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Instagram oder die Angst vorm Verschwinden

24/05/2017 14:16 CEST | Aktualisiert 24/05/2017 14:16 CEST
Hero Images via Getty Images

Früher schrieb man Postkarten und klebte schöne Momente ins Fotoalbum. Heute stellt man sein Leben auf Instagram. Jeden Tag laden dort Menschen 95 Millionen Fotos hoch. Aber warum eigentlich?

Ob Mark Zuckerberg im Jahr 2004, als er Facebook aus der Taufe hob, ahnte, dass er damit zum mächtigsten Unternehmer der Welt aufsteigen würde?

Facebook hat heute eine Milliarde täglicher User. Und das Foto-Netzwerk Instagram, von Zuckerberg 2012 übernommen, gab kürzlich einen Meilenstein bekannt: Schon 400 Millionen täglich Aktive.

Der digitale Ruhm

Damit ist Instagram, eine Online-Plattform, auf der jetzt auch Videos hochgeladen werden können, die sich nach 24 Stunden selbst löschen, innerhalb von nur sieben Monaten um 100 Millionen User gewachsen.

Die Hauptnutzer sind zwischen 18 und 29 Jahre alt. Noch, wenn man bedenkt, dass die Älteren längst nachziehen und auf Facebook bereits die Vorherrschaft übernommen haben.

Die sozialen Medien haben eine neue Form des digitalen Ruhms hervorgebracht. Eine gewisse Kim Kardashian kann mit einem Schnappschuss ihres Hinterteils auf Instagram 90 Millionen Menschen erreichen und damit potentiell mehr Wirkung entfalten als eine digitale Botschaft von Barack Obama.

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Man mag verächtlich die Nase rümpfen und von einem vorübergehenden Phänomen sprechen. So wie ein renommierter Zukunftsforscher, der vor sieben Jahren voraussagte, im Jahre 2017 werde nur noch eine kleine Horde unterbelichteter Proleten diese sogenannten sozialen Netzwerke nutzen. Irren ist menschlich.

Manch einer wird sagen, ja, natürlich, ein Facebook-Profil unterhalte man schon. Aber eigentlich nur, um darauf sporadisch die Nachrichten zu checken. Wirklich?

Der durchschnittliche Facebook-User loggt sich fünfzehn Mal am Tag ein und zwar für mindestens dreieinhalb Minuten. Gut eine Stunde Lebenszeit pro Tag?

Soziale Medien nutzen, heißt sozial sein

Ganz ehrlich, wer riskiert nicht einen mehr oder weniger ausführlichen Blick, was seine hundert engsten Netzwerk-Freunde in letzter Zeit so in den digitalen Äther gestellt haben?

Und wer ein echter Networker ist, der schickt auch selbst Lebenszeichen in den Hyperraum. Soziale Medien nutzen heißt ja auch sozial sein. Und warum nicht auch auf Instagram, wo alles so schön bunt ist?

Wohlüberlegt muss jeder Post sein, nichts weniger als ein Psychogramm unserer selbst hinterlassen wir auf unserer Timeline. Und überlegen uns zweimal, ob wir unser Gesicht wirklich nochmal in dieser vorteilhaften Pose mit Abendsonne im Hintergrund posten wollen oder vielleicht lieber diese Packung Kippen auf dem Kneipentisch, die mit ihren beiden herausgezogenen Zichten aussieht wie ein postmoderner Osterhase.

Ja, wir entscheiden uns für den Hasen, schließlich sind wir doch eher der ironische Künstler als der eitle Narzisst. Aber auch als ironischer Künstler müssen wir zugeben: Schon wenige Minuten später checken wir unser Profil. Denn die große Frage steht im Raum. Bin ich likeable?

Während sich bei Facebook damit leben lässt, für einen geteilten Inhalt nur ein oder zwei Likes zu bekommen, geht es bei Instagram, wo ausschließlich Fotos gepostet werden, ans Eingemachte: Verspüren meine Follower das notwendige Zucken im Finger und geben mir ihren Doppelklick - ihr freundliches Like?

Die Sucht nach Akzeptanz

Es ist ganz einfach. Der Wunsch nach sozialer Akzeptanz hat die Kraft einer Suchtkrankheit. Wir wollen Resonanz, wir sind Junkies.

