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Warum wir viel mehr lügen sollten

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Bis zu zweihundertmal lügen wir am Tag, so behaupten Forscher. Schon als Dreijährige fangen wir an, kreativ mit der Wahrheit umzugehen, mit sechs Jahren sind wir darin geradezu perfekt. Doch ist das verkehrt?

Keine Frage, manipulative Lügen um anderen Schaden zuzufügen sind verwerflich. Doch Lügen sind auch ein Schmiermittel der Gesellschaft, unverzichtbar im Alltag, um sich und anderen zu gefallen. Gutes Lügen erfordert sprachliche Kompetenz und soziale Feinfühligkeit.

Was ist die Wahrheit? Sie ist ernüchternd. Unsere Vorfahren waren Affen, letztlich sogar Einzeller, von denen immer nur die Fittesten überlebten. Wir sind die vorläufig finale Stufe eines evolutionären Prozesses aus Fortpflanzung, Überlebenswille und Konkurrenz. Mitgefühl haben wir nur mit denen, die so sind wie wir. Wir lieben unsere Gruppe, wer nicht dazugehört ist uns relativ egal, Empathie macht an den nationalen Grenzen Halt.

Nicht nur potentielle Partner bewerten wir nach unbewussten, evolutionären Programmen, nein, jede Person in unserem Umfeld scannen wir, ob er oder sie für uns von Vorteil sein könnte. Die bittere Wahrheit.

Vielleicht ist das der Grund, warum der Mensch den Alkohol liebt? Der Rausch lässt die Wahrheit verschwimmen. Wir lachen über den schlechten Scherz des Kollegen, weil wir doch wissen, wie sehr ihn das freut. Wir teilen dem unbegabten Praktikanten mit, dass wir in seiner letzten Ausarbeitung großes Potential sehen. Er wird sich noch lange an dieses Lob erinnern.

Was ist, wenn der einzige Sinn des Lebens darin besteht glücklich zu sein? Lügen Sie, was das Zeug hält! Hören Sie nicht auf Leute, die Ihnen sagen, Sie sollten authentisch sein. Vertreter der sog. „Radical Honesty"- Bewegung behaupten, wir sollten uns unseren Gefühlen radikal ehrlich stellen und auch jedes negative Gefühl unbedingt aussprechen. Auf keinen Fall! Über Gefühle sprechen - meinetwegen, aber bitte immer schonend mit Anstand und Feingefühl.

Die Blondine in Ihrem Bekanntenkreis nervt Sie mit ihrem aufgesetzten Gehabe? Und womit hat sie eigentlich diesen gutaussehenden Mann verdient? Bleiben Sie ruhig. Kann es sein, dass ihr Gehabe nur eine Form von Unsicherheit ist? Seien Sie nett zu ihr. Machen Sie es wie die Stoiker, lassen Sie die negativen Gefühle an sich vorbeiziehen, menschliche Gefühle sind so flüchtig wie Nebelschwaden. Wenn wir jemanden nett behandeln, nehmen wir ihn auch automatisch positiver wahr.

In der Paarpsychologie spricht man von „positiven Illusionen", wenn wir unseren Partner in einem übertrieben vorteilhaften Licht betrachten. Paare, die sich gegenseitig so betrachten, sind wesentlich glücklicher miteinander als solche, die das nicht tun. Zudem beginnt man, das idealisierte Bild selbst zu übernehmen. Wir entsprechen immer mehr dem schönen Bild, das der andere von uns hat. Fast wie Magie!

Sie finden, dass Ihr Freund dick und unansehnlich geworden ist? Seine Wampe ist wirklich eklig. Denken Sie daran, wie hübsch er einmal war. Dann formulieren Sie es positiv: „Du warst einmal... ich war so verliebt..." Sie konzentrieren sich in Gedanken auf sein altes Bild, schlank und sexy. Was für eine hübsche Lüge.

Vor einigen Jahren brachte ich ein neues Buch auf den Markt. Eine Kollegin merkte an, es sei ein Glück, dass ich als Bankerin arbeite, vom Bücherschreiben könne ja wirklich niemand leben. Ein entfernter Bekannter hingegen erzählte mir, er habe mich in Gedanken schon neben Steven Spielberg auf dem Regiestuhl sitzen gesehen. Was für eine nette Lüge. Ich erinnere mich immer noch gerne daran.

Die Wahrheit ist eine Konstruktion, kreiert von unseren Sinnesorganen. Die Welt ist so, wie wir sie interpretieren. Unser Leben ist eine Geschichte, die wir uns selbst erzählen. Eine Fiktion, und wir sind die Autoren. Halten Sie es mit Pippi Langstrumpf: Machen Sie die Welt, wie sie Ihnen gefällt. „Shape your brain - shape your life"

Studien zeigen, dass unsere Einstellung ein besserer Indikator für unseren Erfolg ist als unser IQ. Wer in der Lage ist zu träumen, Neues zu wagen, sich vorstellen kann, Großes zu bewegen, der reüssiert. Lebe deine Träume und vergiss die Rückschläge. Steven Spielberg wurde von der USC Cinematic Arts School mehrere Male abgelehnt. Ein ewiger Träumer - der Erfolg gibt ihm Recht.

Und wenn man sich selbst belügt? Studien zeigen, dass wir uns selbst für attraktiver halten als wir es sind. Es ist Teil der menschlichen Neigung, sich in einem übertrieben positiven Licht zu sehen. Die meisten Menschen meinen, sie seien besser als der Durchschnitt. Statistisch eine Unmöglichkeit. Doch Selbstüberschätzung ist durchaus nützlich, wie US-Wissenschaftler in einer Studie nachwiesen: Sie fördert das Selbstvertrauen ebenso wie Ehrgeiz und Ausdauer.

Schon Friedrich Nietzsche sagte: hört auf mit der Suche nach der Wahrheit - kreiert eure eigenen Werte! Es gibt keine objektive Realität, denn wir sind gefangen in unserer Perspektive. Wahr und falsch sind reine Interpretationen. Illusion und Utopie sind alles was wir haben. Leben wir unsere schönen Lügen, statt nach der Wahrheit zu suchen. Sobald wir sie hinter uns lassen, können wir uns selbst kreieren. Oder wie RuPaul, die bekannteste Drag Queen aller Zeiten, es formulierte: „We`re all born naked and the rest is drag".

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