BLOG

Eine offene Plattform fĂŒr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Anne Sinclair Headshot

"Begeistern Sie uns, Herr PrÀsident!"

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MACRON
Christian Hartmann / Reuters
Drucken

Nach 18 Monaten hartem Wahlkampf mit verblĂŒffenden Wendungen, mit vielen Debatten und vor allem der letzten, der scheußlichsten von allen, hat Frankreich endlich einen neuen PrĂ€sidenten.

Vor drei Jahren war er noch ein unbekannter Minister, noch vor einem Jahr war seine Kandidatur extrem unwahrscheinlich. Jetzt wurde er schließlich doch mit 65 Prozent gewĂ€hlt. Emmanuel Macron, 39 Jahre, befindet sich auf einem in der 5. Französischen Republik nie zuvor dagewesenen Höhenflug.

macron

Sonntagabend, sein Gesichtsausdruck schwankt zwischen ernst und glĂŒcklich. NĂŒchtern und zurĂŒckhaltend gibt sich Macron in seinem Hauptquartier. Nur eine Stunde spĂ€ter, nach seinem Einmarsch zu Beethovens Ode an die Freude, steht er voller Leidenschaft vor der begeisterten Menge inmitten der zauberhaften Kulisse des Louvre mit seiner Pyramide.

Ein historisches Ergebnis mit Schönheitsfehler

Macron Sieg war durch die 20 Millionen fĂŒr ihn abgegebenen Stimmen sehr deutlich. Und das, obwohl man weiß - und er sogar selbst zugegeben hat - dass viele Franzosen seine PlĂ€ne nicht befĂŒrworten. Viele WĂ€hler stimmten vor allem fĂŒr Macron, weil sie den rechtsradikalen Front National mit Kandidatin Marine Le Pen verhindern wollten.

Macrons MeisterstĂŒck war ein historisches Ergebnis, auch wenn die Anzahl der leeren und ungĂŒltigen Wahlzettel einen denkwĂŒrdigen Prozentsatz von 12 Prozent erreicht haben, was mehr als 4 Millionen Stimmen entspricht. Ein Zeichen von Misstrauen, wie es Frankreich zuvor noch nie gesehen hat.

macron

Und: Trotz Le Pens Einbruch am Ende ihres Wahlkampfs kam sie auf 11 Millionen fĂŒr sie abgegebene Stimmen.

Le Pen scheiterte an ihrem Extremismus

Marine Le Pen hat 5 Jahre damit verbracht, ihre Partei zu enttabuisieren. Doch am Ende bröckelte der Lack, mit dem sie versucht hatte, die Partei ihres Vaters auf neuen Glanz zu bringen, doch ab. Zu scharf war ihre Rhetorik bei vielen Themen, zu irrwitzig ihr Auftreten bei der letzten TV-Debatte.

So bekamen viele Französinnen und Franzosen den Eindruck: Einmal Le Pen, immer Le Pen. Ihre Kampagne war geprĂ€gt von Beschimpfungen, Unterstellungen und LĂŒgen, sodass ihr schließlich ein weiteres Mal die „glĂ€serne Decke" auf den Kopf fiel. Und dennoch, schaffen es die Rechtsextremen zu ĂŒberleben, zum Leiden der Demokratie.

Macron muss die EnttÀuschten ins Boot holen

Le Pens WĂ€hler sind dabei die ersten Opfer: Denn sie schweben weiter in dem Zustand, der es Le Pen ermöglichte, sie zu begeistern - abseits von den VorzĂŒgen der Globalisierung, von Wohlstand und Kultur.

Die Rechtsradikale profitierte von ihrer Wut - deshalb fĂŒhrte sie sie in die Irre. Die Kandidatin nĂ€hrte sich von ihrer Verzweiflung - und hatte nie vor, sie aus dieser zu befreien. Die Wut und die Verzweiflung bleiben.

Macron muss wissen: Zu glauben, dass das Scheitern Marine Le Pens uns erlaubt, die EnttÀuschten zu ignorieren, wÀre ein Vergehen gegen die Vernunft. Vor allem aber gegen die Republik und ihre verlorenen Kinder.

Diesen EnttĂ€uschten wieder Vertrauen und Hoffnung zurĂŒckzugeben wird die schwerste Aufgabe fĂŒr Emmanuel Macron werden. Und zugleich die entscheidendste. Man hat ihm oft genug mitgeteilt, dass diese Wahl die letzte Chance sein wird.

Der Erfolg, den Front National zu besiegen, ist zerbrechlich, da der FN aus Mangel an Alternativen weiterbesteht. Der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon, dessen Parolen kaum besser waren, als die vor 15 Jahren, hat klar verstÀndlich gemacht, dass dem neuen PrÀsident kein Tag Pause gewÀhren will.

Alle Parteien wollen ihm das Handeln erschweren

Unter den WĂ€hlern, die sich am 23. April fĂŒr MĂ©lenchon entschieden, ist die Feindseligkeit gegenĂŒber Emmanuel Macron besonders groß. Sie sind zwar nicht so hasserfĂŒllt wie Francois Ruffin in seinem Artikel der Zeitung "Le Monde", der einen erschaudern ließ, dennoch bleiben sie unversöhnlich.

Emmanuel Macron wird nun beweisen mĂŒssen, dass er eine festgefahrene Gesellschaft vorantreiben und ein miesepetriges Land fĂŒhren kann.

Es reicht allein, sich die Debatten auf France 2 von gestern Abend anzuhören. Sie deuten an: Die Republikaner, die mit großem Genuss die Parlamentswahlen in fĂŒnf Wochen erwarten, um den Siegeszug des PrĂ€sidenten zu erschweren, werden zwischen den Positionen der Radikalen hin- und herschwanken.

Zum einen gibt es da den fĂŒhrenden Francois Baroin und zum anderen, die gemĂ€ĂŸigteren, Nathalie Kosciusko-Morizet (NKM) oder Christian Estrosie. Die Sozialisten hingegen wissen nicht, welche Kampagne sie ĂŒberhaupt noch unterstĂŒtzen sollen.

macron

All das zeigt: Ja, Emmanuel Macron wird es schwer haben, die weiterhin sehr misstrauischen Franzosen zusammenzufĂŒhren und sie zu beruhigen, so wie er es sich vorstellt. Viele von ihnen haben seine PlĂ€ne immer noch nicht richtig verstanden.

"Begeistern Sie uns!"

Es wird viel Überzeugungskraft benötigen, um den Schleier des Pessimismus zu bekĂ€mpfen, der weiterhin ĂŒber Frankreich liegt. Auch wenn es diesen Sonntag geschafft hat, diejenigen, die einen Aufbruch erwartet haben, stolz zu machen.

Es wird viel Energie benötigen das Frankreich, dem es gut, und das Frankreich, dem es schlecht geht, zusammenzuhalten.

Es liegt im Interesse aller BĂŒrger Frankreichs, dass ihm das gelingt. Denn das Abenteuer ist außergewöhnlich. Der Mensch muss sich der Herausforderung stellen und sich dieser mit aller Kraft offenbaren.

Begeistern Sie uns, Herr PrÀsident. Sie haben es versprochen, es ist Zeit.

Der Artikel erschien zuerst bei der HuffPost Frankreich und wurde von Jana Steinlein aus dem Französischen ĂŒbersetzt.