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Warum die erste Runde der Präsidentschaftswahlen in Frankreich historisch war

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MACRON
Philippe Wojazer / Reuters
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"Was für ein Tag!" - Ich höre immer noch, wie François Mitterrand diese Worte in der Nacht zum 10. Mai 1981 ausruft. Er ist gerade dabei, seine Siegesrede zu verfassen und legt ungläubig seinen Stift nieder, als sein Bild über den Fernseher flimmert.

Zwischen den Ereignissen von damals und dem aktuellen Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich können wir einige Parallelen ziehen. Macron wird höchstwahrscheinlich die Stichwahl am 7. Mai gewinnen. Aber erst bei den Parlamentswahlen im Juni entscheidet sich, ob er seine Macht festigen kann oder die Machtverhältnisse in Frankreich noch einmal auf den Kopf gestellt werden.

In den vergangenen zwei Jahren konnten wir beobachten, wie zwei Präsidenten und drei Premierminister angesichts eines wütenden und enttäuschten französischen Volkes scheiterten.

Die Vorwahlen waren eine Farce

In diesen zwei Jahren wurden wir Zeuge, wie sich eine politische Situation vollkommen verändern kann, manchmal sogar mehrmals hintereinander. In diesen zwei Jahren sind die großen etablierten Parteien zerbrochen, besonders die Sozialistische Partei. Seit 1969 musste sie nicht mehr solche Tiefschläge verkraften.

Die Vorwahlen der zwei großen Parteien - der Sozialisten und der Republikaner - waren eine Farce. Die Parteien haben es nicht geschafft, das Volk zu mobilisieren und sich dessen Unterstützung zu sichern. Einige Minister haben sich schlichtweg geweigert, für den Kandidaten ihrer eigenen Partei zu stimmen.

Dass der Front National mit ihrer Spitzenkandidatin Marine Le Pen nun am 7. Mai in die Stichwahl einzieht, ist nur eine logische Konsequenz der Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren. Vor 15 Jahren wäre ein solcher Erfolg des Front National noch völlig undenkbar gewesen.

Niemals hätten wir uns vorstellen können, dass Marine Le Pen in diesem ersten Wahlgang auf fast 22 Prozent der Stimmen kommt. Der Konservative François Fillon erschien als unbezwingbarer Kandidat, erst in den letzten zwei Monaten hat er wegen seiner vielen Skandale an Unterstützung eingebüßt.

Mélenchon und Macron haben die politische Landschaft auf den Kopf gestellt

Zwei politische Phänomene haben die etablierte politische Landschaft bei dieser Wahl in Frankreich auf den Kopf gestellt. Einmal ist da Jean-Luc Mélenchon, der mit trügerischem Charme die enttäuschten Randgruppen der französischen Gesellschaft für sich gewinnen konnte. Nur um ein Haar hat er den Einzug in die Stichwahlen verpasst.

Und dann ist da noch Emmanuel Macron. Vor der Wahl war er nur ein relativ unbekannter junger Mann. Ganz ohne Unterstützung hat er quasi auf dem Reißbrett eine politische Partei geschaffen. Sein verblüffender rasanter Aufstieg spricht für ihn.

Emmanuel Macron, Kopf und Gründer der politischen Bewegung En Marche! (Vorwärts!) und Präsidentschaftskandidat in Frankreich, feiert im Parc des Exposition, als die ersten Ergebnisse der Wahlen am 23. April 2017 eintreffen. Quelle: Benoit Tessier/Reuters

Dass Macron am 7. Mai 2017 zum Präsidenten gewählt wird, hätten viele politische Beobachter aus historischen und statistischen Gründen bis vor kurzem noch für unmöglich gehalten.

Vom "überheblichen Träumer" zum Präsidenten

Er hat seine eigene politische Bewegung gegründet. "En Marche!" basiert darauf, alle politischen Normen der Fünften Republik Frankreichs über Bord zu werfen, auch wenn Macron über keinerlei politische Erfahrung verfügt, auf die er sich für einen solchen Umbruch stützen könnte.

Er war lediglich zwei Jahre lang Finanzminister. Experten scherzten, dass er sich einzig dadurch einen Namen gemacht habe, dass er den Automobilmarkt liberalisiert und dafür gesorgt habe, dass Geschäfte in Frankreich auch am Sonntag öffnen dürften.

Politiker machten sich über ihn lustig und die Journalisten stimmten mit ein. "Wer ist dieser überhebliche Träumer, der Auftritt, als sei er der Messias?" fragten sie.
Aber sein Auftreten war überzeugend. Zeitschriften berichteten voller Verzückung über ihn und seine Wahlkampfveranstaltungen waren stets bis auf den letzten Platz gefüllt.

Schlammschlacht bei den Konservativen

Und hier steht er jetzt also. In der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen konnte er das beste Ergebnis aller Kandidaten für sich verbuchen. Und die Chancen, in zwei Wochen zum Präsidenten Frankreichs gewählt zu werden, stehen äußerst gut.