Vor nichts fürchten wir uns mehr als vorm Verschwinden. Harvard-Studien zeigen, dass die Motivationssysteme in unseren Gehirnen schon anspringen, wenn wir merken, dass andere uns zuhören. Ein Foto auf Instagram hochzuladen ist der schnelle Schuss.

Primäre Bedürfnisbefriedigung, Drogen fürs Volk, unbedenklich und einfach serviert auf dem Smartphone.

Das Belohnungszentrum wird aktiv, Dopamin schießt in die Amygdala. Hunderte Menschen werden gleich mein Bild sehen. Endlich, die ersten Likes trudeln ein. Jedes Herz ein kleiner Schauer. Und was, wenn keiner liked? Manch einer löscht den ungeliebten Post, bevor er seine digitale Seele nackt in der Timeline verhungern lässt.

Sich auf den sozialen Medien zeigen ist Pflicht für jeden, der sich selbst oder sein Produkt verkaufen will. Wer hier nicht präsent ist, ist entweder von gestern oder ein Super-Promi wie George Clooney.

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Im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie ist Design alles und Inhalt sekundär. Wer als Autor oder Künstler sein Werk unters Volk bringen will, muss zur Marke werden. Nur wer es schon zum Mythos geschafft hat wie ein Karl Ove Knausgard kann es sich leisten, jenseits des digitalen Äthers zu schweben.

In einer englischen Studie gaben über die Hälfte der befragten Jugendlichen an, später einmal berühmt werden zu wollen. Castingshows, Dschungel und soziale Medien haben Ruhm demokratisch gemacht. So klein sie sein mag, in den sozialen Medien hat theoretisch jeder die Chance, eine große Öffentlichkeit zu erreichen, um sich vielleicht irgendwann als Influencer, Blogger oder einfach „Personality" auf angesagten Promi-Events zu tummeln.

Berufs-Sternchen, die noch durch Skandale und Skandälchen im Old-School-Medium Fernsehen bekannt wurden, wirken da geradezu rührend gestrig, wenn man bedenkt, dass für Berühmtsein im Netz selbst das Beschlafen einer Prominentencouch erlässlich geworden ist. Vom Einsingen einer Langspielplatte ganz zu schweigen.

Ich bin also bin ich war das alte Motto, ich poste also bin ich das neue. Tatsächlich schaffen es manche so zur echten Marke.

Wer keine Follower findet, kauft sich welche

So wie eine Bibi von Bibisbeautypalace, der aus Gründen, die mit Youtube-Videos über Drogeriemarkt-Produkte zu tun haben, fünf Millionen junge Menschen folgen.

Wer keine Follower findet, kauft beschämt ein paar dazu, was erstaunlich günstig ist mit unter zwanzig Euro für 1000 Stück und zumindest ein wenig das fragile Ego beruhigt. Instagram, der Tummelplatz der Eitelkeiten und Fake-Follower.

Instagram ist ein Phänomen der Generation Y, der sog. Millennials, doch die Älteren ziehen nach. Während die Achtundsechziger noch die Welt verändern wollten, stehen wir seitdem im Geiste der Selbstverwirklichung.

Mach was aus dir - sei besonders! Böse Zungen behaupten ja, dass die Generation Y eigentlich für gar nichts mehr stehen will, sich lieber anpassungswillig dem guten Leben verschreibt und anderen das Regieren überlässt. Aber besonders, ja, das will man sein.

Wer durch die unzähligen Fashion-, Mama-, und Clean-Eating-Profile scrollt, dem springt eine auffällige Biedermeier-Gemütlichkeit ins Auge. Durchgestylte Schöner-Leben Fotos, möglichst immer mit dem gleichen Licht, damit das digitale Tagebuch auch schön stimmig wirkt.

Revolutionär ist nicht mehr der Steinwurf auf der Straße, sondern ein Foto ohne Filter. Jedes hochgeladene Bild ist Inszenierung, wer auf Instagram erfolgreich sein will, überlässt nichts dem Zufall. Auch nicht das „No filter"-Selfie.

Dass hinter hollywood-reifen Accounts durchschnittlich fade Menschen stecken, ahnt fast jeder. Wir lieben das durchgestylte Familienglück eines David Beckhams auf Instagram, selbst wenn wir wissen, dass ein findiger Beraterstab mit nichts anderem beschäftigt ist, als es zu inszenieren. Wir lieben die romantische Fiktion, das vermeintlich sinnhaft strahlende Leben unserer Rolemodels.

