich mich in meinem Elend suhle, sondern weil ich müde bin. Ich sehe mir die erste Folge der Serie Girls an, die ich bisher noch nie gesehen habe, und schenke mir ein Glas Wein ein.

Wow, die Mädels in „Girls" diskutieren bei einer Packung Eis ihre Beziehungsprobleme. Das ist genau MEIN Leben!!!

Die Serie gefällt mir. Ich lade noch eine Folge herunter, schenke mir noch ein Glas Wein ein. Fünf Folgen später ist es fast Mitternacht und der Wein ist leer, aber ich bin wirklich gut drauf. Mir fällt wieder ein, dass ich mich auch sehr gut mit mir selbst beschäftigen kann. Ich kann allein sein, ohne einsam zu sein.

Ich drücke auf Pause und checke mein Gmail-Konto. Gilbert ist online, und wir beginnen einen Video-Chat. Er befindet sich auf einer Forschungsreise in Armenien und sitzt gerade in einem verrauchten, lauten Raum. Eine Art Kneipe. Gilbert sieht strahlend und energiegeladen aus. Und betrunken.

Gilbert: [über den Kneipenlärm hinweg] „Wie geht's dir?"
Ich: „Mir geht's gut. Die Woche war lang, aber mir geht's wieder besser. Was ist bei dir los? Wo bist du gerade?"

Gilbert: „Ach, ich bin gerade in einer Kneipe. Das war so eine Art Konzert, bei der ich mit einem Russen zusammen Gitarre gespielt habe. Ich muss aber bis morgen mein Stipendium beantragt habe, deswegen schreibe ich hier zwischen den einzelnen Songs und Drinks auch noch E-Mails. Was machst du so?"

Ich: „Ich bin daheim und trinke. Aber kein Grund zur Sorge!"

Eine Frau mit ziemlich viel Kajal um die Augen schiebt sich vor die Kamera.
Gilbert: „Das ist meine neue Freundin Kate aus Australien. Kate, das ist meine beste Freundin aus Harvard. Ihr Freund hat sie letzte Woche verlassen."

Ich fasse für Kate unsere Beziehung und die Trennung in einem Satz zusammen.
Kate: „Was für ein Mistkerl! Ein Wichser mit einem kleinen Schwanz. Ohne ihn bist du viel besser dran! So ein Arschloch!"

(Australier können solch drastische Worte sagen, weil ihr Akzent lustig klingt und man die Hälfte eh nicht versteht.)

Diese Frau, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe - ein australischer Kneipengast in Armenien - steht bei dieser Trennung zu 100 Prozent auf meiner Seite. Sie ist überzeugt davon, dass mein Exfreund ein Arsch ist, und würde ihn schon allein aus Solidarität umbringen. Wahrscheinlich wurde auch sie schon einmal von einem Kerl verlassen, und wahrscheinlich werden wir beide in unserem Leben auch noch öfter verlassen werden. Das Singleleben kommt mir plötzlich ganz selbstverständlich vor.

Ich: „Haha, danke. Du hast recht. Viel Spaß noch. Ich verabschiede mich jetzt."
Beide: „Wir lieben dich, Süße!"

Ich beende den Chat und bin plötzlich über die Trennung hinweg. Ich sehe mir noch eine Folge Girls an und trinke noch ein Glas Wein.

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Wow, die Mädels in „Girls" diskutieren bei einer Packung Eis ihre Beziehungsprobleme. Das ist genau MEIN Leben!!!

Was ich damit sagen will:

Verlassen zu werden hat zumindest eine gute Seite: Ich merke wieder, dass ich wunderbare Freunde habe.

Freunde, die ich während meiner Beziehung wahrscheinlich vernachlässigt habe. Wenn ich früh nachhause gegangen bin und Frühstückseinladungen platzen ließ, weil ich so sehr damit beschäftigt war, mich zu verlieben. Wenn ich ständig über meinen Freund sprach und mich dabei nicht einmal erkundigte, wie es meinem Gesprächspartner eigentlich geht. Aber wenn eine Beziehung zu Ende geht, sind meine Freunde trotzdem ohne zu zögern für mich da und halten mir diese Dinge nicht vor.

Zwischen 20 und 30 habe ich viel über wahre Freunde und romantische Fehlleistungen gelernt. Erstere sind die wichtigste Stütze in meinem Leben. Die anderen sollen bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Annelia Alex bloggt auf bannelia.com, wo dieser Artikel erstmals erschienen ist.

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