Als Macron am Sonntagabend seinen Siegeszug durch Paris vollführte, die Kameras immer im Schlepptau, erinnerte es beinahe an Jacques Chiracs triumphalen Sieg im Jahr 1995. Auch er wusste, dass alles für ihn sprach.

Aber macht ihm diese Aussicht nicht auch Angst?

Seine Kühnheit rührt von seiner Überzeugung, dass Frankreich genug davon hat, in Gut und Böse unterteilt zu sein. Verstärkt wird sein Erfolg noch durch das Scheitern seiner Gegner: Alain Juppé, Nicolas Sarkozy, François Hollande, Manuel Valls und François Fillon sind hier zu nennen.

Sie alle wurden von äußeren Umständen geschlagen - oder durch einen eigenen Faux Pas.

Ein Terroranschlag könnte alle verändern

Einzig Macron ging völlig unbefleckt aus dieser nie dagewesenen politischen Schlammschlacht hervor, die der Wahlkampf in diesem Jahr war.

Aber Macron weiß, dass Selbst-Glorifizierung zu diesem Zeitpunkt völlig unangebracht wäre.

Frankreich ist ein zerbrechliches Gebilde und ein weiterer Terroranschlag könnte es zum Einsturz bringen. Frankreich ist außerdem ein gespaltenes Land. Das erste Mal seit dem Jahr 2002 konnte keiner der Kandidaten in der ersten Runde der Wahlen mehr als 25 Prozent der Wählerstimmen auf sich verzeichnen.

Angesichts der großen sozialen Ungleichheiten ist das französische Volk so wütend wie lange nicht. Die etablierten Parteien sind ins Wanken geraten.

Marine Le Pen, Vorsitzende der Front National und Kandidatin in den französischen Präsidentschaftswahlen, feiert, nachdem am 23. April 2017 die ersten Ergebnisse veröffentlicht wurden.

Wir alle haben damit gerechnet, dass es bei den Republikanern in Frankreich jetzt zu einer Zerreißprobe kommen wird. Die Partei steckt Niederlagen schließlich nicht so leicht weg.

Warum so viele Politiker nicht zur Wahl von Macron aufrufen

Politiker wie Laurent Wauquiez, der tief im parlamentarischen Ränkespiel steckt, haben Macron ihre Unterstützung bereits verweigert.

Aber auch die politische Linke steckt in einer Identitätskrise.

Es stimmt, dass Kandidaten wie der Sozialist Benoît Hamon ihre Anhänger dazu aufgerufen haben, für Macron zu stimmen. Aber sie müssen untersuchen, wie es zu so einem chaotischen Wahlkampf kommen konnte - ganz zu schweigen von der katastrophalen Legislaturperiode mit Hollande am Steuer.

Und dann sind da noch Politiker wie Mélenchon, der verkündete, Macron zu unterstützen sei "schwierig". Seine offensichtliche Wut war nur eine Erinnerung an all die unschönen Momente, die es in seiner langen politischen Karriere bisher gab.

Das ist alles nachvollziehbar, besonders nach Mélenchons kometenhaftem Aufstieg in den letzten Wochen.

Le Pens Chancen sind gering

Aber statt seine Niederlage einfach respektvoll und elegant zu akzeptieren und die Verantwortung dafür zu übernehmen, bedient Mélenchon sich einer donnernden Rhetorik, die mehr an den ehemaligen Chef der kommunistischen Partei Frankreichs, Georges Marchais, erinnert, als an die Eloquenz und den Pazifismus des berühmten Sozialisten Jean Jaurès.

Die Chancen für Marine Le Pen, die Stichwahl für sich zu entscheiden, sind gering. Trotz der Unterstützung von fast sieben Millionen Anhängern.

Was uns vor diesem zweiten Wahlgang zu sagen bleibt: Das Band, das uns zusammenhält, ist dünn, aber wir hoffen, dass es nicht reißt.

Frankreich muss seine Einigkeit wiederfinden. Ein Viertel der Franzosen träumt von einem einfacheren Leben, das weniger Unsicherheiten bereithält.

Ein anderes Viertel spricht sich für Steuer- und Schuldenerleichterungen aus.

Ein weiteres Viertel sorgt sich um die Sicherheit des Landes und wendet sich einer populistischen Führungsperson zu, die die Eliten des Landes kritisch sieht.

Macron hat zwei Wochen Zeit, um die Franzosen zu überzeugen

Und das letzte Viertel schließlich, das der Zukunft des Landes etwas zuversichtlicher entgegenblickt, will eine völlige Veränderung der französischen Politik.
Macron steht für die letzte Kategorie. Er hat jetzt zwei Wochen Zeit, um zu beweisen, dass er auch für die anderen drei Kategorien stehen kann.

Wenn ihm das gelingt, dann beginnt seine bemerkenswerte Geschichte erst.

Dieser Artikel erschien zuerst in der World Post und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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