Und die Fiktionalisierung des eigenen Durchschnittslebens wird zum Gebot der Stunde. Vermutlich werden künftige Generationen, die sich dank Virtual Reality tagein tagaus in andere Welten träumen, nur müde lächeln über unsere kleinen Ausflüge ins Filter-Universum. Wir stehen noch ganz am Anfang.

Die zwanghafte Beschäftigung mit sich selbst

Wer kein Narzisst war, wird es spätestens dann, wenn er anfängt, im Aufzugspiegel Selfies zu machen. Die zwanghafte Beschäftigung mit sich selbst, die Selbstbetrachtung im Spiegel des eigenen Geistes wird vom Geist ins Netz verlegt.

Manche Literaturpessimisten sagen ja, es gebe nur noch Autoren und kaum noch Leser. In den sozialen Medien ist jeder potentieller Autor. Nie waren die Todsünden so präsent wie im Netz.

Gierig durchforsten wir unseren Newsfeed auf der Suche nach dem neusten Tratsch, missgünstig vermeiden wir es, das letzte Foto der Konkurrentin zu liken, hochmütig finden wir, dass fünf Likes für unseren letzten Post eigentlich viel zu wenig waren.

Doch wer will es uns übel nehmen? Wir sind denkende Tiere. Produkte Jahrtausende langer Evolution. Und so lässt sich unsere Social Media-Liebe mit zwei Primärbedürfnissen erklären: Suchen und Zeigen.

Neue Informationen zu sammeln ist essentiell für unser Überleben und wird im Gehirn durch die Ausschüttung von Dopamin belohnt. Was können wir dafür, dass wir uns so für unsere Mitmenschen interessieren? Und gleichzeitig wollen wir uns zeigen. Unser fragiles, kostbares Ich. Wollen gesehen, gelobt, beachtet werden. Ich, ich, ich.

Das Ich im Mittelpunkt

Wie irritierend, dass das Ich zwar heute so gehegt und gefeiert wird wie noch nie seit Zeiten der Aufklärung, aber tatsächlich vermutlich gar nicht existiert. Oder vielmehr laut Neurowissenschaftlern nichts anderes ist als eine sich selbst reflektierende Feedbackschleife im Gehirn, bei der weder Erzähler noch Zuhörer genau identifizierbar sind.

Ein neuronales Geschwirre, durch das wir uns selbst eine Geschichte über uns erzählen. Wie gerne würde man dieses fragile Konstrukt näher zu fassen kriegen! Vielleicht durch ein strahlendes Foto auf Instagram? Ich poste also bin ich? Bin das Ich?

Ein digitales Abbild unserer selbst, auf ewig schön und jung, eine Spur, die überdauert. Reden nicht auch Zukunftsforscher davon, das menschliche Gehirn upzuloaden? In einen Datenspeicher und damit auf ewig zu konservieren? Ist das die Zukunft?

Leider nein. Daten sind Information. Und Information ist keine Materie so wie wir. Kein Sitz von Gefühlen, kein ewiges Leben.

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Daten und Information sind ein Wahrscheinlichkeitsmodell, ein Bit ist eine Abstraktion. Selbst ein identisch gebauter Klon wäre nicht wie wir. Erst recht nicht die digitale Version unserer selbst, die für manche so wichtig ist, dass sie riskieren, bei einem Selfie von der Klippe zu stürzen.

Unser digitales Bild ist keine ewige, unsterbliche Seele. Künstler, die gefällige Fotos auf Instagram hochladen, werden zudem niemals im Museum hängen. Denn nur wer gegen den Strom schwimmt, landet dort.

Bei all der Jagd nach Likes sollten wir eins nicht vergessen: Gefallsucht ist eine Form der Selbstunterwerfung. Warum nicht einfach mal auf die Likes pfeifen? Oder auf den dreihundertsten Follower auf Instagram?

Vielleicht sollten wir uns auf das besinnen, was wir sind. Lebendige Originale. Mit Freunden, Freuden und Erlebnissen. Ein begrenztes, schönes Leben, das wir gestalten können zu kleinen schimmernden Kunstwerken. Nicht um der anderen willen, sondern um unserer selbst und unserer Liebsten willen. Es ist wert darüber nachzudenken.

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